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Liebe Frauen, ihr müsst das wohl alleine hinkriegen - Warnung einer Münchner Hebamme

09/08/2017 09:31 CEST | Aktualisiert 09/08/2017 11:02 CEST
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Eine junge Mutter hat in ihrer Schwangerschaft Fragen, Ängste und Sorgen - und steht völlig alleine da. Was für jede Frau wie ein Albtraum klingt, ist in Deutschland Realität.

Es gibt immer weniger Hebammen in unserem Land und das ist erschreckend, beschämend und nicht zuletzt gefährlich für Mutter und Kind. Ich weiß das, weil ich selbst eine der wenigen übrigen Hebammen bin.

Ich lebe und arbeite in München und erfahre  die politischen und gesellschaftlichen Missstände im Hebammenberuf am eigenen Leib. Schließlich gibt es Gründe, warum ihn niemand mehr erlernen und ausüben möchte.

Vor allem stehen uns Politik, Auflagen und Kassenverbände im Weg. Dabei ist unsere Arbeit unglaublich wichtig und vor allem nicht ersetzbar.  Wir kommen nicht nur nach Hause und helfen bei der Geburt - das ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Ich zum Beispiel mache das gar nicht mehr - ich konzentriere mich auf den  vor- und nachgeburtlichen Bereich.

Das heißt, ich betreue die Frauen und ihre Familien ganz individuell über die gesamte Schwangerschaft und bereite sie in Kursen und Workshops auf die Entbindung und den neuen Lebensabschnitt vor.

Nach der Geburt besuche ich die Frauen im Wochenbett zur Nachsorge, gebe Rückbildungs- und Babymassagekurse und bin bis zum Abstillen für die Familien da. Wie viele meiner Hebammenkolleginnen führe ich aber auch Untersuchungen bei Mutter und Kind durch, kontrollieren ihre Gesundheit und kümmern mich um die Wundversorgung der Frau.

Wir überwachen die beiden, erkennen Gefahren und überweisen gegebenenfalls an einen zuständigen Arzt. Was in der Arbeit einer Hebamme also im Vordergrund steht, ist zum einen das Vertrauensverhältnis mit der Mutter und der gesamten Familie, zum anderen, die Überwachung und Gesundheitsvorsorge.

Erhöhte Medikation und eine steigende Kaiserschnittquote wären die Folge

Wir bereiten Eltern auf ihre künftige Aufgabe vor und begleiten sie dabei. Das gibt Ihnen Sicherheit im Umgang mit dem Baby und der neuen Lebenssituation.  Sie müssen keine Angst haben und können sich immer an einen professionellen Berater wenden.

Das ist unerlässlich für die Gesundheit und Entwicklung des Kindes. Jede junge Mutter muss schließlich meistens noch einiges lernen. Fällt der Hebammenberuf weg, bedeutet das einen Verlust, der bei einer werdenden Mutter zu Angst, Spannung und Schmerz führen kann.

Erhöhte Medikation und eine weiter ansteigende Kaiserschnittquote wären die logische Folge. In der Vor- und Nachbetreuung käme es zu einer deutlichen Mehrbelastung der niedergelassenen Kinder- und Frauenärzte, die die Hebammenaufgaben zusätzlich übernehmen müssten.

Dieses Szenario ist wohl jetzt schon für einige werdende Mütter Wirklichkeit. Immer öfter kommt es zu akuten Engpässen. Gerade in Ballungsräumen läuft es derzeit nach dem Prinzip "der frühe Vogel fängt den Wurm".

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Um ihre Schwangerschaft sorglos genießen zu können, sollten sich die Frauen am besten noch mit dem positiven Test in der Hand um eine Hebamme kümmern.

Dieser Ansturm auf die wenigen übrigen Hebammen zeigt: Die Frauen wollen an die Hand genommen und betreut werden, die Nachfrage ist also groß. Der Grund, warum trotzdem immer weniger Menschen den Hebammenberuf erlernen und ausüben wollen, ist relativ simpel: Es lohnt sich einfach nicht mehr.

Ich verstehe nicht, warum es uns Hebammen so schwer gemacht wird

Problematisch ist an erster Stelle die zu geringe Bezahlung. Am Beispiel meiner Heimatstadt München liegt die Schwierigkeit auf der Hand. Ich lebe in einer sehr teuren Stadt mit hohen Mieten und Lebenshaltungskosten.

Diese Faktoren stehen leider im Gegensatz zu der schlechten Bezahlung von Hebammen. Hinzu kommt die fehlende Unterstützung durch Politik und Kassenverbände, stetig steigende Haftpflichtprämien und Dokumentationsauflagen.

Ein riesiger Finanz- und Arbeitsaufwand auf der einen Seite, ein wunderschöner und erfüllender Beruf auf der anderen. Ich verstehe, warum viele meiner Kolleginnen ihre Arbeit aufgeben und sich schweren Herzens beruflich umorientieren.

Was ich nicht verstehe, ist jedoch, warum es uns Hebammen so schwer gemacht wird. Dass werdende Mütter den Probleme in ihrer Schwangerschaft unbegleitet und alleine entgegentreten müssen, ist eine Schande - vor allem in einem Land wie Deutschland.

Mehr zum Thema: Die Angst, keine Hebamme zu finden, hat mir die Freude über meine Schwangerschaft genommen

Jeder Mensch hat ein Recht auf Unversehrtheit, auch jedes Baby. Ohne Hebammen ist dieses Recht nicht mehr gegeben - weder bei Mutter noch beim Kind. Die Frage ist doch,  in was für einer Gesellschaft wir künftig leben wollen?

Es möchte wohl kaum jemand  seiner Tochter später erklären müssen, dass sie weder professionelle Begleitung vor und nach der Geburt bekommt, noch in sicherer, liebevoller Umgebung entbinden darf.

Deshalb ist es jetzt für die Politik an der Zeit, etwas zu tun, um uns und allen Müttern und Babys in Deutschland das Leben wieder leichter zu machen.

Von Claudia Purzer, Hebamme aus München

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