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Mandelas Südafrika: Rückblick auf zwei Jahrzehnte Freiheit

Veröffentlicht: 06/11/2013 14:26

Nach fast 20 Jahren Demokratie fragt sich die Welt: „Was hat Nelson Mandelas Südafrika aus seiner Freiheit gemacht?" Angesichts des schlechten Gesundheitszustandes des 95-jährigen Vaters der Nation fragen sich auch die 52 Millionen Südafrikaner, die in Mandela größtenteils noch immer einen Helden sehen, was wohl nach „Madiba" kommt.

Um ein möglichst faires Bild der Situation zeichnen zu können, hat Goldman Sachs eine datenreiche empirische Analyse der Veränderungen in Südafrika in den letzten 20 Jahren vorgenommen, und zeigt damit auch, was noch getan werden muss.

Als Nelson Mandela 1994 Präsident wurde, befand sich das Land in einer Krise. Südafrika verfügte über keinerlei Devisen-Reserven, Kreditzinsen und Inflationsrate lagen im zweistelligen Bereich, die Verschuldung betrug 50 Prozent des BIP und die Arbeitslosigkeit lag bei 23 Prozent. Zwischen 1980 und 1994 war die Wirtschaft real nur um durchschnittlich 1,4 Prozent gewachsen. Nicht viele Menschen glaubten daran, dass die vormals verbotene ANC tatsächlich die größte Volkswirtschaft Afrikas wieder auf Kurs bringen könnte. Ebenso wenigen Menschen war bewusst, wie schlimm es um das Land wirklich stand. Im April 1994 wurde die südafrikanische Wirtschaft mit dem „Junk-Status" bewertet.

Südafrika überraschte die Befürworter der Apartheit von 1994 bis 2007 mit einer Friedensdividende und einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 3,6 Prozent pro Jahr. Erst nach der weltweiten Finanzkrise 2008 sank das Wachstum auf 2,3 Prozent. Im Jahr 2007 hatte sich das Verhältnis Schulden/BIP mit 28 Prozent fast halbiert. Inzwischen steht es zwar wieder bei 42 Prozent, im Vergleich zu den meisten anderen entwickelten Märkten ist dieser Wert aber immer noch gut. Im „Goldenen Zeitalter" nach 1994 wuchs die Wirtschaft um das Zweieinhalbfache an: Von 136 Milliarden Dollar auf fast 400 Milliarden Dollar.

Die Inflation, die in zwischen 1980 und 1994 bei durchschnittlich 14 Prozent gelegen hatte, sank nach 1994 dank Unterstützung durch das Anti-Inflations-Programm der Notenbank auf etwa 6,4 Prozent. Südafrika verfügt heute über beachtliche Gold- und Devisenreserven im Wert von 50 Milliarden Dollar. Die Netto-Steuereinnahmen sind ebenfalls gestiegen: von 1,7 Millionen Steuerzahlern und 11 Milliarden Dollar Einnahmen auf 13,7 Millionen Steuerzahler und 81 Milliarden Dollar Einnahmen. Trotz der vor kurzem erfolgten Abwertung um eine Stufe wird Afrika heute zurecht als investitionswürdiges Land gewertet.

Die neue verantwortungsvolle Makroökonomie wurde zu weiten Teilen begleitet von Gesetzestreue, Respekt für die vielgeliebte südafrikanische Verfassung, Medienfreiheit und starken unabhängigen Institutionen wie der Notenbank und der Judikative.

Zu den größten Erfolgen seit 1994 zählen wohl die Schaffung einer beträchtlichen und weiter wachsenden afrikanischen Mittelschicht, die Erhöhung der Reallöhne für Angestellte und der Ausbau der sozialen Dienstleistungen für weniger privilegierte Bürger. In den zehn Jahren seit 2000 hat sich die afrikanische Mittelschicht mehr als verdoppelt. Das reale BIP pro Kopf ist in diesem Zeitraum um mehr als 40 Prozent gestiegen. Zehn Millionen Südafrikaner, also jeder fünfte, haben den Sprung aus den unteren Einkommensbereichen in die mittleren und höheren Stufen geschafft.

Inzwischen erhalten 16 Millionen Menschen monatlich Sozialleistungen, die den Staat 10 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Benachteiligte Haushalte haben außerdem heute besseren Zugang zu sanitären Einrichtungen, Strom und Wasser. Durch diese Veränderungen werden die Vorteile der Demokratie greifbar.

Mit dem Ende der wirtschaftlichen Isolation hat sich auch das Handelsgefüge verändert. Europa ist zwar immer noch der größte Handelspartner, China wird jedoch immer wichtiger. Die Johannesburg Stock Exchange (JSE) ist inzwischen die fünfzehntgrößte Börse der Welt und wickelt 80 Prozent aller afrikanischen Aktiengeschäfte ab. Die gesamte Marktkapitalisierung ist mit rund 800 Milliarden Dollar doppelt so hoch wie das lokale BIP.

Bei der Unternehmensbewertung haben sich JSE und die entwickelten Märkte angenähert, wodurch südafrikanischen Unternehmen der globale Wettbewerb ermöglicht wurde. Die äußerst liquide JSE ist heute die ideale Investitionsplattform für Afrika.

Dennoch gibt es noch immer viele strukturelle Herausforderungen.

