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"Papa, ich will mit Dir spielen!"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOTHER BOY GIRL
Thomas Barwick via Getty Images
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Ich war gerade mit dem allmorgendlichem Milch-Keks-Hochstuhl-Gematsche unserer kleinen Naschkatze beschäftigt, als ich mit einem Ohr dem sonntäglichen Frühstückstischgespräch meiner beiden Männer verfolgte: "Also, kleiner Mann, was stellen wir heute bei dem schönen Wetter so an?"

Kurze, nachdenkliche Stille, dann die freudig-erleuchtende Idee: "Wir spielen zusammen!"
"Och, es ist so schön sonnig draussen heute; wir könnten im Hof mit deinem neuen Fahrrad üben."

Wieder kurze Denkpause: "Aber Papi, ich will nicht Radfahren, ICH WILL MIT DIR SPIELEN!" Ich wischte meinem Krümelmönsterchen die letzten Keksreste von ihren Hamsterbäckchen und schielte dann innehaltend zu meinem kleinen Schlumpf hinüber.

Mit seiner unmissverständlichen Forderung hatte er mich soeben von meinem letzten Überbleibsel der nächtlichen Müdigkeit befreit und mich zugleich in einen nachdenklichen Zustand versetzt: Was wollte er uns mit dieser Aussage zu verstehen geben? Was wollte er seinem Papi und mir in diesem Moment sagen?

Mama für alles

Als unser Sohn klein war, ich also während der Elternzeit vorerst noch keine grossartigen beruflichen Verpflichtungen hatte und somit bewusst gewollt soviel wie möglich Zeit mit unserem Kleinen verbrachte/ verbringen konnte, war ihm sein zentraler Platz in unserer Familienkonstellation natürlich eine Selbstverständlichkeit: Mama war 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche nur für ihn da.

Mama kuschelte, Mama kochte, Mama blödelte, Mama versorgte, Mama tröstete, Mama spielte. Der Papa war jobmässig bedingt natürlich weniger präsent, und so übernahm ich als begeisterte Neomama den Grossteil der Kinderbetreuung, der Einschlafbegleitung und schlüpfte gerne in die Rolle der Spielgesellin, der Köchin, der Weggefährtin. Und das von ganzem Herzen!

Dass sich diese ungefilterte Aufmerksamkeit irgendwann ändern würde, wurde spätestens in dem Moment klar, als in Mamas Bauch ein neues Baby heranwuchs. Meine eigenen Gedanken und Gefühle von damals hat die liebe Alina in ihrem aktuellen Beitrag wundervoll ausgedrückt.

Ich wusste, dass unsere "traute Zweisamkeit" bald eine andere Gestalt annehmen würde und konnte ab und an ein leichtes Gefühl der Traurigkeit und der Sorge im Bezug auf die sich wohl ändernde Beziehung zu meinem Sohn nicht verbergen.

Aus 1 mach 2 ...

Seit also seine kleine Schwester ihm mit ihrer extrovertierten und mittlerweile auch (sympathisch) provozierenden Art sein antikes Einzelkind-Hoheitsgebiet streitig macht, werden wir Eltern neuerdings vor allem mit (durchaus verständlichen) Forderungen nach ungeteilter Aufmerksamkeit seinerseits konfrontiert.

Diese werden von unserem Sohnemann allerdings nicht transparent, sondern auf eher verschlüsselte Art und Weise überbracht: Eifersuchtsszenen, Sticheleien, Provokationen, Nörgeleien, eine "auf Durchzug schalten"- Einstellung sowie konsequentes Ignorieren unserer Aufforderungen (ihr kennt das!) lassen oft auf sein Bedürfnis nach einer schwesternfreien Exklusivzeit nur mit Mama oder Papa schliessen.

So ging es unserem Sohn an diesem sonnigen Sonntagmorgen also nicht etwa um ein kleines, buntes Rennauto, einen Lutscher oder eine Runde Busfahren. Nein, sein Wunsch beschränkte sich lediglich darauf, einfach nur ganz alleine mit seinem Papi zu spielen. Irgendwas. Nur er und Papa. Mehr nicht.

