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In NRW leben tausende Jugendliche auf der Straße - ausgerechnet die Ämter lassen sie im Stich

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HOMELESS PEOPLE GERMANY
Jon Hicks via Getty Images
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In meinem Job habe ich täglich mit jungen Menschen zu tun, die aus den verschiedensten Gründen ihr Leben auf der Straße fristen: Drogenabhängigkeit, psychische Probleme, kein festes Einkommen, ein zerrüttetes Elternhaus - nicht selten kommen all diese Faktoren zusammen.

Das Problem, dass tausende Jugendliche in Deutschland betrifft: Obdachlosigkeit. Wie viele Menschen unter 21 Jahren tatsächlich auf deutschen Straßen unterwegs sind, kann man unmöglich genau sagen.

Das Einzige, was wir Streetworker klar sagen können: Es werden jedes Jahr mehr.

Sicher, es gibt staatliche Einrichtungen, die eigentlich verhindern sollten, dass Jugendliche überhaupt auf der Straße landen - doch das Jugendamt ist in vielen Fällen eher ein Hindernis, als eine Hilfe. Denn oft machen es sich die Verantwortlichen sehr leicht.

Auf der Straße zu landen ist hier nicht schwer

Für mich ist das Ganze ein systematisches Versagen. Finanzminister Schäuble erfreut sich an der "schwarzen Null", während in den Jugendämtern an jeder Ecke gesparrt wird.

Denn die wesentlichen Dinge, die ein junger Mensch braucht, der eine tragische Vergangenheit und so gut wie keine Zukunft hat, sind: ein Zuhause, ein Arbeitsplatz und ein sicheres soziales Umfeld.

Ist das nicht gegeben, landet man auf der Straße oder bei Freunden auf der Couch. So einfach ist das.

Doch wer mit 18 Jahren dem Jugendamt nicht beweisen kann, dass er sein Leben im Griff hat, der landet vom Regen in der Traufe - und damit oft bei uns Streetworkern.

Mehr zum Thema: "Ich baue Häuschen für Obdachlose"

Andersrum sieht es übrigens genau so aus. Wer scheinbar "fit" genug ist, der fliegt genauso schnell aus der Jugendhilfe. Auch wenn man gerade erst wieder auf die Beine gekommen ist.

Entweder sieht man keinen pädagogischen Bedarf mehr oder der Klient ist angeblich nicht "mitwirkungsbereit". Irgendwo dazwischen gibt es eine kleine Lücke die man mit seinen Problemen, Verhalten und Argumenten treffen muss. Nur dann geht die Hilfe weiter.

Jugendliche werden sich selbst überlassen

Im Klartext heißt das: Sieht das Jugendamt nach dem Erreichen der Volljährigkeit keinen zwingenden Grund mehr, einen jungen Menschen mit akuten Maßnahmen zu unterstützen, werden sie sich selbst überlassen. Rechtlich ist das machbar, moralisch allerdings fragwürdig.

Vor einigen Jahren begleitete ich den Fall eines jungen Mädchens. Emily* war als Teenager Opfer von sexuellen Übergriffen geworden und gelangte über das Internet an einen Zuhälter, der sie an ein Bordell verkaufte.

Emily war 18 Jahre alt, als der Polizei es gelang sie zu befreien. Die Beamten brachten sie zu uns und wir halfen ihr, über das Jugendamt eine Wohngruppe zu finden.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte Emily zur Ruhe kommen und sich Gedanken über ihre Zukunft machen. Sie begann eine Ausbildung als Hotelfachfrau.

Mehr zum Thema: Das ist die traurige Wahrheit über ein Leben auf der Straße

Doch nach nur einem halben Jahr in der Wohngruppe kam der Schock: Das Jugendamt sah keinerlei Verpflichtung mehr sie zu unterstützen. Emily war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt geworden. Sie sollte aus dem betreuten Wohnen raus und sich eine eigene Wohnung suchen.

Plötzlich fühlte sich das Amt nicht mehr zuständig und verwies auf ihre Kollegen vom Jobcenter. Diese sollten sich von nun an um Emily kümmern.

Doch auch die Beamten dort fühlten sich nicht für die Auszubildende zuständig und es kam, was kommen musste: Emily wurde von Amt zu Amt geschickt. Es schien, also wollte ihr keiner so richtig helfen. Das junge Mädchen drohte auf der Straße zu landen.

