Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Clementine Prendergast Headshot

Dicksein ist heute illegal: Warum ich so viel Angst davor habe, zuzunehmen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
UNHAPPY WOMAN
martin-dm via Getty Images
Drucken

Obwohl ich ein recht selbstbewusstes Mädchen bin, habe ich die Hälfte meiner Jugend damit verbracht, große Angst vor Fett zu haben. Fett zu werden, mich fett zu fühlen, fett zu sein - es war der Maßstab meines Selbstwertgefühls. Dick sein war für mich immer hässlich, unangenehm, eine Schande, ein Tabu und als Teenager in London aufwachsend, sollte ich auch nicht dick sein.

Ich sollte doch zart und zerbrechlich, schlank und schön sein. Erst als mir mein Therapeut Susie Orbachs Buch "Fat is a feminist issue" zu lesen gab, begann ich zu verstehen, wie belastet dieses Wort eigentlich ist.

Was uns die Gesellschaft predigt

Die Rhetorik, die ihm Zusammenhang mit dem Wort "Fett" steht, verewigt sich in einer zerstörenden Diät-Kultur, fördert Essstörungen, Probleme mit dem Körperbild und Selbsthass - vor allem bei jungen Frauen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Ich realisierte, dass Fett sehr wenig mit dem Gewicht zu tun hat. Unterschwellig glaube ich, dass es nur ein Gefühl ist, das ganz viel mit negativen Emotionen zusammenhängt. Und oberflächlich betrachtet ist Fett etwas illegales. Die Gesellschaft hat uns nicht nur gelehrt, Angst vor dieser Substanz zu haben, sondern auch vor Menschen, die zu viel davon am Körper tragen.

Die Realität sah so aus: Ich war niemals dick, nie übergewichtig, nie korpulent. Bevor ich in die Pubertät kam hatte ich ein wenig "Babyspeck", aber mein Gewicht ist nie medizinisch auffällig gewesen. Und trotzdem brachte mich meine konstante Angst vor Fett dazu, bis in meine frühen Zwanziger hinein, verschiedenste Diäten zu versuchen - fest entschlossen, die Kontrolle über mein Gewicht und meine Kleidergröße zu behalten.

Ich zog mich zurück und machte mir permanent Gedanken über das, was ich gegessen hatte und was das mit meinem Körper machen würde. Als ich mich dann für eine Therapie entschied, fing ich an, dieses scheinbar völlig irrationale Verhalten zu hinterfragen.

Warum war ich so?

Warum so selbstzerstörerisch sein? Warum gegen den eigenen Körper ankämpfen? Warum so hart zu sich selbst sein? Warum so besessen sein? Warum eine solche Angst vor Fett haben?

Ich begann die Therapie zu selben Zeit als ich auch mein Anthropologie-Studium anfing. Drei Jahre später hatte ich eine Antwort auf all diese Fragen. Ich zog meine Schlüsse aus Psychoanalyse, politischer Theorie und Wirtschaft.

Mehr zum Thema: Spring Break in den USA: Was diese Studenten hier am Strand tun, zeigt, wie verdorben unsere Jugend ist

Es ist alles nur eine Frage der Kontrolle, wurde mir gesagt. Meine Lebenserfahrungen fühlten sich unsicher und chaotisch an. Ich hatte keine Kontrolle mehr, wollte verzweifelt mein Leben ordnen. Wie üblich fingen mein Therapeut und ich mit Fragen zu meiner Kindheit an. Wir haben uns durch mein frühes Familienleben durchgearbeitet, meine Beziehung zu Essen beleuchtet, über meinen Körper und meine Eltern gesprochen.

An der Universität lernte ich über Kapitalismus, Körperkapital und den Unterschied zwischen Geschlecht und Gender. Als ich meine persönliche und kulturelle Beziehung zu Fett analysierte, verstand ich, dass es ein Ausdruck des Selbst ist, das wir als eine Art "Währung" wahrnehmen.

Das Ab- und Zunehmen von Körpergewicht legt das Selbstwertgefühl fest, die Reinheit der Diät - man denke an Detox und Clean eating - entscheidet über unseren sozialen Stand. Fett ist politisch und manchmal so mächtig, dass es uns regiert. Obwohl ich hart gearbeitet habe, die Probleme mit Essen und meinem Körperbild zu beseitigen, und mich heute wohl in meiner Haut fühle, glaube ich, dass ich so lange Angst davor haben werde, dick zu sein, wie die Gesellschaft es tut.

Keiner will das fette Mädchen sein

Ich kenne nicht ein einziges Mädchen, das sich nicht um das Aussehen ihres Körpers sorgt, das nicht an irgendeinem Punkt darüber nachgedacht hat, eine Diät zu machen, das noch nie das Wort "fett" negativ verwendet hat.

Das ist auch klar, denn in einer Kultur, die allergisch gegen Schwächlichkeit und Dick-Sein ist, will keiner das fette Mädchen sein. Es stört mich, dass diejenigen von uns, die damit Probleme haben, es verheimlichen. Wie bei den meisten psychischen Beeinträchtigungen, spielt Scham eine fundamentale Rolle für ein negatives Selbstbild und ein zerstörerisches Verhalten zu sich selbst. Das ist besonders weit verbreitet bei Essstörungen.

Mehr zum Thema: 10 Dinge, die Angehörige eines depressiven Menschen tun können, um zu helfen

Während ich versuchte, die Mythen um unsere Sicht auf Fett, Körper und Diäten zu entschlüsseln, startete ich meine Online-Plattform, die einen sicheren Platz bieten soll, um über unsere Ängste zu sprechen.

"Fat Girl" richtet sich an alle Körperformen, Hautfarben und Kleidergrößen. Auf die Hoffnung, dass wir Klarheit finden, wenn wir unsere Erfahrungen miteinander teilen, und uns ermutigen, uns in unseren Körpern wohl zu fühlen.

Der Beitrag erschien zuerst bei der Huffington Post UK und wurde von Franziska Kiefl übersetzt.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.