An und für sich natürlich eine völlig legitime und berechtigte Forderung. Doch oft haben wir als Eltern erhebliche Schwierigkeiten, ihm und seinem Wunsch nach Exklusivzeit gerecht zu werden. Und seine direkte, unverblümte Aufforderung an seinen Papa, doch einfach nur etwas Zeit mit ihm zu verbringen, hat mir dies an jenem Sonntagmorgen mal wieder so richtig zwickend bewusst gemacht ... Schade, aber Realität.

Woran liegt das? Einerseits ist da natürlich sein kleines Schwesterchen, die im Vergleich zu ihrem Bruder charakterlich etwas autonomer ist und nicht unbedingt so viel Einzelzeit einfordert, aber dennoch unsere elterliche Aufmerksamkeit benötigt: Sei es bei der akuten Risikovermeidung ("Nein, nicht die Hände zwischen die Waschmaschinenklappe stecken!"- "Es wird nichts vom Balkon geschmissen!"-"Die Couch ist kein Trampolin!"), bei der Hilfestellung in alltäglichen Dingen wie Essen, Anziehen, Pipi-und Popo-Machen sowie beim gemeinsamen Spielen.

Die neue Rolle als Bruder

Wir hatte uns zwar ideellerweise vorgenommen, gewisse Eigenarten hinsichtlich der eventuellen bevorzugten Behandlung eines der beiden Geschwisterkinder zu vermeiden, doch wenn wir ehrlich sind, stellt sich dieses Vorhaben in der Realität alles andere als unkompliziert dar.

Im Gesamtbild gesehen benötigt die "Kleine" in vielerlei Hinsicht eben einfach noch öfter unsere Begleitung. Und das ist okay so. Schliesslich hat auch sie ein "Anrecht" auf uns.

Doch ungewollterweise wird unserem "Großen", dem Ex-Einzelkind in seiner neuen Rolle als Geschwisterkind, dann wortwörtlich der Stempel "Der Große" aufgedrückt und damit von ihm erwartet, sich in manchen Sachen selbst zu arrangieren.

Auf der einen Seite berechtigt - ich finde es absolut nicht verkehrt, wenn man von ihm beim Umziehen, Duschen, Zähneputzen, Essen etc. schon eine gewisse Autonomie verlangt- auf der anderen Seite laufen wir damit eben machmal Gefahr, seinen emotiven Bedürfnissen und Wünschen nicht vollständig gerecht zu werden.

Manchmal vergessen oder verdrängen wir wohl, dass es für ihn eine ungeheure Umstellung gewesen sein muss, als er von heute auf morgen seinen über zweijährigen Einzelkindstatus alternativlos und gezwungenermassen gegen die Rolle des grossen Bruders eintauschen musste ...

Es gibt immer Ausreden

"Komm, Du bist schon alt genug, das schaffst Du allein!" - "Schau mal, Deine Schwester kann das fast schon besser als Du!" - "Fange schon mal an zu spielen, ich komme dann, wenn ich die Küche sauber gemacht habe!"

Das sind so typische Sätze, die uns leider viel zu oft über die Lippen kommen und unseren Sohn direkt oder indirekt einem (sehr wohl ungerechten) Vergleich mit seiner Schwester ausliefern oder ihn eben in eine Art Warteschleife stellen.

Sei es, weil auch hier wieder seine Fähigkeiten mit denen seiner Schwester ("Muss die immer da sein?") konfrontiert werden (wie unpädagogisch von uns!!) und wir ihn in gewissen Momenten quasi „alleine" brodeln lassen;

sei es, weil man im Haushalt oder für den Job immer irgendwas anderes zu tun findet, als sich mit den Kids auf den Fussboden zu hocken und Magnet-Fischlein zu angeln; sei es, weil man eben einfach keine Lust oder andere (vermeintlich sinnvollere, wichtigere, dringendere, interessantere...) Dinge im Kopf hat, als sich stundenlang im Indianerzelt zu verstecken. Irgendeine Ausrede hat man immer parat.

Ich gebe zu, dass ich auch nicht immer Freudensprünge mache, wenn ich mir Tag für Tag eine Nachmittagsbeschäftigung mit und für unsere Kids einfallen lassen muss/darf. Versteht mich nicht falsch, wir verbringen wirklich tolle, ausgefüllte Stunden zu dritt beim Puzzlen, Malen, in der Bibliotehek, auf dem Spielplatz, beim Radfahren oder gelegentlichen Ausflügen.