Zurück in den Teufelskreis

Fälle wie dieser sind in Nordrhein-Westfalen leider keine Seltenheit. Selbst wenn es dem Jugendamt gelingt junge Menschen an einen Ausbildung zu vermitteln - ihre Geduld mit denselbigen ist viel zu kurzlebig.

Das sind häufig Jugendliche, die aufgrund ihrer Vergangenheit an Schulangst, Legasthenie und schwere Sozialphobien leiden. Man kann von ihnen nicht erwarten, dass sie sich sofort wieder perfekt in den Alltag der deutschen Leistungsgesellschaft integrieren.

Es gibt zwar sehr viele junge Erwachsene, denen wir erfolgreich eine Ausbildung und eine Wohngruppe über das Jugendamt vermitteln konnten.

Aber gleichermaßen gibt es Viele, die nach ein, zwei Jahren zu uns zurückkamen und gesagt haben: "Ich habe es nicht geschafft, das Amt hat mich fallen gelassen".

Dann wohnen sie wieder bei Freunden auf der Couch, übernachten draußen im Freien, greifen erneut zu Drogen und Alkohol und der Teufelskreis beginnt von vorne.

Alles, weil das Jugendamt und die Jobcenter so schlecht miteinander kommunizieren. Wer monatelang von Amt zu Amt geschoben wird, gibt meistens irgendwann auf.

Wenn ich mit den Beamten über einen Klienten spreche, dann muss ich sehr vorsichtig sein und besonders intensiv argumentieren. Dabei sollte das Amt ganz andere Antennen auf dem Kopf haben und verstehen, wer wirklich hilfsbedürftig ist.

Bei uns landen die, die allein gelassen werden

Doch die staatlichen Einrichtungen machen das Problem häufig nicht wirklich besser.

Klar, es gibt auch Beamte, die Jugendliche mit 18 Jahren einen weiteren Antrag auf Jugendhilfe stellen lassen und sie somit Hilfe bis 21 Jahre erhalten. Doch diese Menschen landen halt nicht bei uns Streetworkern.

Bei uns landen die, die sich allein gelassen fühlen; die, die kaum jemanden vertrauen, weil sie zu oft enttäuscht wurden; die, die vom Jugendamt weggeschickt wurden und nun nach irgendeiner Möglichkeit suchen, um wieder ein normales Leben zu führen.

Die Stadt Hamburg geht das Problem effektiver an. Dort sitzen Jobcenter und Jugendamt an einem Tisch.

In der Hansestadt ist es gar nicht möglich, die Klienten einfach so von A nach B zu schieben, denn die Beamten besprechen gemeinsam, was das Beste für den Jugendlichen ist.

Alle Fälle von Menschen unter 25 Jahren, werden in diesem Teil des Jobcenters miteinander bearbeitet. Genau so ein Modell brauchen wir in Nordrhein-Westfalen auch.

Es wird dringend Zeit die Institutionen miteinander zu vernetzen, damit die Jugendlichen nicht verloren gehen.

Wir brauchen mehr sozialen Wohnraum

Außerdem muss das Bundesland dafür sorgen, dass weniger Menschen überhaupt auf die Hilfe der Ämter angewiesen sind. Die Politiker müssen aufhören, den sozialen Wohnungsbau zu vernachlässigen. Wir brauchen mehr Wohnraum!

Und zwar nicht irgendwelche Sozial-Ghettos sondern dezentralisierte und bezahlbare Mietwohnungen. Wo und wie diese gebaut werden, darüber hätte die SPD in Nordrhein-Westfalen vielleicht mal diskutieren sollen.

Nicht über abstrakte Worthülsen wie "soziale Gerechtigkeit".

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Es ist ein Unding, dass man hilfsbedürftigen Jugendlichen mit 18 die Pistole auf die Brust drückt und ihnen sagt: "Entweder du spurst, oder wir machen dich obdachlos".

Das gilt besonders für die Jobcenter. Bei den kleinsten Verstößen gegen ihre Auflagen, wird den Jugendlichen schon ihre Miete gestrichen. Das muss aufhören! Solange sich daran nichts ändert, werden wir nie leistungsbereite junge Menschen großziehen können.

Emily konnte mit unserer Hilfe übrigens noch ein WG-Zimmer finden. Da sie in ihrer Ausbildung nicht genügend Geld verdiente, übernahm unser Verein Off Road Kids die Miete und die Kaution.

Hier findet ihr mehr über die Arbeit der Off Road Kids in Köln. Das Gespräch wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

*Name von der Redaktion geändert

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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