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9 Gründe, warum ihr keine Angst vor der Geburt haben müsst

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BIRTH
Image taken by Mayte Torres via Getty Images
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Liebe, aufgeregte Mama-to-be,

da hat man neun Monate Zeit, sich auf die Geburt vorzubereiten - und wenn es plötzlich losgeht, will man es kaum glauben. Verrückte Natur, oder?!

Ich hoffe sehr für dich, dass du in diesem neunten Monat noch ein bisschen Ruhe hast. Dass du diese letzten Schwangerschaftswochen, in denen ganz offiziell der Mutterschutz beginnt, voll auskosten kannst. Dass es dir gut geht, deine Blutwerte unauffällig sind, du den Endspurt genießt!

Aber: Je länger die Babys im Bauch bleiben, desto mehr Zeit hat man natürlich, sich den Geburtsvorgang auszumalen. Und dabei bleibt nicht aus, dass man es mit der Angst zu tun bekommt: Angst vor dem Unbekannten, Angst vor starken Schmerzen, Angst vor den verschiedenen Möglichkeiten der Schmerzbehandlung, Angst vor möglichen Komplikationen, Angst um das Baby, Angst um sich selbst.

Vor allem, wenn du zum ersten Mal Mama wirst, werden die Geschichten, die du bislang so über das Thema Geburt gehört hast, diese Ängste vermutlich noch schüren. Meistens enden die Erzählungen zwar mit dem Klassiker-Satz: »Wenn dein Baby dann da ist, sind alle Schmerzen vergessen.«

Aber tja, wenn das wirklich so wäre, könnten uns ja nicht 90 Prozent aller Freundinnen von diesen »Schmerzen, die sie fast zerrissen haben« erzählen. Oder von dem Moment, in dem sie »sicher waren, sterben zu müssen«. Und überhaupt all die fiesen Details von Darmspülung, Dammriss, Nachgeburt & Co.: von wegen »vergessen«!

Ich kann dich kaum bitten, mögliche Ängste abzulegen, denn natürlich hast du dafür keinen AUS-Knopf, den du mal eben drücken kannst. Selbstverständlich hat auch niemand »extra« und gewollt Angst, viele Ängste schlummern schließlich im Unterbewusstsein und sind möglicherweise durch Ereignisse geprägt, an die wir uns längst nicht mehr erinnern.

Ebenso unsinnig wäre es, zu behaupten: Wer keine Angst und die richtige innere Einstellung hat, der hat automatisch eine komplikationsfreie Geburt, denn dazu gibt es viel zu viele Rahmenbedingungen, auf die du keinen Einfluss hast.

Mehr zum Thema: Das ist mein Weg zu einer schmerzfreien Geburt

Trotzdem kannst du versuchen, zumindest den Teil, den du selbst steuern kannst, mit einer positiven, zuversichtlichen Grundhaltung anzugehen. Ich hoffe, dir mit den kommenden Zeilen dabei helfen zu können - dieser Brief soll dir das Pendant zu den Horrorgeschichten liefern, einen Ausgleich sozusagen, der sich in deinem Kopf hoffentlich mehr verankert als die scheußlichen Geburtserfahrungen anderer. Eine Mutmach-Petition in neun Akten.

Akt EINS, für die Mathematikerin in dir: Das sagt die Statistik!

Ich erwähnte diese beruhigende Zahl bereits: 97 Prozent aller Kinder, die sich in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten gut entwickelt haben, kommen gesund auf die Welt. Ernsthafte Probleme sind sehr selten. Lediglich bei einem Prozent der Neugeborenen werden genetisch bedingte Behinderungen (die aber nicht zwingend stark ausgeprägt sein müssen!) festgestellt, rund zwei Prozent nehmen während der Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt Schaden.

Und: Wenn du hörst, dass weltweit täglich 800 Frauen an vermeidbaren Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt sterben, mach dir bewusst, dass 99 Prozent dieser Vorfälle in Entwicklungsländern spielen. Deutschland gehört zu den Ländern mit der geringsten Müttersterblichkeit. Hier sterben weniger als 30 Frauen bei der Geburt - und das in einem ganzen Jahr, bei insgesamt rund 715 000 Geburten! Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, ist deutlich höher.

Akt ZWEI, für die Pragmatikerin in dir: Raus kommen sie immer.

Dass du dich als Schwangere zwangsläufig einer Geburt stellen musst, ist klar. Klingt platt, aber man könnte auch sagen: Raus kommen sie immer. Eine befreundete Hebamme erzählte mir mal, dass die häufigsten Sätze von gebärenden Frauen »Ich kann das nicht« und »Ich kann nicht mehr« seien. Das Schöne ist, dass die Realität jeden Tag tausendfach das Gegenteil beweist.

