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Wie die Suche nach dem Motiv unser Denken vernebelt

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
CONSPIRACY
Jetta Productions/Walter Hodges via Getty Images
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Wer sich mit Politik besch├Ąftigt, ob professionell oder amateurhaft, spekuliert oft nur zu gerne ├╝ber die Motive politischer Akteure. Die Gefahr ist gro├č, dass einem die Phantasie dabei durchgeht und man das eigentliche Problem und seine L├Âsungsm├Âglichkeiten aus dem Blick verliert.

Die neoliberale Weltverschw├Ârung

Als Margaret Thatcher zwischen 1979 und 1990 Politik und ├ľkonomie Gro├čbritanniens einem radikalen Wandel unterwarf und massive Reformen durchf├╝hrte, da sahen die allermeisten ihrer Kritiker eine neoliberale Verschw├Ârung am Werk.

Ausbeuterische Gro├čkonzerne und deren Helfershelfer in der Politik wollten in dieser Erz├Ąhlung die Arbeiter auspl├╝ndern und das ganze Land zur├╝ck in die finsteren Zeiten des 19. Jahrhunderts katapultieren. Wer sich etwas eingehender mit Thatcher besch├Ąftigt, wird sich ein sehr anderes Bild machen m├╝ssen.

Zumindest in der Au├čendarstellung und mit sehr gro├čer Wahrscheinlichkeit auch in ihrer Selbstwahrnehmung sah das ganz anders aus. In einer Rede, die sie 1977 in Z├╝rich hielt, sagte sie:

ÔÇ×In unserer Weltsicht ist das Ziel des Einzelnen nicht, ein Diener des Staates und von dessen Zielen zu sein, sondern seine Talente und Begabungen so gut wie m├Âglich zu entfalten. Das Gef├╝hl der Selbst├Ąndigkeit, eine Rolle zu spielen innerhalb einer Familie, selber Eigentum zu besitzen, f├╝r sein eigenes Leben aufzukommen - all das ist Teil des spirituellen Gewichts, das die Verantwortlichkeit der B├╝rger erh├Ąlt.

Und es stellt das solide Fundament bereit, von dem aus Menschen um sich blicken k├Ânne, um zu erkennen, was sie dar├╝ber hinaus noch tun k├Ânnen: f├╝r andere und f├╝r sich selbst. Das meine ich mit einer moralischen Gesellschaft. Nicht eine Gesellschaft, wo der Staat f├╝r alles Verantwortung tr├Ągt und keiner f├╝r das Gemeinwesen."

Tatort-Kommissare auf hei├čer Spur

Wer von vornherein bereits ÔÇ×wei├č", dass Thatcher Teil der neoliberalen Weltverschw├Ârung ist, der wird auch diese Worte f├╝r eine glatte L├╝ge halten, obwohl sie die Freiheit des einzelnen ebenso hochhalten wie die Forderung nach einem Gef├╝hl gegenseitiger Verantwortlichkeit. Dieses Wissen ├╝ber die Motive von Akteuren ist wahrlich eindrucksvoll. Der Wissende scheint bisweilen einen tieferen Einblick zu haben als andere Menschen.

Er wei├č, dass Gro├čkonzerne TTIP nutzen, um uns ihre lebensgef├Ąhrlichen Produkte und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen aufzudr├╝cken. Er wei├č, dass Angela Merkel mit ihren einwanderungspolitischen Entscheidungen Deutschland islamisieren m├Âchte. Und er wei├č - mitunter zeitigt die Motivjagd unbeabsichtigt Satire -, dass die EU den ganzen Kontinent ihrer neoliberalen Agenda zu unterwerfen trachtet.

Woher r├╝hrt dieses Bed├╝rfnis, Politik wie einen Sonntagabend-Tatort zu behandeln, bei dem die Suche nach dem Motiv den Ermittlern des nachts den Schlaf raubt? Wahrscheinlich sind unterschiedliche Faktoren daf├╝r verantwortlich: Die Liebe zum Drama und zur gut erz├Ąhlten Geschichte, die den Menschen immer schon fasziniert hat - von Homer bis ÔÇ×House of Cards".

Die Beobachtung, dass Politiker ja tats├Ąchlich nicht immer Vorreiter an der Wahrhaftigkeitsfront sind, und das (durchaus sehr nachvollziehbare) Gef├╝hl einer Entfremdung von der Politik. Und nicht zuletzt das dringende Bed├╝rfnis, ein ├╝berschaubares Weltbild zu haben, das man selber immer gut unter Kontrolle hat.

Denn indem man ├╝ber das Motiv eines Akteurs spekuliert oder gar behauptet, es zu kennen, sichert man sich die Deutungshoheit und ├╝berkommt das Gef├╝hl der Ohnmacht, das einen angesichts politischer Entscheidungen und Entwicklungen zuweilen ├╝berkommen kann.

Die Suche nach dem Motiv als Ersatzhandlung f├╝r echtes Engagement

Dabei ist die Motivsuche in sehr vielen F├Ąllen kaum wirklich m├Âglich. Wer wirklich finstere Motive hat, wird diese oft genug selbst vor den engsten Vertrauten verschleiern. Da jeder Mensch gerne gut dastehen m├Âchte vor anderen und auch vor sich selbst, werden auch die allermeisten f├╝r sich in Anspruch nehmen, nur aus ganz und gar hehren Motiven heraus zu handeln.

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Menschen handeln ja in den meisten F├Ąllen aus mehreren unterschiedlichen Motiven: da sind solche, die man als altruistisch bezeichnen w├╝rde, ebenso vertreten wie solche, die die Brandmarke ÔÇ×egoistisch" tragen. Dar├╝ber hinaus sind die Handlungen von politischen Akteuren h├Ąufig abh├Ąngig von vielen anderen Faktoren.

Pfadabh├Ąngigkeiten spielen eine herausragende Rolle. Aber auch Verpflichtungen gegen├╝ber anderen Akteuren, taktische Entscheidungen und auch der reine Zufall beeinflussen das Handeln (und das Denken) der Entscheidungstr├Ąger.

Wer sich zu intensiv damit besch├Ąftigt, in der Politik Muster aus Macbeth oder ÔÇ×Verbotener Liebe" zu identifizieren, ger├Ąt leicht in Gefahr, sich in seiner Phantasiewelt zu verlieren. Die Suche nach dem Motiv kann zu einer Ersatzhandlung f├╝r echtes Engagement werden.

Viel wichtiger ist die Besch├Ąftigung mit den tats├Ąchlichen Folgen und Auswirkungen der politischen Entscheidungen. Ganz egal, ob man die Einf├╝hrung des Mindestlohns f├╝r fatal h├Ąlt, Waffenexporte ablehnt oder Deregulierung f├╝r Teufelswerk ansieht - Einsicht in die Motive der Urheber w├╝rde einen keinen Schritt weiterbringen.

Was aber leicht passiert, wenn solche Motive vermeintlich identifiziert werden, ist eine massive Vergiftung der Atmosph├Ąre. Als Margaret Thatcher vor drei Jahren starb, gab es tats├Ąchlich Freudent├Ąnze auf den Stra├čen in Gro├čbritannien. Den Motivj├Ągern in allen Parteien ins Stammbuch: In der Realit├Ąt z├Ąhlt nicht, warum jemand etwas tut, sondern was er tut und welche Folgen das hat.

Wer sich darauf konzentriert, hat nicht nur die reelle Chance, etwas zu ver├Ąndern, sondern tr├Ągt auch dazu bei, den zivilisierten Rahmen des politischen Diskurses zu bewahren.

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