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Zur Hölle mit den smarten Zielen

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MOTIVATION
Buena Vista Images via Getty Images
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Sie kennen das: Sie haben sich ein smartes Ziel gesetzt. Den Weg dorthin haben Sie komplett verinnerlicht. Sie haben zahllose richtig gute und motivierende Artikel zu diesem Thema gelesen. Und sie wissen ganz genau, mit welchen Techniken sie dieses Ziel erreichen können.

Was aber, wenn diese Art des bedingungslosen  goalgetting Sie eher ausbremst, als dass es Sie voranbringt?

Der wirklich großartige Tony Robbins und mein persönlicher Motivationsheld sagt:

„Setting goals is the first step in turning the invisible into the visible."

Tony ist in seiner Energie und Power wirklich einzigartig. Wenn ich einen dieser lustlosen und unmotivierten Tage habe, ist ein Motivationsvideo von ihm mein Positiv-Pusher, der mich energiegeladen durch den Tag bringt.

Aber manchmal kommt mir auch der Gedanke: Was hat der Mann genommen? Bitte nicht falsch verstehen: Mr Robbins ist fantastisch. Doch im Vergleich zu mir erscheint er mir in manchen Momenten wie von einem anderen Stern, denn er ist nie mutlos, zweifelnd und er bleibt immer dran.

Wie sieht es bei Ihnen aus: Schaffen Sie es immer dranzubleiben?
Lassen Sie uns mal durchspielen wie das mit den Zielen ist. Die Theorie ist super easy.

1. Setzen Sie sich ein Ziel.

Sie müssen dafür kämpfen. Gerne darf das Ziel etwas übermütig und zu groß sein. Trauen Sie nach den Sternen zu greifen. Visualisieren Sie es. Ihr Ziel soll Sie pushen. Ihr Ziel ist Ihr Motivator. Ist der Motor, der Sie auf Touren bringt und vorwärts treibt.

2. Entwicklen Sie eine Strategie wie Sie das gesetzte Ziel erreichen.

Mit dieser Strategie füllen Sie Ihren Plan mit Leben. Sie setzen sich Meilensteine, Zwischenziele auf dem Weg zu dem einen großen Ziel.

3. #Getthisshitdone! Und jetzt gehen Sie für Ihr Ziel, das Sie definiert, visuell erfasst und mit einer Strategie erreichbar gemacht hast.

Sie geben niemals nach. Sie bleiben auf Ihrer selbst definierten Spur. Stick to it. Und dann am Ende haben Sie es geschafft und stehen auf dem Gipfel und sind voller Glück und Erfüllung.

Leider ist oft auf diesem Weg irgendwo der Punkt, wo es zwischen dem Beispiel der Vorbilder und unserer Realität auseinanderbricht. Irgendwo auf der Strecke passiert etwas mit Ihnen, das theoretisch nur eine episodenhafte Hürde auf dem Weg zum Ziel ist. Eine Hürde, die erkannt, analysiert und genommen werden will. Wirklich, kein Ding. Das schaffen Sie. Soweit die Motivations-Theorie. Aber so einfach ist es nicht.

Vor kurzem war Silvester. Wie viele von Ihnen haben den Vorsatz gefasst: Im neuen Jahr mache ich mehr Sport? Und bis zum nächsten Sommer habe ich genau  den Körper, den ich als Idealbild im Kopf habe. Nicht zu dünn, nicht zu dick, muskulös und athletisch, mit definierten Muskeln. Einen Körper, der einfach gesund und stark aussieht.

Anna, meine süße, alle Wünsche, Träume und Ziele in sich vereinende virtuelle Freundin, hatte auch diesen Vorsatz.

Sofort im neuen Jahr  meldete Anna sich im Sportstudio an. Und auf die Frage des smarten Trainers  „Wie oft willst du in der Woche trainieren?"(oh, man, der weiß ganz genau wie Anna tickt und wie ihre motivationsüberbordende Antwort sein wird) antwortet Anna voller Überzeugung und mit einer starken, motivierten, durch nichts zu erschütternden Haltung, dass sie fünf Mal die Woche trainieren will. Denn sie will diesen gesunden und starken Körper. Anna will für ihr Ziel gehen.

Natürlich kennt Anna Geschichten von Menschen, die auf halber Strecke schlapp gemacht haben. Aber das wird bei ihr nicht so sein, denn sie hat ihr Ziel definiert und zwar klar und sehr exakt. Anna hat eine Strategie und ist eine Verpflichtung mit sich selber eingegangen. Und sie wird nicht ruhen bevor sie ihr Ziel erreicht hat.

Ach süße Anna! Jetzt geht die 5. Kalenderwoche zu Ende und möglicherweise war es nicht so gut in der ersten Woche jeden Tag drei Stunden zu trainieren. Denn am freien Sonntag der ersten Woche hatte Anna einen mörderischen Muskelkater. Ihr Körper blieb die zweite Woche über schlapp und es hat nur für zwei Trainingseinheiten gereicht. Anna ist total genervt. Sie ist enttäuscht von sich und traurig, weil sie schon nach wenigen Tagen mutlos ist. Anna schämt sich und sie hat große Zweifel, ob sie ihr Ziel je erreichen wird.

Aber Anna rafft sich wieder auf und  ist fest entschlossen nächste Woche wieder ihrer Strategie zu folgen. Sie schaut sich noch ein Tony Robbins Video an und sie weiß, dass sie es schaffen wird. Aber irgendwo da hinten in einer Ecke ihres Egos sitzt ein kleines Kerlchen, das Anna leise ins Ohr wisperst „Du wirst es nicht schaffen."

