Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f√ľr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Clemens Schneider Headshot

Pegida und Islamisten: Die Lauten sind nicht die Mehrheit

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEGIDA
dpa
Drucken

Als ich gestern Abend das Haus verlie√ü, w√ľhlte ein Schwarzer in einer M√ľlltonne vor meinem Haus. Da ging ein junges Paar mit beherzten Schritten auf ihn zu. Ich erkannte die T√ľte, die sie mit sich trugen, weil ich mir selbst ab und zu bei dem Italiener um die Ecke Nudeln hole. Als w√§re es das Selbstverst√§ndlichste in der Welt boten sie dem Mann die Nudeln an.

Das ist Deutschland. Nicht die lärmenden Pegida-Demonstranten in Dresden. Die Berichterstattung der Medien könnte bisweilen einen ziemlich anderen Eindruck entstehen lassen. Dem muss man entgegentreten.

Die meisten sind hilfsbereit, nicht ängstlich

Zehntausende von Menschen haben in den letzten Wochen Zeit, Geld und viel Herz aufgewendet, um den Fl√ľchtlingen zu helfen, die in unser Land kommen. Aber nicht diese viel gr√∂√üere Menge schafft es auf die Titelbl√§tter der Zeitungen und in die Nachrichtensendungen.

Sowohl die vielgeschm√§hte ‚ÄěL√ľgenpresse" als auch die verhasste ‚ÄěPolitikerkaste" verhilft einer l√§rmenden Minderheit zu einer v√∂llig √ľberproportionalen Pr√§senz im √∂ffentlichen Diskurs. Dabei √ľbersteigt allein schon bei den Demonstrationen jenseits von Dresden die Zahl der Gegner die der Anh√§nger von Pegida oft um ein Vielfaches.

Und da sind noch nicht einmal diejenigen ber√ľcksichtigt, die nicht auf die Stra√üe gehen, sondern Hand anlegen: Die Fl√ľchtlingen bei Beh√∂rdeng√§ngen unterst√ľtzen, die bei der Kinderbetreuung helfen, die Kleidersammlungen organisieren oder f√ľr eine Grundausstattung in Fl√ľchtlingsheimen sorgen. Das Land ist voll von hilfsbereiten Menschen - im Kleinen wie im Gro√üen. Und doch richtet sich viel mehr Aufmerksamkeit auf eine l√§rmende Minderheit. Das verzerrt unsere Wahrnehmung.

Weder Pegida noch Islamisten sind repräsentativ

Verzerrte Wahrnehmung ist aber auch das Problem, das viele Menschen √ľberhaupt erst zu den Pegida-Demonstrationen treibt. Jedes Kind wei√ü inzwischen, dass gerade in Sachsen der Ausl√§nderanteil mit unter 3 Prozent signifikant niedrig ist - und auch nur eine Minderheit dieser Ausl√§nder Muslime sind. Dass der Anteil der muslimischen Bev√∂lkerung im eigenen Land notorisch √ľbersch√§tzt wird, ist aber durchaus ein Ph√§nomen, das in der gesamten westlichen Welt zu beobachten ist.

Eine gro√üe Rolle spielen bei dieser verzerrten Wahrnehmung Ereignisse wie der furchtbare Anschlag auf ‚ÄěCharlie Hebdo" am Mittwoch in Paris. Unter dem Banner des Islams werden immer wieder Anschl√§ge geplant und leider auch ver√ľbt. Dabei sind diese Terroristen im Vergleich zur muslimischen Gesamtbev√∂lkerung wiederum eine verschwindend kleine Minderheit.

Eine √ľberw√§ltigende Mehrheit der Muslime in westlichen L√§ndern sind ebenso friedliche und auch hilfsbereite Menschen wie die √ľberw√§ltigende Mehrheit ihrer atheistischen oder christlichen Mitb√ľrger. Allerdings sind die Terroristen eben auch eine l√§rmende Minderheit - viel kleiner noch als die Pegida-Demonstranten, aber im Gegensatz zu diesen brutal, grausam und barbarisch.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit mehr auf Liebe als auf Hass!

Pegida und Islamisten sind nicht repr√§sentativ f√ľr Deutsche und Muslime. Aber sie tragen dazu bei, dass eine Spirale der Aggression entsteht. Es liegen Welten zwischen dem ver√§ngstigten Rentner aus Dresden und dem hasszerfressenen Attent√§ter von Paris.

Dennoch geht von beiden eine Bedrohung unserer freien und offenen Gesellschaft aus, auf die wir reagieren m√ľssen. Beide stellen die Idee einer weltoffenen und toleranten Gemeinschaft in Frage - die einen aufgew√ľhlt von Angst, die anderen besessen von Hass. Zum Gl√ľck ist diese offene Gesellschaft trotz aller Gef√§hrdung Realit√§t. Sie ist eine Realit√§t, die in Worten und Taten von unz√§hligen Menschen geschaffen und verteidigt wird.

Es wäre eine vornehme Aufgabe derjenigen, die den öffentlichen Diskurs maßgeblich bestimmen - also der Medien, der Intellektuellen, der Politiker -, dieser Mehrheit in unserem Land eine lautere Stimme zu geben, die unaufgeregt und still unsere Werte lebt und damit verteidigt.

Sprechen wir mehr √ľber die Menschen, die Fl√ľchtlingen helfen. Sprechen wir mehr √ľber die Muslime in unserem Land, die als unsere Nachbarn und Freunde, als unsere Zahn√§rztin, unser Stra√üenkehrer oder unsere Kioskbetreiberin unser Leben bereichern. √úberlassen wir nicht denjenigen das Feld, die am lautesten schreien.

Nat√ľrlich muss man die Gefahren ernst nehmen, die von den Feinden der offenen Gesellschaft ausgehen. Dennoch: die helfende Hand, die Bereitschaft des einzelnen zu Toleranz und Frieden sind wohl ungleich wirksamere Mittel gegen diese Feinde als alle √∂ffentlichen Beteuerungen, Verurteilungen oder Distanzierungen.

Im November 2011 titelte ‚ÄěCharlie Hebdo" mit dem Bild eines Muslims und eines Karikaturisten bei einem leidenschaftlichen Zungenkuss. Dar√ľber steht: ‚ÄěDie Liebe ist st√§rker als der Hass". Diese Botschaft ist das Erfolgsrezept unserer offenen Gesellschaft. Treten wir mit allen uns zur Verf√ľgung stehenden Mitteln daf√ľr ein!

Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play

Video: Anschlag auf "Charlie Hebdo": Das ist der Mann, der zwölf Menschen auf dem Gewissen hat