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Niemand sagt dir das über Trauer, also werde ich es tun

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Niemand sagt dir das.

Also werde ich es tun.

Niemand sagt dir, dass es sein kann, dass du sterben willst. Niemand sagt dir, dass es passieren kann, dass du im Bett liegst und dafür betest, dass dein Herz aufhört zu schlagen.

Dass vielleicht nicht einmal deine Kinder und dein Mann, die du über alles schätzt und liebst, dich aus den Tiefen deiner Trauer herausholen können. Dass nicht einmal atemberaubende Sonnenaufgänge und prachtvolle Sternschnuppen dich wenigstens für einen Moment innehalten lassen.

Niemand sagt dir das.

Ich spreche nicht von Depressionen. Oder von Selbstmord. Oder von Hoffnungslosigkeit. Ich spreche davon, wie es sich anfühlen kann, wenn ein Mensch stirbt, den du über alles liebst.

Ein Mensch, der dich seit deiner Geburt kennt und der immer an deiner Seite stand - und der eigentlich bis zu deinem Tod an deiner Seite hätte sein sollen. Völlig unerwartet. Ohne Vorwarnung. Noch viel zu jung. Erschreckend lebenslustig. Und von einem Moment auf den anderen ist dieser Mensch einfach weg.

"Mein Anker, meine Endhaltestelle, mein Copilot fürs Leben"

Mein Bruder Wyatt ist vor einem Jahr im Alter von 42 Jahren an einem Aneurysma gestorben. Wir beide standen uns näher als die meisten Geschwister.

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Unser Vater starb, als wir ein Jahr und drei Jahre alt waren. Verbunden durch diesen seelischen Schock in frühen Jahren gaben wir uns gegenseitig Halt. Er war mein Anker, meine Endhaltestelle, mein Copilot fürs Leben. Mein "von der Wiege bis ins Grab".

Als er starb, verlor ich komplett den Boden unter den Füßen. Es öffnete sich ein Fenster zu einer anderen Dimension und ich fiel direkt hinein.

"Nimm mich mit", sagte ich immer wieder. "

Immer und immer und immer wieder. Es war verwirrend und manchmal verschlang es mich komplett. Doch es war der einzige Ort, an dem ich sein wollte und konnte.

Ich tauchte monatelang immer wieder in diesen Zustand ein und wieder heraus. Und wenn man mit seinen Freunden und seiner Familie darüber spricht, wenn man versucht, diese Gefühle in Worte zu fassen, dann schrillen sämtliche Alarmglocken.

Alle machen sich Sorgen. In unserer Kultur gibt es keinen Ort für diese düsteren Gefühle und die Trauer.

Niemand sagt dir das. Zumindest nicht in unserer amerikanischen Kultur. Doch nun, da ich es wieder auf die andere Seite zurück geschafft habe, werde ich es euch sagen.

Jeder Mensch trauert anders. Mir ist jedoch klar geworden, wie viele Menschen ihre Trauer unterdrücken, weil sie Angst haben, dass sie andere dadurch beunruhigen könnten.

Erstens möchte ich sagen, dass es bei dem Wunsch, "zu sterben" nicht wirklich ums Sterben geht.

Es geht darum, den geliebten Menschen mit aller Kraft festzuhalten. Sein Menschenmögliches zu geben, um die Trennung so lange wie möglich hinauszuzögern. Dieser Wunsch entsteht, wenn man so unglaublich fest mit jemandem verbunden war, wie Menschen nur irgendwie miteinander verbunden sein können.

Er entsteht aus dem Gefühl heraus, dass die Seelen miteinander verbunden sind. Wie zwei Leben, die zusammengehören, so dass die eine Hälfte einfach nicht mehr weitermachen kann, wenn die andere Hälfte stirbt.

Das Gefühl, weiterleben zu können, wird wieder kommen

Dieser Wunsch ist normal, er entsteht aus Liebe und Verbundenheit und er ist in Ordnung.* Du wirst wieder in diese Dimension zurückkehren. Du wirst wieder das Gefühl haben, weiterleben zu können. Doch erst musst du in die Tiefen dieser Dunkelheit abtauchen.