Kaum irgendwo auf der Welt ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Südafrika. Im Jahr 2008 galten noch immer 85 Prozent der Afrikaner als arm oder verdienten in den niedrigen Einkommensschichten weniger als 1400 Rand pro Monat. Dagegen liegen die Einkommen von 87 Prozent der weißen Bewohner Südafrikas in den mittleren und höheren Bereichen. Die Arbeitslosigkeit hat sich ebenfalls kaum verändert: Von 23 Prozent im Jahr 1994 zu 24,5 Prozent heute. Besonders betroffen sind junge Menschen unter 34: Hier liegt die Arbeitslosenquote bei rund 70 Prozent.

Die für Arbeitsplätze und Exporte so wichtige Bergbauindustrie und das produzierende Gewerbe haben ihren Anteil am BIP seit 1986 auf 23 Prozent halbiert, während sich der Anteil des Finanz- und Immobiliensektors auf 24 Prozent verdoppelt hat. Mit 6,5 Prozent des BIP ist das Leistungsbilanzdefizit das höchste unter vergleichbaren Staaten, während die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) seit 1994 nur bei durchschnittlich 1,9 Milliarden Dollar liegen. Der Wechselkurs dient als „Stoßdämpfer".

Nachdem sich nun auch die Gewerkschaften im öffentlichen Sektor über steigende Mitgliedszahlen freuen, wird der Arbeitskampf für die Regierung zu einem ebenso großen Problem, wie für den privaten Sektor.

Die Produktivität im privaten Sektor konnte mit der Lohninflation nicht Schritt halten. Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor ist zwar auf 2 Millionen Menschen angestiegen, dennoch ist sein Anteil am BIP von 19 Prozent 1994 auf 15 Prozent heute gesunken. Trotz höherer Budgets hinkt Südafrika vergleichbaren Ländern bei der Effizienz der Ausgaben in den Bereichen Gesundheit und Bildung weiter hinterher, wenn man die Lebenserwartung und die Unterrichtsqualität als Maßstab nimmt. Die Entwicklung ist nicht nachhaltig. Die Produktivität muss höher liegen als die Lohninflation.

Seit 1994 ist die Verschuldung (Haushaltsschulden zu verfügbarem Einkommen) von 57 Prozent auf 76 Prozent stark angestiegen. 9,5 Millionen Südafrikaner sind nur bedingt kreditwürdig, und ganzen zehn Prozent droht die Zahlungsunfähigkeit. Das stellt zwar kein Risiko für den Bankensektor dar, kann aber die Stabilität gefährden.

Was muss also getan werden?

Die Regierung muss die soziale Ungerechtigkeit bekämpfen, die Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Menschen verringern, und die von der afrikanischen Mittelschicht erreichten Fortschritte verteidigen. Die Produktivität, Leistung und Effektivität des öffentlichen Sektors muss verbessert werden.

Mit einem BIP-Wachstum von über 5,5 Prozent in den Staaten südlich der Sahara befindet sich Südafrika heute in guter Nachbarschaft. Doch das zu erwartende Ende der quantitativen Lockerung bedeutet auch, dass die Zeit des schnellen Geldes bald vorbei sein wird. Südafrika muss schnell handeln, um auf neue Herausforderungen reagieren zu können. Es muss den Handel und die Beziehungen zu anderen afrikanischen Staaten und den BRIC-Staaten ausbauen. Die arbeitsplatzschaffenden Sektoren Bergbau und produzierendes Gewerbe müssen wiederbelebt und stabilisiert werden. Außerdem muss der technologische Fortschritt vorangetrieben und Forschung und Entwicklung gefördert werden. Der Internetzugang, vor allem an Schulen, muss drastisch verbessert werden.

Ziel für Südafrika sollte es sein, die jährliche BIP-Wachstumsrate von durchschnittlich 3,3 Prozent in den letzten 20 Jahren auf fünf Prozent zu steigern, damit die Wirtschaft bis 2030 auf 1 Billion Dollar wachsen kann. Durch ein solches Wachstum könnten die Arbeitslosigkeit und das Verhältnis Schulden/BIP halbiert und das BIP pro Kopf verdoppelt werden.

Zur Verringerung des Haushalts- und Leistungsbilanzdefizits sollten die Netto-FDI auf durchschnittlich 5 bis 10 Milliarden Dollar pro Jahr steigen. Dazu muss die Verbesserung des Investitionsklimas mehr in den Mittelpunkt rücken und ein sehr viel freundlicheres Bild in Sachen Gesetzgebung, Produktivität und Arbeitsmarkt entstehen. Um die Haushaltsausgaben auf dem gleichen Stand zu halten, muss die Regierung staatliche Vermögenswerte wirksam einsetzen, damit die Ressourcen länger halten.

In dieser noch immer geteilten Gesellschaft hilft es nicht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Viel wichtiger wäre ein „Team Südafrika", das die Herausforderungen von Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Regierung und Zivilgemeinschaft zusammen angeht. Südafrika hat die Menschen, die Fähigkeiten, die Einrichtungen und das Kapital, um die erforderlichen Schritte zu machen.

Nelson Mandelas Traum hängt davon ab.


Übersetzt aus der Huffington Post USA von Bettina Koch. Hier geht's zum Original.

 
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