Alltagsstress

Doch dieser permanente Status der vollen Konzentration auf das, was die Kinder tun, wollen, anstellen, vollkritzeln; wo die Kinder sich verstecken, hinrennen, ausreissen, sich hochhangeln (ihr kennt das!) ist alles andere als entspannend und gemütlich - auch wenn die Beiden grundsätzlich sehr liebe und problemlose Kinder sind (wenn man das an dieser Stelle mal so sagen darf!).

Und dennoch ertappe ich mich schon ab und an dabei, wie mich manche Alltagssituationen mit den Kids einfach stressen, mich extrem anstrengen oder eben auch langweilen. Ich hab's nun mal nicht so mit Baggern und Minirennstrecken und Dinosauriern ...

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An diesem Sonntagmorgen zeigte mein Mann auch nicht eine wirkliche Begeisterung, als der Frischluft-Fahrradfahrplan gekonnt boykottiert wurde und das greifbare Risiko bestand, den Vormittag auf den Knien rutschend beim Matchboxautofahren zu verbingen.

Puzzlen oder gemeinsam einen Trickfilm schauen- das wäre vielleicht noch bequem gewesen und hätte vergleichbar wenig Anstrengung verlangt. Aber so? "Tolle Aussichten" wird er sich gedacht haben, "dabei hätte ich so viel Wichtigeres zu tun!"

Tja!! Da haben wir's! Das ist wohl der Punkt, die Knotenstelle, wenn es um die Einräumung von ein paar Momenten exklusiver Zeit mit unserem "Grossen" geht: Können wir nicht oder wollen wir nicht? Etwa weil uns diese "Spielzeit" fast schon als vergeudete Zeit vorkommt, in der man hunderte andere "wichtigere" Dinge hätte erledigen können?

Bewusste Momente mit den Kindern schaffen

Weil wir unseren Alltag so schnelllebig vom Band gehen lassen, dass wir vor lauter Terminen, Gedanken, Jobangelegenheiten, Haushaltskram, irgendwelcher persönlicher Vorhaben etc. keinen Blick mehr für das Wesentliche übrig haben?

Bin ich mir zu schade dafür, von meinem hohen Ross der Wichtigtuerei herabzusteigen, um mich den emotiven Bedürfnissen meiner Kinder zu widmen? Das klingt zwar jetzt vielleicht etwas überspitzt, trifft jedoch die Sache an ihrer wundesten Stelle: Wie sehr sind wir als Eltern tatsächlich in der Lage, uns unvoreingenommen und hundertprozentig im Alltag auf unsere Kinder und deren legitime Forderungen, wie zum Beispiel nach Momenten der "Zweisamkeit", einzulassen?

Nach dem besagten Sonntagsfrühstück hatte ich mir also fest vorgenommen, zur nächstbesten Gelegenheit bewusste Momente mit meinen Kindern zu schaffen, in denen nicht nur meine körperliche, sondern vor allem auch meine geistige Anwesenheit voll und ganz gewährleistet war.

Nichts sollte mich davon ablenken, mich zu hundert Prozent auf diese Exklusivzeit, wenn auch mit beiden anstatt nur einem Kind, zu konzentrieren. Kein Handy, PC aus, Hausarbeit egal, die Staubflocken können auch noch morgen beseitigt werden, für den Abend schnelle Nudeln anstatt aufwendige Gerichte. Nur die Kinder und ich.

Tatsächlich: Unser Spielenachmittag, den wir bewusst daheim verbrachten und somit jede Art von Ablenkung und bequeme Situationen für die Mama* vermieden, erwies sich als erfolgreich: (*Denn mal ehrlich: Begebt Ihr Euch mit Euren Kids nicht auch ab und zu auf den Spielplatz, damit Ihr selbst ein wenig plauschen könnt mit anderen Mamas, die Kinderhorde hingegen mehr oder weniger friedlich unter sich spielt und somit die Zeit bis zum Abend fast von alleine vergeht?)