Das ist das große Dilemma. Ob bei Anna oder bei Ihnen, Ihre Gefühle entsprechen eben gerade nicht dem, wie sie theoretisch sein sollten und was von den Motivationshelden vorgelebt wird. Tatsächlich geht es Ihnen sogar noch etwas schlechter. Und zwar zum einen, weil Sie auf dem Weg zum Ziel nicht so straight sind, wie Sie es sich wünschen. Aber zum anderen noch viel mehr, weil Sie Ihr Mindset nicht unter Kontrolle haben.  Warum klappt es einfach nicht? Sie haben doch alles richtig gemacht.

Wenn Sie in dieser Situation stecken, ist der Rückgriff auf Ihren Intellekt und eine glasklare Analyse keine wirklich große Unterstützung. Denn natürlich wissen Sie, dass Ihr Gefühl der Frustration, der Enttäuschung normal und absolut menschlich ist.

Und dass Sie genau dieses Gefühl ignorieren sollten und dranbleiben müssten. Und Sie bleiben auch dran, aber es ist so schwer und anstrengend.

Und das hat einen Grund. Das Arbeiten mit  hohen und klaren Zielen ist sehr energieraubend. Denn Sie müssen sehr viel Energie und Disziplin aufwenden, um  - neben den eigentlichen  Steps in Richtung Ziel -  Ihre Motivation hochzuhalten. Das kostet Sie unendlich viel Kraft. Das fokussierte und absolute Erreichen von Zielen entwickelt sich so  sehr leicht zu einem Energieräuber. Sie konsumieren Ihre Motivation-Energiemenge in einem sehr hohen Maß.

Wie wäre es, wenn Sie es sich gelegentlich leichter machen würden?

Muss es immer eine klare, strikte Zielsetzung sein? Hinterfragen Sie doch einfach mal Ihre Ziele. Sind sie wirklich so wichtig? Was ist ihre Essenz? Müssen Sie alle Ziel in ihrer spitzen Definition erreichen oder ist da auch etwas Spiel, etwas Leichtigkeit möglich?

Natürlich können Sie sich das Ziel setzen, im kommenden Monat einen 5 stelligen Umsatz zu fahren oder  in vier Wochen ein Sixpack zu haben. Aber das Ziel ist ganz bewusst sehr hoch angesetzt. Und zwar so hoch, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass Sie es exakt so  erreichen. Das Ziel soll schließlich smart sein. Das ist das kleine Psychologie-Verkäufer-Motivations 1 x1. Und das ist auch okay so und kann wunderbar funktionieren. Aber manchmal bremsen Sie sich mit  dieser Strategie aus.

Fahren Sie doch diese harte energiezehrende Strategie nur da, wo es wirklich, wirklich wichtig ist. Und machen Sie es sich deshalb bei Ihren Soul-Zielen - wie dem Wunsch nach einem gesunden Körper - einfacher. Versuchen Sie nicht den üblichen Weg zu gehen, sondern installieren Sie stattdessen eine Gewohnheit um Ihre Ziele zu erreichen. 

Versuchen Sie  das  Ziel für einen Moment zu vergessen und installieren Sie diese eine Gewohnheit, die Sie dann auch  erledigen. Und zwar täglich. Nehmen wir doch mal Annas Ziel. Es wäre für sie sehr viel einfacher sich als ersten Schritt anzugewöhnen, täglich eine halbe Stunde in der frischen Luft zu sein, ob sie walkt oder spazieren geht, wäre vollkommen egal. Die Überwindung dazu ist wesentlich leichter, weil weniger aufwändig und fordernd.

Diese Gewohnheit könnte Anna schnell in ihren Alltag integrieren. Und nach einer Zeit könnte noch eine weitere hilfreiche Gewohnheit hinzukommen, die sie ihrem Ziel näher bringt. Anna nimmt sich vor, jeden Tag frisches Gemüse zu essen. Und diese beiden Gewohnheiten integriert sie in ihren Alltag. Nach  einer Weile  wird sich Anna fitter fühlen und bereit sein für eine weitere Gewohnheit, die sie ihrem Ziel näher bringt.

Ja, eine Gewohnheit ist unsexy im Vergleich zu einem klaren, ambitionierten Ziel. Aber ein fixiertes Ziel mit einer rigiden Strategie zu erreichen ist auch viel härter als eine Gewohnheit in den Alltag zu integrieren. Beim Setzen von Gewohnheiten arbeiten Sie mit Investitionen. Sie investieren etwas Zeit und Mühe und jeder Tag, an dem Sie diese Investition tätigen, tut Ihnen gut.  Und zwar auch, wenn Sie Ihr Ziel nicht erreichen. Die Energie, die Sie bei der Zielstrategie verbrauchen, ist hingegen limitiert. Und wenn Ihr Ziel sehr hoch ist, werden Sie möglicherweise auf halber Strecke schlapp machen.

„Ich bin zwar vielleicht noch nicht am Ziel, doch näher dran als gestern"

Durch die installierten Gewohnheiten, die Ihnen Energie und Unterstützung geben, fühlen Sie sich besser. Sie tun sich etwas Gutes. Die Umsetzung der Gewohnheit fällt Ihnen irgendwann durch ständige Wiederholung so leicht wie das tägliche Zähneputzen. Und Sie haben nicht den täglichen Kampf mit der Erreichung Ihres Ziels, sondern Sie reduzieren den Druck auf sich. Sie verschwenden keine Energie mehr dafür ständig Ihre Motivation auf dem Level eines 100 Meter Sprinter zu halten. Sie sind einfach ein bisschen gut zu sich.

Anna hat sich übrigens entschieden nur 2 mal die Woche ins Studio zu gehen und an den anderen Tagen einfach etwas frische Luft nach der Arbeit zu genießen.

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