Es gibt einen Spruch, der mich an meinen schlimmsten Tagen über Wasser gehalten hat: "Deine Trauer ist genauso intensiv wie deine Liebe." Und genauso fühlte es sich an.

Der Tod gehört zum Kreislauf des Lebens

Zweitens möchte ich sagen - und vielleicht tröstet das ja ein wenig - dass es in anderen Kulturen und Teilen der Erde einen Platz für dieses Gefühl gibt.

In diesen Kulturen - in denen der Tod zum Kreislauf des Lebens zählt und nicht abgelehnt und gefürchtet wird, weil die Menschen verzweifelt versuchen, ihr Leben zu verlängern und dem Tod auf Teufel komm raus zu entrinnen - gibt es Verständnis und sogar Offenheit für den Schmerz, der mit einem Verlust einhergeht.

Mehr Verständnis in anderen Kulturen

In nahöstlichen Kulturen gibt es ein Sprichwort, das im Zusammenhang mit Verlusten weit verbreitet ist und das die Hinterbliebenen auf der Beerdigung und auch noch lange danach ständig zu hören bekommen: "Stirb nicht mit den Verstorbenen."

"Wir wissen, dass du mit dem geliebten Menschen sterben willst. Doch tu es bitte nicht. Wir wissen und verstehen, dass dieses Verlangen stark mit deiner Liebe verbunden ist und wir erinnern dich daran, bei uns zu bleiben", scheint uns diese Redewendung vermitteln zu wollen.

Zeit zum Trauern

Im Judentum gibt es Zeiträume von sieben Tagen (Schiwa), von 30 Tagen (Schloschim) und von zwölf Monaten (Avelut), in denen nahe Angehörige dazu angehalten werden bzw. es sogar von ihnen erwartet wird, dass sie nicht an Feierlichkeiten und großen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen.

Man erhält Verständnis dafür, dass man sich beraubt fühlt, dass man allein sein muss, dass man zerbrechen muss und dass man erst danach langsam wieder zu sich kommen kann.

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In Mali und in anderen afrikanischen Staaten tragen Witwen noch ein ganzes Jahr nach dem Verlust blaue Kleidung. Dadurch müssen sie das Unsagbare nicht aussprechen und sie bekommen den Raum, den sie für ihre Trauer benötigen.

Unterdrückte Trauer führt zu Depressionen

Auch unsere Gesellschaft braucht unbedingt mehr Akzeptanz und Mut, wenn es um das Thema Schmerz geht.

Jeder Mensch trauert anders. Mir ist jedoch klar geworden, wie viele Menschen ihre Trauer unterdrücken, weil sie Angst haben, dass sie andere dadurch beunruhigen könnten oder weil sie ihre Verletztheit nicht zeigen wollen.

Unterdrückte Trauer kann zu Depressionen und Sucht führen und es kann passieren, dass die Trauer "später zurückkommt und dann völlig aus dem Ruder läuft". (Parkes, 1998)

Schmerz gehört nur einem selbst

Wir müssen tapfer sein. Wir müssen offen sein für Schmerz und einen Platz für etwas bereithalten, das im Endeffekt viel weniger mit Schmerz zu tun hat als mit Liebe, mit Verbundenheit und mit dem Leben.

Meine Worte werden deinen Schmerz nicht im Mindesten lindern.

Doch ich hoffe, dass ich dir helfen kann, zu verstehen, dass deine Trauer ganz normal ist und dass sie in anderen Kulturen, die nicht so viel Angst vor dem Tod haben wie unsere, von der Gesellschaft akzeptiert und sogar angenommen wird.

Und ich will dir sagen, dass dieser Schmerz dir ganz allein gehört. Wenn du mir sagst, dass du einfach nur sterben willst, dann bin ich für meinen Teil nicht alarmiert.

Stattdessen antworte ich dir: "Ich weiß. Natürlich willst du das."

*Dies ist kein ärztlicher Ratschlag. Sehr lang anhaltende Trauer kann sich zu einer klinischen Depression entwickeln. Deshalb solltest du immer das Gespräch mit deinem Arzt suchen.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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