Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Claudia Dietze Headshot

Die Maschine bekommt ein sympathisches Gesicht, nämlich unseres

Veröffentlicht: Aktualisiert:
IBM WATSON
Getty
Drucken

Viel wird diskutiert, was aus den Menschen und den Arbeitsplätzen wird, wenn Maschinen viele unserer Jobs übernehmen. Inzwischen besteht Konsens darüber, dass das "Second Machine Age" begonnen hat und weitgreifende Veränderungen in unser Leben bringen wird. Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.

Maschinen können heute schon gigantische Datenmengen, wie sie ein Mensch nie bewältigen wird, mit Leichtigkeit und in einer sehr hohen Geschwindigkeit auswerten. In diesem Bereich sind uns die Maschinen bereits überlegen.

Es geht auch nicht mehr nur um die Automatisierung von Fließbandarbeitern oder Jobs im Dienstleistungsbereich mit hohem Routinefaktor, sondern auch und vor allem um hochqualifizierte Arbeitsplätze, etwa die von Ingenieuren, Ärzten oder Juristen.

Können Maschinen in absehbarer Zukunft autonom Entscheidungen treffen und autonom handeln?

In begrenzten Bereichen und bei Spezialfragen: ja. So gilt das Brettspiel Go als ein noch wesentlich komplexeres Spiel als Schach. Bis vor kurzem war die einhellige Meinung, dass Maschinen bis auf Weiteres keine Gegner für Meisterspieler sein werden.

AlphaGo, eine künstliche Intelligenz von Google, hat diese Einschätzung in 2016 widerlegt und mehrfach hochrangige Go-Spieler geschlagen. Das Interessante ist zudem, dass es sich bei AlphaGo im Gegensatz zu IBM Watson oder Deep Blue, dem Supercomputer, der als erste Maschine einen Schach-Großmeister geschlagen hat, das erste Mal um ein System handelt, dass wirklich als eine künstliche Intelligenz bezeichnet werden kann.

Auf Basis von neuronalen Netzen lernt AlphaGo z. T. selbstständig, indem es gegen sich selbst spielt und sogar fähig ist, neue kreative und überraschende Züge auszuführen. AlphaGo ist damit tatsächlich in der Lage, auf einem Spezialgebiet, dem Brettspiel Go, autonom Entscheidungen zu treffen und autonom zu handeln.

Entscheidungen im täglichen Leben sind aber weitaus vielfältiger und komplexer, als sie heute oder auch in naher Zukunft von einer Maschine getroffen werden können. Die meisten Aufgaben erfordern Welt- und Kontextwissen und mehrere zusammenhängende Schlussfolgerungs- und Entscheidungsprozesse, die häufig zudem auf Intuition und Erfahrung basieren.

Wir sind soziale Wesen

Inspiration und Vision gehen vom Menschen aus. Wir suchen den zwischenmenschlichen Austausch, wir wollen im Team arbeiten und gemeinsame Ziele verabschieden. Wir sind im Team besser als alleine. Das Lösen von Problemen oder Entwickeln von Ideen durch Austausch von Erfahrungen folgt einem Grundbedürfnis des Menschen.

Der soziokulturelle Aspekt ist damit derjenige, der mehr und mehr in den Mittelpunkt des Geschehens rücken wird. Die Fähigkeit zur Empathie wird eine tragende Rolle in der Welt der Maschinen spielen, da sie den Beitrag zum Stillen des zwischenmenschlichen Bedürfnisses nach Austausch und Interaktion liefern kann. Die Therapie wird vom Arzt und nicht von der Maschine verordnet und begleitet.

Maschinen werden unsere Produktivität deutlich erhöhen und ebenso die Entscheidungsqualität

Menschen werden im Alltag jedoch viel enger mit Maschinen und Algorithmen zusammenarbeiten. In nicht allzu ferner Zukunft werden Maschinen in natürlicher Sprache mit uns kommunizieren und uns bei unseren Aufgaben unterstützen.

Die Fähigkeiten von Menschen im Bereich Kommunikation und Entscheidungsfindung wird durch die Fähigkeiten der Maschinen, wiederkehrende Aufgaben schnell und mit geringer Fehlerquote zu lösen, ideal ergänzt.

Die Maschine (ob Roboter oder reine Software) wird demnach zu einer natürlichen Erweiterung des Menschen. Die Folge wird eine höhere Produktivität sein, was zum Verlust von Arbeitsplätzen führen wird.

Die Arbeitswelt der Zukunft besteht nicht nur aus Jobs für Programmierer

Zunächst aber eine gute Nachricht vorab: Es werden weiterhin gut ausgebildete Menschen benötigt, die nicht programmieren können, und auch handwerkliche Aufgaben sind weiterhin eine wichtige Domäne der Menschen.

Wenn man die Job-Postings der großen Silicon-Valley-Firmen anschaut, dann sieht man, dass dort häufig mehr offene Stellen für Nicht-Programmierer gelistet sind als für Programmierer. Letztendlich werden diese Produkte für Menschen hergestellt und Software-Entwicklung ist weit mehr als ein rein technischer Prozess: Von der Konzeption über den Verkauf bis zum Training und Support sind überall Menschen involviert.

Ideen entwickeln, Probleme analysieren, im Team arbeiten und kommunizieren, Wissen vermitteln, führen und geführt werden. Kreativität, Empathie, Weltwissen, Kontextwissen und Erfahrung anwenden. Das alles ist auch weiterhin Teil des zweiten Maschinenzeitalters.

Wir sehen das auch bei unseren Kunden: Meine Firma entwickelt Software für die digitale Transformation und der gemeinsame Aufbau der Produkt-Teams beim Kunden erfordert weit mehr als "nur" Programmierer.

Teilweise handelt es sich um völlig neue Jobs, die es so bisher in Deutschland noch gar nicht gab oder nur sehr kurz gibt. Product Owner, Agile Master, Online Content Manager - es gibt eine Vielzahl neuer Jobs, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Wir leben in einer alternden Gesellschaft

In der Digitalisierung liegt aber eine größere Chance verborgen, als die meisten Menschen denken. 2015 betrug der Altersmedian laut Statista 46,2 Jahre. Das bedeutet, dass die eine Hälfte der Bevölkerung jünger und die andere Hälfte älter als 46,2 Jahre ist. Stand 2016 leben 82,2 Millionen Menschen in Deutschland.

Für 2050 lautet die Prognose: 70 Millionen. Und mit steigendem Altersmedian, d. h. die Menschen werden im Schnitt älter. Mehr Menschen sind im Ruhestand. Es gibt jedes Jahr immer weniger junge Menschen, die mit ihrer Arbeitskraft den Lebens- und Leistungsstandard in unserem Land nicht nur halten, sondern auch erhöhen können.

Einen großen Hebel stellt genau da die Produktivitätserhöhung durch Roboter, Software-Systeme und künstliche Intelligenz dar. Darum sollten gerade wir Deutschen die Digitalisierung der Wirtschaft, der Industrie und unserer Gesellschaft als einen wichtigen Beitrag für unsere Zukunft sehen. Sie bietet somit eine sehr große Chance, unsere Zukunftsprobleme zu lösen.

Mensch und Maschine - gemeinsam sind wir besser.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.