Auch wenn es sich noch so schlimm anfühlt: Es liegt in der Natur der Frau, dass sie genau das KANN. Und: Im Vergleich zu so vielen anderen Lebenslagen darfst du dich bei der Geburt vom Leistungsgedanken komplett verabschieden. Es geht jetzt nämlich nicht darum, eine besonders tolle, pfiffige und kreative Performance abzuliefern. Sondern darum, die Geburt geschehen zu lassen, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu öffnen. Auf welchem Wege auch immer das Baby dann auf die Welt kommt: Es WIRD auf die Welt kommen.

Akt DREI, für die Optimistin in dir: Die Wehe, dein Freund und Helfer.

Zugegeben: Wehen sind kacke. Auch wenn man dabei noch so professionell herumhechelt, A- und O-Töne formt, als sei man auf der Vogelhochzeit, es wie geplant in die Gebärwanne geschafft hat und im Hintergrund die Lieblings-CD dudelt. Wehen tun das, was das Wort schon sagt: Sie tun weh - und wie! Wenn also die Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs um die Ecke kommt und dir sagt, du sollst die Wehen als deine guten Freunde betrachten, tippst du dir im ersten Moment vielleicht innerlich an die Stirn.

Was sollen das für Freunde sein, die mir die schlimmsten Schmerzen aller Zeiten bescheren?! Auf den zweiten Blick aber macht der Gedanke, die Wehen als Hilfestellung zu betrachten, durchaus Sinn. Wenn du dich mit der Freundschaftsparallele schwertust, versuch's mit diesem Bild: Sieh die Wehe als Welle, die angerollt kommt, auf die du aufspringst, die dich trägt, mit der du schwimmst.

Je höher, je größer, je turbulenter sie ist, desto weiter wird sie dich dem Ziel bringen: deinem Baby! Und: Selbst die heftigste Welle versiegt nach ein paar Minuten, dann kannst du - sozusagen bei ruhiger See - wieder Kraft tanken. Tatsächlich sind die Phasen dazwischen vor allem am Anfang so harmlos, dass vielen Frauen ein Nickerchen gelingt. Übrigens: Auch die Hormone sind deine Freunde: Oxytocin feuert die Wehen sozusagen an, Betaendorphine mildern den Schmerz.

Akt VIER, für die Pessimistin in dir: Es gibt ihn, den Plan B!

Es gibt Momente, in denen du in Gedanken dein Testament schreibst und dir ausmalst, wie dein Baby wohl ohne dich aufwachsen wird, wenn du im Kreißsaal verblutest? Dann spring bitte zurück zu Akt 1 und betrachte noch einmal nüchtern, wie selten das passiert. Ja, es kann und wird wehtun. Aber zum Glück gibt es heutzutage so gut wie immer einen medizinischen Plan B. Du hältst die Schmerzen nicht aus? Verlange eine PDA.

Es kommt zu Komplikationen während des Geburtsvorgangs? Dann wird es eben doch ein Kaiserschnitt. Es ist im Grunde ein bisschen wie mit dem schwanger werden: Am Ende ist es doch egal, WIE du das Ziel erreichst. Die Hauptsache ist, dass es dir und deinem Baby gut geht (und das wird wie gesagt ziemlich sicher der Fall sein!).

Akt FÜNF, für die Romantikerin in dir: Die Tränengarantie!

Du willst deinen Kerl mal wieder so richtig beeindrucken? Vergiss den Städtetrip, mit dem du ihn zum Geburtstag überrascht hast, und auch die Uhr damals an Weihnachten oder den Tandem-Fallschirmsprung zum Jahrestag kannst du in die Tonne kloppen. All das ist Firlefanz gegen die Geburt:

Deinen Partner wird es zerreißen, wenn er dich leiden sieht, er wird dich stark wie nie zuvor finden und dich für deine Leistung bewundern, wenn du euer Kind zur Welt bringst (und wenn du ihn dabei noch so anbrüllst!). Dieser Moment wird euch für immer und ewig verbinden. Und das Geschenk - euer Baby - garantiert euch beide zu Tränen rühren. Du hast IHN noch nie weinen sehen? Die Chancen stehen nie so gut wie jetzt.

Akt SECHS, für die Leseratte in dir: Das Glück der anderen.

Lass die Horror-Geburtsgeschichten Horror-Geburtsgeschichten sein. Denn es GIBT sie, die positiven Berichte. Kauf dir ein Buch, in dem schöne Geburtsgeschichten erzählt werden, zum Beispiel »Birth Matters - Die Kraft der Geburt« von Ina May Gaskin.

Akt SIEBEN, für die Perfektionistin in dir: Gute Vorbereitung, halbe Miete.

