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12 Dinge, die in Italien einfach besser laufen als in Deutschland

02/03/2015 15:38 CET | Aktualisiert 02/05/2015 11:12 CEST
Thinkstock

Eine Italienerin in Deutschland.

Als ich an einem verregneten Sonntag am Hauptbahnhof von der Tram- zur U-Bahnstation gerannt bin - natürlich ohne Regenschirm -, bin ich dementsprechend total nass in die U-Bahn gesprungen. Mir gegenüber saßen Mutter und Kind, die im Gegenteil zu mir total ausgestattet gegen schlechtes Wetter waren: Regenjacke, Regenhose und sogar eine Hülle für den Rucksack.

Plötzlich fragte das Kind seine Mutter: „Mama, wann fahren wir wieder nach Italien? Dort ist das Wetter viel schöner und das Eis schmeckt besser. Wenn ich groß bin, werde ich ja nach Italien ziehen!"

Nein, erzählt habe ich dem Kind nicht, dass ich - als ich groß geworden bin - freiwillig von Italien nach Deutschland gezogen bin. Es hätte ansonsten den Glauben an die Menschheit und an die guten Dinge der Welt verloren!

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Allerdings hat mich auf dem Weg von der U-Bahn nach Hause - immer noch ohne Schirm und unter dem Regen - der Gedanke beschäftigt:

„Wäre es besser gewesen, eine total gute Ausstattung gegen Regen zu haben, oder hatte das Kind Recht, und ich hätte einfach auf Sizilien bleiben sollen? Nein, ich bereue meine Entscheidung nicht, aber eine solche Ausstattung ist mir viel zu deutsch! Ja, aber nach fast fünf Jahren in Deutschland hätte ich mindestens lernen können, dass ein Regenschirm in die Tasche einzupacken vorsorglich gewesen wäre und in solchen Fällen sogar nötig! Aber woher hätte ich wissen sollen, dass das Wetter schlecht wird? Klar, den Wetterbericht hätte ich schauen können! Ich war aber schon fast zu spät dran und wenn ich vorm Weggehen noch an Wetterbericht, Schirm, Regenjacke usw. hätte denken sollen, dann wäre ich höchstwahrscheinlich einfach zu Hause geblieben!"

Der Stream of Consciusness meiner Gedanke endete, zum Glück, vor meiner Haustür. Eigentlich bin ich immer sehr souverän und rational, wenn ich die mir oft gestellte Frage „Warum bist Du nach Deutschland gezogen?" beantworten muss, aber das plötzlich schlechte Wetter nervt mich nach wie vor, und anscheinend - ich gebe es zu - bin ich einfach zu italienisch, um vorsorglich zu denken.

Ich will jetzt nicht pathetisch wirken, aber jeder, der aus rationalen Gründen ins Ausland gegangen ist, auch wenn man dabei seine Fluchtaktion nicht bereut, erlebt eine Art romantische Sehnsucht nach einer bestimmten Vorstellung von der eigenen Heimat, die nicht immer der Realität entspricht.

Für unsere abendländische Denktradition sind solche Begriffspaare wie Rationalität und Emotionalität, Wirklichkeit und Vorstellung überhaupt nicht fremd, aber um einen Beitrag über „12 Dingen, die in Italien einfach besser laufen als in Deutschland" schreiben zu können, ohne dabei allzu banal zu sein, muss ich wohl noch einen zusätzlichen romantischen Begriff ins Spiel bringen, und zwar: Die Ironie.

Damit fängt meine Liste an:

1) Ironie

Mag die deutsche Romantik die Erfindung der Ironie auch für sich beanspruchen, so scheinen sie doch viele Deutsche heutzutage vergessen zu haben. Im Italienischen gibt es einen Spruch, der lautet: „Lamentati se vuoi star bene!" (wörtlich: „beschwer dich, damit es dir gut geht", gemeint: „es beschwert sich derjenige, dem es eigentlich gut geht").

Die Deutschen beschweren sich gerne, wenn ausnahmsweise mal irgendetwas nicht funktioniert, während für die Italiener eine katastrophale Organisation in jedem Bereich des Gesellschaftlichen und der Politik ja die Regel ist. Sich beschweren bringt bekanntlich nichts, deswegen lieber ironisch sein, ansonsten wäre die Alltäglichkeit eine Qual und jeder würde unter starken Stressanfällen leiden.

