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Deutsche und russische Jugend: Nah oder fern? (Teil 1)

09/03/2016 12:40 CET | Aktualisiert 10/03/2017 11:12 CET
UpperCut Images via Getty Images

Gerade mal gute zwei Stunden Flug liegen zwischen Berlin und Sankt-Petersburg - wie groß ist die Distanz zwischen der deutschen und russischen Jugend?

So wie man den Wald vor lauter Bäumen oft nicht sieht, bemerkt man die Charakteristika und Besonderheiten des eigenen Landes erst dann, wenn man das Land verlässt und einen Vergleichspunkt findet. Angekommen in einem anderen Land, beginnt man die eigene Gesellschaft und Kultur kritisch aufzunehmen.

Wie nehmen russische Jugendliche in Deutschland und deutsche Jugendliche in Russland Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahr? Wie politisch engagiert ist die Jugend in beiden Ländern?

In diesem und folgendem Artikel geben Jugendliche selbst einen frischen Blick auf die Gesellschaft ihres und des jeweils anderen Landes:

KAS-Moskau: Welche Unterschiede zwischen Jugendlichen in Deutschland und Russland sind Ihnen besonders aufgefallen?

Alexander Gorskiy, 24, aus Moskau, Russland

Alexander studierte in Russland (Moskau) und Deutschland (Tübingen) Jura und promoviert derzeit an der Universität Tübingen:

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„Die Moskauer Jugendlichen gehören zur ersten Generation der Bürger, die im demokratisch hoffnungsvollen Russland geboren sind und unterscheiden sich meiner Meinung nach wenig von ihren Altersgenossen in Deutschland:

Wir sehen amerikanische Filme und hören englischsprachige Musik, wir erwarten die nächste Staffel der populären Serien und verfolgen die Neuerscheinungen des Buchmarktes, wir haben Accounts in den sozialen Netzwerken und benutzen Messengers, wir können eine kleine Coladose zu uns nehmen oder zwischen den Vorlesungen in eine Fast-Food-Kette hineinsehen.

Wir leben in einer globalisierten Welt und bilden unabhängig davon, ob wir Lust darauf haben oder nicht, einen Teil von ihr, was uns gleichzeitig zu einer der treibenden gesellschaftlichen Kräfte macht."

Tobias Vollmer, 22, aus Bietigheim-Bissingen, Deutschland

Tobias studierte Internationale Beziehungen in Moskau und studiert jetzt Europa-Studien an der Technischen Universität Chemnitz:

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„Besonders auffällig ist das größere Interesse an der nationalen Kultur, Literatur und Kunst unter russischen Jugendlichen. Während deutsche Jugendliche selten Werke jenseits des Schulunterrichts lesen, verfügen Russinnen und Russen über eine breite Kenntnis der klassischen Literatur, die sie sich auch privat aneignen.

Und auch das Verhältnis zur Geschichte des eigenen Landes ist unterschiedlich. Deutsche Jugendliche gehen eher offensiv mit dem Nationalsozialismus um, russische setzen sich selten mit den Verbrechen des sowjetischen Totalitarismus auseinander.

Hierüber ist auch der stärker ausgeprägte Patriotismus in Russland zu erklären, der sich teilweise insofern negativ ausdrücken kann, als alternative Denkweisen weniger toleriert werden."

KAS-Moskau: Wie politisch engagiert sind die Jugendlichen in Deutschland und Russland?

Alexander: „Ich kann nicht behaupten, dass den jungen Russen die Politik fremd ist: Unter meinen Bekannten sind beispielsweise sowohl ein überzeugter Anhänger der kommunistischen Partei, der an „das Feuer der Weltrevolution" und „das helle sozialistische Morgen" glaubt, als auch Aktivisten der Oppositionsbewegungen, die an den Protestaktionen teilnehmen.

In den letzten drei Jahren ist jedoch die Zahl der politisch interessierten jungen Leute in Russland gewachsen, was einerseits gut ist. Andererseits hat das gewachsene Interesse keinen Systemcharakter. Auf die Bildung der politischen Meinung der Jugendlichen übt vor allem die (besonders in den Massenmedien) herrschende Ideologie des sogenannten „Hurra-Patriotismus" Einfluss aus.

Aufgrund meines Schwerpunktes Staatsrecht kann ich dem politischen Leben des Landes nicht fernbleiben. Persönlich hätte ich mich jedoch zu denjenigen Teil der Jugendlichen gezählt, der keine aktiven Handlungen vornimmt, sondern von einem theoretischen Standpunkt die aktuellen politischen Prozesse bewertet und ein Modell für die Verbesserung des politischen Klimas in Russland anbietet.

Meiner Ansicht nach ist der Prozentansatz der politisch engagierten Jugendlichen in Deutschland höher als in Russland. Aus persönlicher Erfahrung kann ich bemerken, dass die deutschen Jugendlichen mehr in die Tätigkeit der politischen Parteien involviert sind.

Dabei ist für deutsche Jugendgenerationen die gesellschaftliche und politische Initiative charakteristisch, sei es die Teilnahme an der studentischen Selbstverwaltung und den Hochschulgruppen oder die Mitgliedschaft in einem Verein, der zum Beispiel gegen die Korruption kämpft oder für die Entwicklung der freundlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland eintritt."

Tobias: „Das politische Engagement ist in Deutschland unter den Jugendlichen stärker ausgeprägt, da hierzulande seit Jahrzehnten eine Kultur aktiver Zivilgesellschaft gefördert wurde. Politische Studentenvereinigungen und die jeweiligen Jugendorganisationen der etablierten Parteien unterstützen die Entwicklung eines Verantwortungsbewusstseins der jüngeren Bevölkerung.

Russische Jugendliche sind nicht weniger politisch interessiert, allerdings bieten sich wenige Möglichkeiten, dieses Interesse in staatlich unabhängige Organisationen auszuüben. Seit 1991 fand weder eine staatliche Förderung noch ein Umdenken in der Gesellschaft statt, die persönlichen Anliegen oder Interessen durch aktives Engagement selbst zu vertreten.

Ob dies Ausdruck von Apathie, Vertrauen gegenüber den gewählten Vertretern oder doch ein Gefühl der Ohnmacht angesichts starker staatlicher Institutionen ist, mag ich nicht zu beurteilen.

Darüber hinaus konnte ich feststellen, dass junge Russinnen und Russen selten unterschiedliche, kontrovers berichtende Medien nutzen, um ihre Meinung zu bilden."

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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