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Juden und Muslime initiieren Projekt gegen Extremismus

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Hannibal Hanschke / Reuters
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Vergangene Woche wurde in Düsseldorf das Projekt "Klar im Kopf" vorgestellt. Das Leuchtturmprojekt ist eine Initiative der Jugendberufsförderung Düsseldorf, des Kreises der Düsseldorfer Muslime (KDDM), der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, unterstützt von der Stadt Düsseldorf. "Klar im Kopf" hat sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche vor Extremen zu schützen, rechtsradikal wie radikal-salafistisch. Wir hatten die Gelegenheit mit dem Vorsitzenden des KDDM, Herrn Dr. Dalinc Dereköy zu sprechen.

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Lieber Dr. Dalinc Dereköy, stellen Sie sich doch mal vor.

Nun ich bin in Düsseldorf geboren, bin verheiratet und Vater einer bezaubernden Tochter. Daneben bin ich Rechtsanwalt für Bau - und Immobilienrecht und Vorsitzender des KDDM.

Was ist der KDDM?

Der Kreis der Düsseldorfer Muslime - KDDM - ist eine Arbeitsgemeinschaft auf Vorstandsebene für islamische Institutionen und Moscheen aus Düsseldorf. Mittlerweile gehören dem KDDM 33 Vereinigungen und Moscheegemeinden an und er repräsentiert derzeit rund 30.000 der ca. 50.000 Düsseldorfer Muslime. Da der KDDM auf ausdrücklichen Wunsch seiner Mitglieder kein Verein ist, fußt er auch nicht auf einer Vereinssatzung. Es handelt sich um eine Vereinigung sui generis.

Was sind Aufgaben und die Verantwortlichkeiten des KDDM?

Die Zielsetzung ist die kulturelle und wirtschaftliche Positionierung bzw. Stabilisierung der Muslime und muslimischen Vereine in Düsseldorf. Priorität hat hierbei die Idee der Etablierung einer lokalen Institution als Ansprechpartner von Parteien, Stadtverwaltung, lokalen Institutionen, Wirtschaft, kulturellen sowie religiösen Einrichtungen. Hiermit soll ein Sprachrohr für Muslime und muslimische Vereine gegründet werden, das sich explizit mit lokalen Angelegenheiten, aus Wirtschaft, Politik, Bildung, Schule, Kultur auseinandersetzt und Stellung bezieht.

Zu den Zielen gehört auch die Durchführung von Aktionen und Initiativen gegen Gewalt, Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz sowie Islamfeindlichkeit, Antisemitismus und für Zivilcourage. Der KDDM arbeitet ausschließlich auf lokaler Ebene in Düsseldorf. Mit dem KDDM beabsichtigen Düsseldorfer Muslime und muslimische Vereinigungen ihren Beitrag zum kulturellen Austausch auf lokaler Ebene zu leisten.

Neben dieser abstrakten Zielsetzung betreiben wir konkret als Mieter einen muslimischen Gebetsraum im Sicherheitsbereich des Düsseldorfer Flughafens, wir stellen einen JVA Imam für die Seelsorge der inhaftierten Muslime, organisieren den KDDM-Cup - ein lokales Fußballturnier der Moscheegemeinden für Jugendliche - und beabsichtigen langfristig eine Grabstätte für Muslime in Düsseldorf zu betreiben.

Macht der KDDM Unterschiede zwischen Nationalitäten und Kulturen?

Nein. Im KDDM sind türkische, marokkanische, persische, albanische, bosnische, tunesische und viele andere Moscheegemeinden organisiert genauso wie Sunniten und Schiiten. Damit ist der KDDM per se pluralistisch strukturiert.

Wir arbeiten in Düsseldorf mit allen Religionsgemeinschaften zusammen und stehen im engen Dialog z.B. mit der Jüdischen Gemeinde, der Evangelischen Stadtakademie, dem Katholischen Arbeitnehmerbund und vielen anderen.

Erzählen sie uns etwas zum Projekt Klar im Kopf.

Wir bzw. die Gesellschaft müssen auf die zunehmende Indoktrinierung und Radikalisierung von Jugendlichen - in welche Richtung auch immer - reagieren.

Dies stellt ein gesamt gesellschaftspolitisches Problem dar. Daher haben wir als KDDM in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein das Konzept "Klar im Kopf" der Jugendberufshilfe Düsseldorf flankiert und mitentwickelt, das Jugendliche gegen die Beeinflussung durch radikale Bewegungen (Pseudo-Salafismus, Rechtsradikalismus) stärken und sich gleichzeitig gegen Antisemitismus und Islamphobie wenden soll.

Die gefährdeten Jugendlichen sollen hierbei auch in den bestehenden Arbeitsmarkt integriert werden und damit berufliche Perspektiven für die individuelle Weiterentwicklung erhalten.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften im Zuge des steigenden Antisemitismus und Islamophobie?

Sehr sogar. Sehen Sie letzte Woche hat die Staatskanzlei in Thüringen einen Drohbrief erhalten indem die Wiedereröffnung der Konzentrationslager für Juden und Muslime gefordert wurde. Dies ist allarmierend und beunruhigend.

Alle Religionsgemeinschaften müssen zwingend zusammenarbeiten, um Antisemitismus und Islamophobie aber auch Hass und Terror abzuwenden bzw. entgegenzutreten. Da gibt es kein Wenn und Aber, nur gemeinsam schaffen wir das.

Muslimisches Leben in Deutschland 2040 - was sind ihre Wünsche und Ängste hierbei?

Muslimisches Leben in Deutschland ist und war stark türkisch geprägt. Durch den Zuzug der Flüchtlinge, die meiner Meinung nach bleiben werden, wird sich dies ändern. Womöglich wird es in Zukunft eine "neue" muslimische und deutsche Identität geben.

Durch diese Vielfalt wäre es mein Wunsch, dass wir, weniger als türkische oder marokkanische Muslime wahrgenommen werden, sondern als deutsche Muslime. Natürlich sollte man seine eigenen bzw. die Wurzeln der Eltern und Großeltern nicht vergessen.

Ängste habe ich nicht, nur die Sorge, dass wir aufgrund von gegenseitiger Verschlossenheit und Vorurteilen die Gemeinsamkeiten übersehen, es zu Spaltungen innerhalb der Gesellschaft kommt und wir alle diese historische Gelegenheit verpassen, ein auf Respekt und Toleranz basierendes Miteinander auf der Basis unseres Grundgesetztes zu realisieren.

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Zuletzt noch zwei Klassikerfragen: Kopftuchverbot ja oder nein? "Importimame" in Deutschland, ja oder nein?

Tatsächlich Klassiker! Hier gilt die Religionsfreiheit es ist jedem selber zu überlassen wie er oder sie sich kleiden möchte. Solange dabei keine durch das Grundgesetz gewährleisteten Rechte andere verletzt werden, haben wir religiöse Bekleidungen zu dulden und zu tolerieren. Ob uns das nun passt oder nicht. Dieses Verständnis gehört zu unseren Grundwerten.

Ideal wäre natürlich, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden und sowohl Deutsch als auch die jeweilige Muttersprache sprechen. Fakt ist aber, dass die Kapazitäten - trotz einiger guter Ansätze an hiesigen Universitäten - hierfür schlicht nicht existieren. Dies ist noch ein langwieriger Prozess. Daher sollte man sich bzgl. dieser Frage in Augenhöhe den Moscheegemeinden nähern und konsensual diese Herausforderungen gemeinsamen mit den Dachverbänden meistern.

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