Selbst, wenn du einen fixen Termin für einen Kaiserschnitt hast: Eine Geburt lässt sich nicht bis ins Detail planen, weil so vieles unvorhersehbar ist. Aber: du kannst den Rahmen so gut wie möglich vorbereiten! Das beginnt schon bei der Fahrt zur Klinik: Teste, wie lange du schlimmstenfalls brauchst, wo der richtige Eingang im Krankenhaus ist, was du für die Anmeldung im Kreißsaal benötigst.

Leg dir ein Out- fit zurecht, das du am Tag der Entbindung tragen möchtest - Hauptsache ist: Du fühlst dich wohl, schön (und dadurch stark) und es ist nicht zu eng. Ansonsten bestimmt die Atmosphäre am Ort der Geburt dein Schmerzempfinden:

Wenn du eine Beleghebamme hast, sparst du dir häufigen Personalwechsel und Kontakt zu fremden Hebammen, die du nie zuvor gesehen hast.

• Wenn du dich gut über mögliche Schmerzbehandlung informierst, entfallen Informationsgespräche unter Wehen.

• Wenn du einen Menschen an deiner Seite hast, der dir während der Geburt beisteht (Partner, Mutter, Schwester, Freundin), gibt dir das zusätzliche Sicherheit.

• Wenn du dir Musik aufs Handy spielst, die du gern bei der Geburt hören oder sonst irgendetwas dabeihaben möchtest (und wenn es dein alter Teddy ist, NICHTS muss dir peinlich sein), hilft vielleicht auch das.

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete und nimmt dir nebenbei garantiert ein Stück deiner Angst! Übrigens: Mit deiner Hebamme kannst du tatsächlich einen »Geburtsplan« erstellen - aber wie gesagt: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Akt ACHT, für die Esoterikerin in dir: Auch DU wirst neu geboren.

Es kommt nicht nur dein Kind auf die Welt, es ent- steht eine Familie - und auch du wirst neu geboren. Du wirst nicht mehr die Frau sein, die du vorher warst - im positiven Sinne. Die Grenzerfahrung macht dich noch stärker, als du es schon bist. Dein Horizont erweitert sich, du wirst Gefühle kennenlernen, die du kaum erahnen konntest. Jetzt bist du Mama - und wirst es dein Leben lang bleiben!

Akt NEUN, für die Realistin in dir: Schmerzen nicht vergessen, sondern vergehen lassen.

Zurück zum »Wenn dein Baby da ist, sind alle Schmerzen vergessen«-Satz. JA: Wenn du deinem Baby das erste Mal ins Gesicht blickst, ist alles andere erst einmal egal. Vergessen wirst du ihn vermutlich trotzdem nicht, den Schmerz der Spontangeburt oder das seltsame Gefühl während des Kaiserschnitts. Und das ist auch gut so, denn es gehört dazu. Das Leid aber, das Negative, ist glücklicherweise vergänglich. Das Positive hingegen, dein Baby, bleibt. Für den Moment stimmt der berühmte Satz also vielleicht doch ein kleines bisschen.

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Und wenn du nach diesen neun Akten der Nachwelt (und dir selbst) noch einen Gefallen tun möchtest: Speichere während der Geburt vor allem die positiven Dinge. Wenn du später deinen Freundinnen oder anderen Schwangeren von deinem Geburtserlebnis erzählst, stelle exakt diese Dinge in den Vordergrund. Du musst nichts beschönigen, und wenn eine gute Freundin konkrete Fragen hat, lass von mir aus auch die fiesen Details nicht aus. Aber je positiver wir von der Geburt unserer Babys erzählen, desto eher durchbrechen wir den Teufelskreis.

Denn genau das ist diese Sache mit der Angst: ein Teufelskreis. Wir alle hören diese Horrorgeschichten, haben Angst. Die Angst wirkt sich negativ auf die Geburt aus. Sie suggeriert, dass der Gebärvorgang etwas Schreckliches, Schmerzhaftes, Medizinisches ist - anstatt eines völlig natürlichen Vorgangs.

Die Angst lässt die Frauen verkrampfen, hemmt die Entspannung der Schließmuskeln, sorgt im wahrsten Sinne des Wortes dafür, dass die Frau sich nicht »öffnet«. Die Kombination dieser Konsequenzen hat Eingriffe zur Folge, die vielleicht gar nicht nötig wären - das lässt unter Umständen wiederum neue Horrorgeschichten entstehen. Und so geht der Mist von vorne los.
Also: Positives Denken hat noch nie geschadet - und in Bezug auf die Geburt tust du dir exakt damit einen wirklich großen Gefallen. Du schaffst das: Da bin ich sicher. Und jetzt: Guten Endspurt!

Ganz liebe Grüße, Claudia

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Meine verflixt noch mal schrecklich-schöne, panisch-pralle, gemein-glückliche Schwangerschaft" von Claudia Weingärtner. Es erschien beim Verlag Gräfe und Unzer.

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