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So möchte die russische Politik die Jugend für sich gewinnen

04/02/2016 10:22 CET | Aktualisiert 04/02/2017 11:12 CET
Pacific Press via Getty Images

Dieses Jahr war es an Weihnachten sehr kalt. Die Temperaturen am 7. Januar 2016, dem russischen Weihnachtsfeiertag, erreichten in Moskau -15 Grad Celsius. Es ist vor allem ein kirchlicher Feiertag. Das Fest, an dem es Geschenke und den Weihnachtsbaum gibt, ist hier der Neujahrstag.

Damit feiert Russland die Feste anders als die meisten Länder in Europa. Es stört auch nicht, dass die Bolschewisten in den späten 1920er Jahren nach der Revolution in Russland Weihnachten abschafften und das Feiern auf den Neujahrstag verlegten - es ist Tradition geworden und man hält an ihr fest.

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In gewissem Sinne ist das eine Möglichkeit zu zeigen, dass Russland anders ist als die anderen europäischen Länder und manch einem ist dies wichtig. Besonders in den letzten zwei Jahren bemüht sich die politische Elite in Russland, sich vom übrigen Europa abzusetzen und auf die eurasischen Wurzeln zu verweisen.

Verbunden wird dies mit der Stärkung des Patriotismus und des Stolzes auf das eigene Land. Und es sind gerade die jungen Menschen, auf die diese Bemühungen abzielen und die diese in großer Mehrheit auch dankbar aufgreifen.

Die 1990er Jahre als Zeit des Chaos und der Unsicherheit


Das lässt sich nur verstehen, wenn man sich die 1990er Jahre vor Augen führt, in denen die jungen Menschen aufwuchsen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind diese Jahre als Zeit von Chaos und Unsicherheit empfunden worden.

Das Lebensniveau der meisten Menschen in Russland schrumpfte auf ein beängstigendes Level, während sich einige wenige so bereichern konnten, dass sie es binnen kurzer Zeit zu Millionären gebracht haben. Bei ihren Eltern erlebten die Kinder und Jugendlichen Unsicherheit.

Von ihren Großeltern bekamen sie demgegenüber erzählt, wie stark und einflussreich die frühere Sowjetunion war - eine Weltmacht. Präsident Wladimir Putin strebte von Beginn seiner Amtszeit an danach, Russland zu dieser Stärke zurückzuführen.

Die Annexion der Krim zeigte schließlich jedem in Russland, dass Putin bereit ist, sich für nationale Interessen gegen den Westen zu stellen und somit dem Volk, das sich erniedrigt fühlte, seinen Stolz zurückzugeben.

Die Medien, vor allem das Fernsehen, von dem es inzwischen keinen einzigen überregionalen unabhängigen Sender mehr gibt, fördern in beispielsloser Weise diese Lesart. Seitdem stiegen die Umfragewerte für Putin steil an und vor allem die Jugendlichen sind es, die Putin bewundern.

Seit 10 Jahren interessiert sich die Politik für die Jugend


Sie erhalten dafür die notwendige Aufmerksamkeit des Staates. Während sich die Politik in den 1990er und auch noch in den beginnenden 2000er Jahren kaum um die Jugend scherte, richtet die Führungselite seit etwa zehn Jahren ihren besonderen Blick auf die Jugend.

Es werden Abenteuerferien geboten und Jugendgruppen unterstützt - zumindest diejenigen, die dem Kurs des Kreml klar folgen. Es werden auch schon mal durch den Staat selbst Jugendgruppen ins Leben gerufen, wie „Naschi" (die Unseren), die von 2005 bis 2012 für das Vaterland mobil machten.

Im Frühjahr 2015 stellte das Bildungsministerium ein neues Programm unter dem Titel „Patriotische Erziehung von Bürgern der Russischen Föderation in den Jahren 2016 bis 2020" vor.

Das sieht unter anderem vor, Beziehungen zwischen Bildungseinrichtungen und Militärstützpunkten zu stärken und die Informationskampagne zur „Popularisierung der Heimatliebe" auszubauen. Vor dem Hintergrund einer „komplizierten geopolitischen Situation" sollen die patriotischen Gefühle der Jugendlichen gestärkt werden.

Manche Jugendliche stören sich an dem Kurs


Es gibt auch Jugendliche, die diesem Kurs nicht folgen. Sie stören sich daran, dass sie nicht ihre eigenen Ansichten vertreten können und verächtlich behandelt werden, wenn sie sich die westlichen Werte als Vorbilder nehmen anstatt die traditionell russischen.

Viele Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen, haben sie nicht. Spätestens seit dem harschen Vorgehen der Staatsmacht gegenüber den Massendemonstrationen Anfang des Jahres 2012, bei denen sich vor allem junge Menschen gegen den Wahlbetrug bei den Duma-Wahlen (Parlamentswahlen) vom 4. Dezember 2011 wendeten, sind die oppositionellen Kräfte im Land marginalisiert.

Wie viel diese beiden Gruppen im Verhältnis zu allen Jugendlichen ausmachen, lässt sich schwer feststellen, denn Umfragen geben nicht immer ein reelles Bild wieder. Viele sagen, was man hören will. Aber es ist wahrscheinlich, dass die größte Gruppe die unpolitischen Jugendlichen sind. Viele von ihnen möchten in den Staatsdienst, da dies sichere Einkommen und Zusatzeinkommen verheißt.

Dann passt es nicht, allzu politisch zu sein. Sie richten sich darauf aus, Karriere zu machen und so gut es möglich ist, ihr Leben zu genießen - ein Streben, dass sie wohl mit vielen Jugendlichen auch in anderen Ländern teilen.

Die Frage ist: Wie viel Zukunftschancen bietet das eigene Land?


Aber letztlich stellt sich die Frage für jeden, wie viel Zukunftschancen einem das eigene Land bietet, wie sich die Ausbildungs- und Studienbedingungen darstellen, welche interessanten Jobs es gibt und welche Verdienstmöglichkeiten bestehen.

Seit Mitte 2013 befindet sich die russische Wirtschaft in schwierigem Fahrwasser, verstärkt durch die Sanktionen des Westens und die Gegensanktionen Russlands, vor allem aber durch den schwachen Ölpreis und damit einhergehend dem Einbruch des Rubels.

Ob die Bemühungen, Patriotismus zu fördern, auf Dauer erfolgreich sein werden, ohne dass sich auch die Zukunftsaussichten verbessern, wird für die Staatsmacht zu einer Nagelprobe werden.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.


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