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Flüchtlinge? Der Mittelstand von morgen!

16/09/2015 12:39 CEST | Aktualisiert 16/09/2016 11:12 CEST
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Heimat, Familie, Freunde zurücklassen. Über 3000 Kilometer Weg, hunderte davon auf einem ausrangierten Schiffkutter. Über Stacheldraht-Zäune klettern. Übernachten im Wald bei Regen. Tagelange Fußmärsche unter sengender Hitze. Ein hungerndes Kind auf dem Arm. Zusammengepfercht im Lager. Die Angst vor den Polizisten.

Wer das alles auf sich nimmt, ist nicht scharf auf ein paar Sozialhilfe-Almosen aus Deutschland. Wer das auf sich nimmt, will ein besseres Leben. Diese Menschen haben mehr mit dem mittelständischen Kleinunternehmer gemeinsam als viele auf den ersten Blick annehmen würden.

Der unbedingte Wille zum Neubeginn

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat erst am Montag darauf hingewiesen, dass Menschen, die ihr komplettes Leben hinter sich lassen, hoch motiviert seien. Auf den Punkt! Die Flucht mit allen Risiken und vielen Hürden auf sich zu nehmen, erfordert eine unternehmerische Grundeinstellung und Lebenshaltung. Die meisten Flüchtlinge sind motiviert von dem unbedingten Willen, neu zu beginnen.

Letztes Jahr machte eine Umfrage Furore, laut der der öffentliche Dienst der mit Abstand beliebteste künftige Arbeitgeber für Studenten ist.

Während sich die Politiker und Journalisten in unserem Land immer noch der mittelständischen Unternehmerkultur rühmen, finden sich zunehmend weniger Menschen bereit, das Risiko auf sich zu nehmen, und etwas zu gründen oder auch nur weiterzuführen. Staatliche Hürden tragen natürlich das Ihre dazu bei, eine Unternehmerkultur zu ersticken.

Vor allem aber ist es die Bequemlichkeit, die sich breit macht: Die Rundumversorgung, der geregelte Tagesablauf und die Planungssicherheit, die viele Stellen im öffentlichen Dienst bieten, haben schon ihren eigenen Charme.

Ein paar Minuten, um den Gewerbeschein auszustellen

In einer Situation, in der es nicht zum Besten steht um die Kultur der Selbständigkeit, können die Flüchtlinge, die allein schon durch ihre Flucht ihren Unternehmergeist unter Beweis gestellt haben, eine hoch willkommene Ergänzung sein.

Gerade unter den kleinen Mittelständler ist die Zahl der Unternehmer mit Migrationshintergrund ohnehin schon sehr hoch: vom Kiosk an der Ecke über den 24-Stunden-Imbissstand bis zur Textilreinigung.

Vielerorts müsste man geradezu um die gesamte Dienstleistungs-Infrastruktur fürchten, wenn in unserem Land nicht lauter polnisch-, vietnamesisch-, türkisch-, ghanaisch- und persisch-stämmige Menschen wohnen würden.

Dieses Potential zu nutzen, kann ein wichtiger Faktor bei der Bewältigung des derzeitigen Flüchtlingsstroms sein und zugleich die wirtschaftliche Dynamik in unserem Land noch einmal steigern. Es wird mehrere Jahre dauern, jemanden zur Fachkraft auszubilden.

Es könnte allerdings nur wenige Minuten dauern, jemandem einen Gewerbeschein auszustellen. Anstatt planlos millionenschwere Programme im ganzen Land zu fördern, sollten die politischen Verantwortlichen lieber bürokratische Hürden abbauen.

Nicht nur - wie es viele Unternehmen ja ohnehin schon fordern -, um auch Asylbewerbern rasch eine Möglichkeit zu geben, eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle anzutreten. Sondern auch, um es ihnen zu ermöglichen, auf eigene Faust zu arbeiten.

Zum Prosperieren der neuen Heimat beitragen

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland eine Phase der Gründungsbegeisterung und Innovationsbereitschaft, die wir heute als Wirtschaftswunder bezeichnen. Aber auch schon nach dem Dreißigjährigen Krieg und den Napoleonischen Kriegen hatte es diese Phasen gegeben.

Nach solchen Katastrophen entwickeln viele Menschen zum Glück einen enormen Lebenswillen und eine Bereitschaft zum Neuanfang. Was spricht eigentlich dagegen, dass die Menschen, denen wir jetzt in Deutschland eine neue Heimat anbieten, nicht auch solche Energien entfalten und so wesentlich zum Prosperieren ihrer neuen Heimat beitragen?

Zudem kann die Teilhabe am wirtschaftlichen Prozess ein beeindruckender Motor für das sein, was viele in unserem Land unter dem Begriff Integration von den Neuankömmlingen fordern.

Lassen wir die bürokratischen Zügel etwas lockerer und ermöglichen wir einfach und unkompliziert den Flüchtlingen den Zugang zur Selbständigkeit. Dann wird hoffentlich unser ganzes Land von einem Innovationsboom profitieren - und vielleicht sogar angesteckt!

Dem kreativen Chaos eine Chance

Die Flüchtlingswelle birgt mehr Chancen als Politiker heute zaghaft behaupten: mehr als nur ein paar Pflegekräfte und zusätzliche Rentenzahler.

Schon vor anderthalb Jahren mahnte der US-Journalist Eric T. Hansen die Deutschen, keine Angst vor den Veränderungen zu haben, die Migration für eine Gesellschaft auch mit sich bringen kann:

„In einer gut integrierten, homogen angepassten Gesellschaft versucht jeder, so zu denken wie die anderen.

Im Chaos dagegen ist jeder gezwungen, in jeder Sekunde umzudenken. Nur im Chaos können, unbemerkt von Ordnungshütern und Stilwächtern, ein paar Nerds in einer Garage einen personal computer bauen oder das erste große soziale Netzwerk programmieren und binnen weniger Jahre die ganze Welt verändern."

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