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Folge deiner Passion -- Am Arsch.

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Image by Catherine MacBride via Getty Images
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In Zeiten von Smoothies-Wellness, Yoga-Lowcarb und allgemeiner Sehnsucht nach Sonstwie-gelabelter Bekuschelungs-Wühlfühl-Kramserei, in Zeiten des Zurückwünschens der guten, alten Vergangenheit, in der man noch nicht selbst in der Mittagspause noch irgendwie produktiv sein musste, um den eigenen, sozialen Wert zu optimieren ("Never eat alone", "Pokemon GO", et al.).

In der uns noch nicht der IS nervte (sondern z.B. die RAF oder die ETA) und in denen die Hühner, nach Schredderung ihrer männlichen Küken, noch nicht mit Antibiotika und Wachstumshormonen vollgedonnert wurden (oder wir es zumindest noch nicht wussten).

In diesen heutigen Zeiten also, da wird uns oft als die neue Lösung, um mit der ganzen o.g. Scheiße klarzukommen, nahegelegt, dass man der eigenen Passion folgen solle. Dann wäre Arbeit keine Arbeit mehr, Sorgen keine Sorgen und irgendwie alles wäre total viel toller, so allgemein.

"Folge deiner Passion" ist so etwas wie die moderne Quick-Lifecoaching-Zauberformel an alle, die unzufrieden sind. Unzufrieden darüber, dass sie sich getrieben fühlen in eine Richtung, in die sie irgendwie -- so vom Gefühl her -- gar nicht wollen.

Die blöden Bälger nerven rum

Im Job ist irgendwie nur Mist zu tun für irgendein bedeutungsloses Ziel, beim Kneipenabend mit den Jungs geht's immer nur um die gleichen, langweiligen Themen, die blöden Bälger nerven auch nur rum, statt mal Bier holen zu gehen oder den Rasen zu mähen.

Und warum, verdammt, muss man eigentlich die einzige, beim Sex total langweilige Frau erwischen, wo es doch sonst jede andere mit allen möglichen, akrobatischen Stellungen an den verrücktesten Orten tut und dazu noch ihre attraktiven und sexuell neugierigen Freundinnen einlädt (Quelle: Irgendwo im Internet).

Und jetzt soll man bei dem ganzen Zirkus auch noch seine Passion finden und ihr folgen?! Hm. Gilt "Auf dem Sofa rumhängen, wenn endlich alle mal ihre blöde Klappe halten" als Passion? Und wie soll man davon die Miete bezahlen, wenn man dieser Passion folgt? Ist das Sofa, auf dem man rumzuhängen gedenkt, dann als Arbeitsmittel von der Steuer absetzbar?

Was für ein beschissener Ratschlag

Okay, genug der Ironie jetzt. Um es kurz zu machen: "Folge deiner Passion" ist m.E. ein total beschissener Ratschlag. Er ist sogar auf mehreren Ebenen beschissen:

1. Er tut so, als hätte jeder Mensch eine intrinsische Bestimmung in dieser Welt. Eine Mission, die nur zu entdecken und dann zu erfüllen wäre, und für die er gewissermaßen der Auserwählte ist. Mag sein, dass einige Menschen das haben. Doch weder ich, noch die Menschen, die ich kenne (und da sind echt ein paar gute dabei), machen den Eindruck auf mich, als folgten sie einer ihnen bewussten, höheren Mission.

2. Er passt so ekelhaft perfekt zu dem Internet-Zeitalter. "Folge deiner Passion" klingt so philosophisch und gleichzeitig eingängig, so "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder"-kompatibel, so 140-Zeichen-Twitter-konform und gleichzeitig so deep, dass sich allein durch die Erfüllung dieser Kriterien das ganze so toll verbreiten und annehmen kann.

Er ist super dafür geeignet, mal kurz in Tagträumen an einen karibischen Strand zu driften, wo man gutaussehenden Menschen Surfboards verleiht, bevor man die nächste E-Mail vom Chef bekommt, den nächsten Berg von Einkäufen in den Wagen hievt, die nächste Diskussion über Schlafenszeiten mit den Kindern hat.

3. Er setzt voraus, dass eine Passion nur dann "gültig" ist, wenn sie sich irgendwo zu Kohle machen lässt. Zumindest zu so viel, dass man sein Leben damit bestreiten kann. Dass das Bullshit ist, kann man daran erkennen, dass gerade die Tatsache, dass sich Menschen zum Beispiel ehrenamtlich engagieren (obwohl das vielleicht nicht 100% dem Folgen ihres einen, großen Ziels dient) ein extrem wichtiger Teil für das Funktionieren eines für Alle lebenswerten Miteinanders ist.

4. Er sagt eigentlich aus: "Siehste, du Depp! Jetzt biste unglücklich, ne? Klar, bist ja nie deiner Passion gefolgt, hast ja immer den einfachen Weg gewählt. Jetzt sitzt du da, mit deinen 35 Jahren und dem ganzen Nervzirkus um dich herum. Also los los! Dann mach wenigstens JETZT, aber schnell, sonst beginnt die Rente und damit der Abend deines kümmerlichen Lebens!".

5. Er ist verlogen, weil er das Gegenteil von dem erreicht, was er vorgibt, erreichen zu wollen: Tatsächlich entmutigt er, erzeugt noch mehr Druck, und eröffnet die Frage, ob man selber jetzt eigentlich echt der einzige Trottel ist, der das ganze Leben eher so mittel hinbekommt (Anmerkung des Autors: Nein. Ist man nicht. Und mittelmäßig ist das neue geil).

Ob ich nun eine Lösung für die latente Unzufriedenheit habe? Nö. Ich habe auch kein Buch, dass ich euch jetzt verkaufen kann und keinen Online-Videokurs. Auch ich denke oft, dass das jetzt nicht gerade das Leben ist, was ich mir basteln würde. Wenn ich mit wichtigen Menschen streite. Wenn ich Urlaubsfotos von perfekten Sandstränden und glasklaren, kanadischen Gebirgsseen auf Facebook sehe, während ich gerade eine Pause vom Hausputz mache. Wenn die Kohle knapp wird und ich eigentlich noch ein paar Tage überbrücken muss.

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Es ist gut, so wie es ist

Aber ich glaube, ich bin ganz glücklich damit, mich nicht damit unter Druck setzen zu müssen, meine eine, DIE Passion zu finden. Ich persönlich mache sowieso gerne tausend verschiedene Dinge. Das lässt mir nämlich die Möglichkeit, einfach auch mal meinen ganzen, kleinen Zwischendurch-Passiönchen nachzugehen.

Es mir bewusst zu machen, dass ich gerade Freunden und Familie zu einer tollen Zeit verholfen habe, weil ich ein leckeres Essen für sie gekocht habe, dass ich zum ersten Mal das Stück auf dem Klavier fließend durchspielen kann, dass ich in kompletter Ruhe zwei Stunden gelaufen bin, das lässt mich doch ziemlich schnell erkennen, dass ich ganz gut klarkomme, auch ohne die eine, große Passion.

So. Ich gehe dann mal ne Runde spazieren. Und von mir aus können die anderen dann passioniert und mit Smoothies und Lowcarb-gedopt absolut unbeirrt ihrer Bestimmung nachackern (Machen sie eh nicht. Sie twittern nur so.)

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei medium.com

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