2) Kreativität

Um ironisch zu sein, ist die Kreativität eine Voraussetzung, und die Kreativität der Italiener äußert sich in den verschiedensten Bereichen.

Wenn man z.B. irgendwo wartet, sieht die Schlange nicht wie eine solche aus, sondern hat eine andere, kreative Form, eher rund oder vielleicht einfach konfus. Diese unförmige Zusammenstellung von Menschen ermöglicht die Kommunikation, weil man oft keinen Zettel mit Nummer ziehen kann, und dann muss man ja laut fragen, wer als Letzter gekommen ist, sich das merken und sich dann auf kreative Weise anstellen.

Um ein Gespräch in Italien anzufangen - v.a. wenn man im Süden wohnt - muss man auch sehr kreativ sein. Über Wetter kann man nicht lästern, deswegen muss man sich wohl was anderes überlegen.

Das Warten in einer Schlange kann ewig dauern, deswegen kann man auch auf kreative Weise anders warten: ein Buch stehen lassen, einen Zettel mit „Ich bin gleich da" liegen lassen, jemand anderen an deiner Stelle warten lassen und dich benachrichtigen lassen, wenn du fast dran bist. Alles ist akzeptiert!

Auch beim Schimpfen sind die Italiener unglaublich kreativ! Die größte Leistung der Kreativität dient v.a. der Vermeidung von vielen Pflichten und darin sind die Italiener echt am besten! Italiener haben auch den Ruf, im Bett sehr kreativ zu sein, statt davon zu erzählen sage ich nur, dass jeder das selber ausprobieren kann.

(Lesen Sie nach dem Video weiter)

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3) Selbstoptimierung

Früh genug lernt man, dass die Bürokratie dein größter Feind ist, dass keiner in keinem Büro deine Frage beantworten kann, und dass man deswegen sich selbst optimieren muss, ansonsten würde man schon wieder Panikanfällen bei jeder Gelegenheit bekommen. Um das zu vermeiden, muss man all die möglichen Probleme und Schwierigkeiten, die vorkommen können, im Voraus ahnen und sich für alle eine Lösung zu überlegen.

Dasselbe gilt auch fürs Autofahren: Keine Panik, nicht nach Schildern suchen (die gibt's ja nicht) und an der Kreuzung gilt die „Regel", dass wer früher ankommt, als erster hinüberfahren darf. Spruch für die Selbstoptimierung ist: „Chi fa da sè fa per tre" („wer alles selbst macht, macht es besser")

4) Natur

Die Italiener haben ein ausgebreitetes Konzept der Natur. Man braucht nicht in den Wald oder auf die Berge zu gehen. Natur sind Menschen und ein bisschen Bäume, und um Menschen und Bäume zu sehen, reicht es ja, in der Stadt spazieren zu gehen.

Wir brauchen dementsprechend nicht wandern zu gehen und teure Wanderschuhe mit voller Ausstattung zu haben. Man kann ja überall spazieren und dabei gut aussehen! Ans Meer kann man immer fahren und auch im Winter kann man im Süden auf der Meerpromenade bummeln, ohne dabei zu frieren.

5) Spontaneität

Italiener können bekanntlich nichts planen. Das ist kein Klischee! Das Planen raubt die Freude am Sich-Treffen und wenn man im Voraus auch für ein normales Treffen oder eine Reise unter Freunden alles plant, dann kann man nicht kreativ die logistischen Schwierigkeiten lösen. Die Spontaneität ist nicht nur eine Eigenschaft, sondern vielmehr eine Lebensphilosophie (den einzigen Fall, in dem das nicht gilt, habe ich in Punkt 3 ausführlich erklärt).

6) Kaffee

Ich will hiermit nicht banal wirken und lediglich behaupten, dass Kaffee in Italien überall viel besser schmeckt und weniger kostet; nein, Kaffee trinken in Italien ist generell viel einfacher und schneller. Dafür braucht man sich nicht zu verabreden!

Man geht einfach zur Theke, bestellt einen Kaffee, bekommt einen Espresso, trinkt ihn und geht wieder. Das gilt aber nicht nur für einen Espresso, sondern auch für einen Cappuccino. Man wird nicht gefragt, ob man einen kleinen, medium oder großen haben mag. Cappuccino ist Cappuccino und keiner würde dafür Sojamilch benutzen.

Bezahlen braucht man oft nicht, v.a. wenn man aus einem kleinen Städtchen kommt. Es ist immer jemand in der Bar, der dich kennt und dich einlädt.

