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What fires together, wires together - Was macht Sprache mit unseren Gehirnen?

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TALKING PEOPLE
LWA/Dann Tardif via Getty Images
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Wir alle verwenden Sprache. Jeden Tag. Wir reden mit unseren Nachbarn, telefonieren im Büro und merken uns gedanklich, was wir einkaufen müssen, oder schreiben auf, was wir nicht vergessen dürfen. Sprache scheint selbstverständlich zu sein und wir denken nicht groß darüber nach, wenn wir sie verwenden.

Aber was passiert in unseren Köpfen und Gehirnen, wenn wir Sprache verwenden?

Aber was passiert eigentlich in unseren Köpfen und Gehirnen, wenn wir Sprache verwenden? Zum ersten Mal ist es Wissenschaftlern jetzt gelungen, zu beobachten und aufzuzeigen, welche Gehirnareale bei welchen Wortbedeutungen aktiv werden. Das Team um den Neurowissenschaftler Jack Gallant der University of California, Berkeley, hat somit eine bunte Landkarte der Wortbedeutungen für die graue Masse in unseren Köpfen entworfen können, die man sich auch auf YouTube anschauen kann.

Dazu hörten sieben Testpersonen zwei Stunden lang Geschichten, während die Wissenschaftler ihre Hirnaktivität untersuchten. Sie beobachteten, wie das Blut durch die Gehirne strömte und welche Areale besonders aktiv wurden. Ihre Analysen geben einen Einblick in die Komplexität des Sprachverstehens.

Wörter sind demnach nach ihren Bedeutungen in semantische Gruppen eingeordnet, die sich über das gesamte Gehirn verteilen. Bei mehrdeutigen Wörtern können dabei aber auch unterschiedliche Gehirnareale aktiv werden - je nachdem, welcher semantische Bedeutungsschwerpunkt gesetzt wird. Unser Gehirn erkennt also, dass ein und dasselbe Wort unterschiedliche Bedeutungen und Bedeutungsnuancen mit sich bringen kann.

Unser Denken simuliert körperliche Vorgänge

Außerdem konnten die Wissenschaftler beobachten, dass Sprachverarbeitung eng verbunden ist mit anderen Funktionen des Gehirns. Hören wir z.B. Wörter, die sich auf die optische Ebene beziehen wie gestreift, blau..., werden Regionen im Gehirn aktiv, die sonst auch visuelle Eindrücke verarbeiten.

Diese Beobachtung unterstützt die These, dass unser Gehirn beim Verarbeiten von Sprache die entsprechenden Eindrücke und Konzepte in unserem Denken abruft. Wir Menschen machen uns Worte und Sprache begreiflich, indem unser unbewusstes Denken körperliche Vorgänge simuliert, die mit den entsprechenden Worten in Verbindung gebracht werden. Die Kognitionswissenschaft nennt dies embodied cognition.

"What fires together, wires together"

Diese bunte Landkarte des Sprachverstehens in unseren Gehirnen verdeutlicht, welch immensen Einfluss Sprache auf unser Denken hat.

Es geht aber noch einen Schritt weiter: Der Neuro- und Kognitionswissenschaftler Donald Hebb hat bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts festgestellt, dass je öfter bestimmte Neuronen gleichzeitig aktiv werden, diese Verbindungen sich umso mehr stärken und festigen. Und diese synaptischen Verbindungen werden eben auch durch Sprache aufgerufen.

Anders ausgedrückt: Je öfter wir Wörter hören, sagen oder lesen, die bestimmte Ideen miteinander in Verbindung bringen, desto leichter können wir uns diese Verbindungen merken und desto mehr formen sie unser Denken.

Sprachliche VerknĂĽpfungen

Hören und sprechen wir also z.B. von einer Flüchtlingsflut, die auf unsere Sozialsysteme einströmt, verknüpft unser Denken fliehende Menschen mit einer unkontrollierbaren und potentiell gefährlichen Naturkatastrophe.

Sprache aktiviert so in unserem Denken gewisse Frames, also Deutungs- und Wissenrahmen, mit denen wir uns die Welt begreiflich machen und von denen aus wir die Welt um uns herum einordnen und verstehen.

Je öfter wir bestimmte Verbindung und Frames durch Sprache in unserem bewussten und unbewussten Denken aktivieren, desto mehr glauben wir sie - unabhängig davon, ob solch ein Sachverhalt wirklich gegeben ist oder nicht.

Je nachdem welche Verknüpfungen und Frames durch sprachliche Impulse aufgerufen werden, werden dabei auch gewisse Aspekte betont und andere vernachlässigt oder eventuell ganz unter den Tisch fallen gelassen.

Zum Beispiel bei Bezeichnungen wie sozial schwache Hartz-IV-Empfänger. Wenig Geld zu haben wird durch solch eine Formulierung zu einem Umstand, der den Betroffenen die soziale Kompetenz abspricht; sie sind sozial schwach statt lediglich materiell arm.

Mit einer Bezeichnung wie Hartz-IV-Empfänger werden die betreffenden Personen außerdem auf den Akt des Erhaltens und Nehmens reduziert. Die Tatsache, dass ihnen etwas fehlt - nämlich eine Arbeitsstelle (und die in unserer Gesellschaft damit einhergehende soziale Akzeptanz) -, wird sprachlich in solch einer Formulierung nicht aufgerufen.

Erkundung des Unbewussten

Solche Reflexionen über unser Sprachverstehen haben nichts mit vermeintlich übertriebener Political Correctness zu tun. Der springende Punkt ist ja gerade, dass viele unserer Denkprozesse zumeist in unserem unbewussten Denken ablaufen, wie der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman in zahlreichen Studien belegen konnte.

Unser Sprachverstehen und unser Denken sind also hochkomplexe Vorgänge. Die bunte Landkarte der grauen Masse in unseren Köpfen bringt jetzt ein kleines bisschen mehr Licht ins Dunkel unseres Denkens. Es werden aber noch viele weitere Studien und Untersuchungen nötig sein, um die Zusammenhänge in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen.

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