Das Zusammensein genießen

Meine bewusste Bemühung, mich in jener Zeit komplett meinen Kindern zu widmen und alles ringsherum für ein paar Stunden zu vergessen, zahlte sich definitiv aus: Ich selbst empfand mich als entspannter, lockerer, gelassener und war bereit, meinen Kids das Ruder in die Hand zu drücken: Sie durften selbst entscheiden, was sie spielen wollten, wie lange und in welcher Konstellation (alleine, zusammen, mit Mama).

In meinen Kindern, vor allem in meinem "Grossen", stellte ich (trotz der permanenten Anwesenheit seiner Schwester) eine unerwartete Kooperationsbereitschaft, sensibles Taktgefühl und eine für mich angenehme Leichtigkeit fest.

Ich ließ mich voll und ganz auf die beiden ein und versuchte dabei bewusst, meinen Sohn so viel wie möglich überall mit einzubeziehen, quasi so "wie früher". Erstaunlicherweise überkamen mich dabei weder Gefühle des Stresses, noch der Langeweile- im Gegenteil: Ich genoss förmlich diese simple, bodenständige, natürliche Art des Zusammenseins.

Wir verbrachten einige Stunden auf dem Boden hockend, liegend, tanzend, malend, bastelnd, spielend, und nie kamen seitens meines Sohnes Anfragen wie "Darf ich ein wenig Fernsehen?" (Diese kommt meist, wenn ihm beim Spielen eine Bezugsperson fehlt) oder eher unschöne Verhaltensweisen, besonders seiner Schwester gegenüber, die normalerweise dazu dienen, sich selbst in den Mittelpunkt zu hieven.

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Selbst Initiative für Spiele ergreifen

Auch wenn es mit in der Situation nicht direkt möglich war meinem Sohn eine ungeteilte Aufmerksamkeit zu bieten, hat sich das "Experiment" als durchaus sinnvoll erwiesen: Ich hatte das Gefühl, dass die beiden noch Tage darauf von unserem intensen Spielenachmittag profitierten.

Einem Nachmittag, an dem ihre Mama nicht nur bruchstückhaft und sporadisch zu ihren spielenden Kindern gestossen ist, um zu kontrollieren, dass es keine blauen Flecken gibt und tropfende Rotznasen den Fussboden verzieren, sondern ihre Rolle als Köchin, Putzfrau, Jobbende, Haushaltsmanagerin vollkommen zugunsten der Mama als Spielgefährtin eingetauscht hat.

Bin ich deswegen Sklavin meiner Kinder? Ich glaube nicht. Ich konnte erstaunt feststellen, dass ich mir selbst etwas Gutes tue, wenn ich gelegentlich den Puppenkinderwagen vor mir herschiebe anstatt den Wäscheständer.

Wenn ich mich fesseln lasse von der kindlichen Kreativität und selbst die Initiative für ein spontan ausgedachtes Spiel ergreife. Dass ich sogar Spass am Ausdauer-Miniauto-Einparken haben kann, wenn ich mit der nötigen Portion Gelassenheit und einer Prise Humor in die Welt meines Vierjährigen eintauche.

Sicher schreibe ich hier nichts neues oder pädagogisch Weltenbrechendes, wenn ich ins Bewusstsein rufen möchte, dass diese Kleinkinderjahre irgendwann vergehen. Und das eher früher als später.

Vater und Sohn unter sich

Vermutlich schauen wir dann in 10 bis 15 Jahren mit einem tränenden Auge auf diese anstrengende, kräftezehrende, aber zugleich fabelhafte und wundersame Zeit mit unseren kleinen Nachkommen zurück.

Vielleicht mit dem trauerbehafteten Wunsch, dass man doch gerne mehr "quality time" mit den Kleinen verbracht hätte, anstatt sich mit immer wiederkehrender Bügelwäsche, ehrgeizigem Karrierestreben oder vergänglichen Beautynews beschäftigt zu haben.

Was die Spielzeit mit dem Papi angeht, so versuchen die beiden Männer, ab und an Momente "unter sich" zu finden. Das mit dem stundenlangen Feuerwehrauto - und Baggerspielen ist zwar vielleicht eher eine Utopie, doch ein gemeinsamer "Ausflug" zur richtigen, echten Tankstelle mit Papas richtigem, echten Lkw war jetzt schon mal ein Highlight.

Und wir Mädels? Ja wir, wir gönnen uns auch ein wenig Zeit zu zweit und gehen dann erstmal ein leckeres Eis essen.

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