7) Hilfsbereitschaft

Kein Mann würde eine Frau eine sehr schwere Einkaufstüte oder einen Koffer schleppen lassen. Egal ob er sie kennt oder nicht! Die Feministen werden sich bestimmt dagegen wehren und für die Emanzipation argumentieren, aber ich gebe es zu, ich habe mich immer sehr gefreut, dabei Hilfe zu bekommen.

8) Eingeladen zu werden

Das spricht bestimmt nochmal gegen die Emanzipation der Frau, aber eine sehr verbreitete Regel ist eben, dass man eine Frau beim Essen nicht zahlen lassen darf. Das schönste daran ist nicht nur die Tatsache des Nicht-Zahlens, sondern dass man sich keine Gedanken darüber machen muss, dass der Mann unbedingt auf die Frau steht. Es geht um reine Galanterie!

Jemanden einzuladen ist auch eine Art, dem anderen zu zeigen, dass man sich über seine Gesellschaft freut, und das passiert nicht nur zwischen Frau und Mann, sondern auch unter Männern mit Männern und Frauen mit Frauen.

9) Galanterie

Die italienischen Männer können oft furchtbar anstrengend sein, wenn sie glauben, sie seien Machos und sehr von ihrer Männlichkeit überzeugt sind, aber die Nicht-Machos (und zum Glück sind sie ja viele) sind einfach sehr galant und haben gelernt, eine Frau nie alleine nach Hause gehen zu lassen. Man braucht nicht mal danach zu fragen, das ist selbstverständlich.

10) Die Männer sprechen immer die Frauen an

Eine italienische Frau, die nach Deutschland zieht, stellt oft ihr Aussehen in Frage, weil keiner sie anspricht oder sie anschaut. Oder besser: Das passiert fast nur, wenn ein Mann sehr betrunken ist und der Nachteil daran ist, dass in dem Zustand jede Art von Kommunikation sehr schwierig wird. Italiener sind das totale Gegenteil! Sie brauchen weder Alkohol noch eine besondere Ausrede, oft sagen sie einer Frau direkt, dass sie sie hübsch finden.

Das mag sehr oberflächlich wirken, aber es tut einfach für das Ego gut!

11) Reisen

Jeder Deutsche beschwert sich über die deutsche Bahn. Sie mögen vllt. Recht haben, weil die Bahn ja nicht immer pünktlich ist, aber in diesem Fall bekommt man sogar ein bisschen Geld zurück.

Jeder Italiener weiß, dass eine Reise mit Trenitalia ein richtiges Abenteuer sein kann! Man weiß weder, wann man fährt, noch wann man ankommt und ob überhaupt, aber genau deswegen kann man sich darauf vorbereiten, die schöne Landschaft genießen, und der Vorteil ist, dass man bei der Ankunft ein paar Geschichten zu erzählen hat.

Der ganze Spaß hat auch sehr wenig gekostet.

12) Ich weiß, jeder hat bestimmt darauf gewartet, dass ich vom Wetter und vom Essen schwärme.

Dem Drang konnte ich mich nicht entziehen, aber dafür habe ich eine autoritative Meinung eingeholt, und zwar die von Herr Goethe:

„Vom Klima kann man nicht Gutes genug sagen; [...] Vom Essen und Trinken hierzuland hab' ich noch nichts gesagt, und doch ist es kein kleiner Artikel. Die Gartenfrüchte sind herrlich, besonders der Salat von Zartheit und Geschmack wie eine Milch [...] Das Öl, der Wein alles sehr gut [...] Fische die besten, zartesten. Auch haben wir diese Zeit her sehr gut Rindfleisch gehabt, ob man es gleich sonst nicht loben will. [...]" (Italienische Reise, Palermo, den 13. April 1787).

Essen ist in Italien nicht nur ein Bedürfnis, sondern vielmehr eine Kultur und deswegen nimmt man sich sowohl für die Vorbereitung als auch für das Beisammen-Essen viel Zeit.

Mit dieser Liste habe ich die Frage nicht beantwortet, warum ich nach Deutschland gezogen bin, aber zum Glück war die Aufgabe nur, 12 Dinge zu finden, die in Italien besser als in Deutschland laufen. Hoffentlich bin ich nicht an der von mir gelobten Ironie und Kreativität der Italiener gescheitert.


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