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Gift für aufstrebende Unternehmen: Die größten Irrtümer über Startups in Deutschland

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BERLIN
Thinkstock
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Mit der Überschrift "Bei Berlins Startups ist die Party vorbei" schreibt die WirtschaftsWoche den längst überfälligen und erwarteten Bashing-Artikel eines großen traditionellen Wirtschaftsblatt zum Thema "Berliner Startup Hype".

Nur vorne weg, der Artikel enthält einige gut recherchierte und valide Punkte:

  • Berlin ist nach wenigen Jahren nicht wie das Silicon Valley nach 40 Jahren
  • Es gibt dramatischer weniger Venture Capital in Berlin nach wenigen Jahren als in Silicon Valley nach 40 Jahren
  • Berliner Startups können scheitern
  • VCs / Investoren können bei Berliner Startups ihr Geld verlieren
  • Hype / Ernüchterungszyklen passieren auch im Berliner Ökosystem
  • Startups mit erfolgreichem Geschäftsmodell setzen sich langfristig durch
  • Berlin tut sich mit dem Flughafen bauen äußerst schwer

Weitere Erkenntnisperlen waren sicher noch vorhanden. Soweit ok. Da gibt es absolut nichts zu meckern, ganz im Gegenteil - ich sehe das auch sehr ähnlich. Das Berliner Startup-Ökosystem kann man, denke ich, so zusammenfassen: guter Start, richtiger Anstellwinkel - aber noch ein langer Weg. Kein ernstzunehmender bzw. wesentlicher Teilnehmer der Berliner Startup Szene hat sich auch jemals zu einer anderen Aussage hinreissen lassen. Berlin wird nicht gradlinig auf einem reinen Erfolgspfad bleiben - es wird mal auf- und abgehen. Kritische Stimmen sind willkommen und wichtig. Soweit alles wie erwartet.

Was aber absolut nicht ok ist: der Artikel enthält eklatante Fehler, es fehlen wichtige Fakten, er ist einseitig und enthält eine ordentliche Portion Gehässigkeit. Hier wurde eine "Ernüchterungs-Story" (nice try) so gedreht, dass eine boulevardeske Negativstory daraus wurde.

Aber wieso den Artikel nicht einfach ignorieren? Wieso jetzt auf den x-ten standard-deutschen-negativ-Startupartikel reagieren? Weil es Deutschland sehr gut täte, wenn eine breite Unternehmerkultur entstünde. Weil dafür ein positives - aber realistisches Bild - vom Unternehmertum und Startups in der breiten Öffentlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Und weil ein Großteil der deutschen Wirtschaftspresse Startups kaum versteht, spielt sie dabei eine negative Rolle. Eine absurde Situation.

Dies wird vor allem in einem Punkt ganz deutlich: die deutsche Wirtschaftspresse versteht nicht, dass das Scheitern normal, ok und auch wichtig ist. Fail faster. Celebrate failure. Das ist die Mentalität im Silicon Valley. Die besten Unternehmer sind Serien-Scheiterer.

"The very first company I started failed with a great bang. The second one failed a little bit less, but still failed. The third one, you know, proper failed, but it was kind of okay. I recovered quickly. Number four almost didn't fail. It still didn't really feel great, but it did okay. Number five was PayPal." - Max Levchin (Gründer & ehem. CTO von PayPal)

Dieser "embrace Failure" Mindset hält in Berlin immer mehr Einzug, aber nicht in der deutschen Wirtschaftspresse. Das ist Gift für die breite Unternehmerkultur in Deutschland: trau Dich nicht, Du könntest scheitern - und das kosten wir dann aus.

In diesem Fall wird anhand von ein paar wenigen (teilweiser absurder und für das Ökosystem irrelevanter) Einzelfällen für das gesamte Ökosystem ein Szenario von "Party aus", "Ernüchterung", "Pleiten schrecken die Branche auf", etc. beschrieben. Dabei ist internationaler Konsensus, dass in Berlin die Party gerade erst losgeht. Auch "mehr Fokus" ist nicht zu verspüren, der war auch schon vorher da. Aber dazu später mehr.

Dadurch, dass die deutsche Wirtschaftspresse sich mit Startups so enorm schwertut, arbeitet die gesamte Szene mittlerweile viel lieber mit internationalen Fachblättern wie der Financial Times, New York Times, Bloomberg, Guardian, dem Wall Street Journal, usw. Mehr Reichweite, höhere Qualität. Dies sind keine Jubelblätter, aber sie verstehen sehr gut, wie Startups und ein Startup Ökosystem funktionieren - und sind zudem um eine objektive Berichterstattung bemüht.

Die deutsche Presse wird daher zunehmend wegen der qualitativ schlechten Berichterstattung vernachlässigt und muss sich mit Pleiten, Pech und Pannen-Artikeln positionieren. Welches Bild das dann in der breiten Öffentlichkeit hinterlässt, kann sich jeder denken. Deutschland, Unternehmerland - wird so schwierig. Ohne Not.

Nun aber konkret zu den problematischen Thesen des WiWo Artikels.

WiWo-Artikel zum Thema Scheitern generell:

"Startup-Stars, noch gar nicht so lang aus der Taufe gehoben, mussten an neue Eigentümer verkauft werden, um nicht zahlungsunfähig zu werden. Brutkästen wie Team Europe warfen Schützlinge raus, die die Erwartungen der Investoren nicht erfüllten."

"Selbst vor Pleiten ist die Berliner Internet-Community nicht mehr gefeit."

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Noch mal auf der Zunge zergehen lassen: "selbst vor Pleiten"....

Diese Aussage zeugt leider von kaum vorhandener Kenntnis, wie ein Startup-Ökosystem funktioniert.

Als Daumenregel sagt man bei VC-Beteiligungen (also Wagniskapital-Beteiligungen): 30 Prozent werden komplett abgeschrieben (also gehen komplett pleite), mit 30 bis 40 Prozent macht man kaum Gewinn bzw. eher leichte Verluste - und die restlichen 20 bis 30 Prozent machen die gesamte Rendite eines VC Fonds aus. Bedeutet: zirka 60 bis 70 Prozent der Startups "erfüllen die Erwartungen" nicht oder "scheitern" - und das ist ok. Viele Startups bekommen aber nie eine VC Finanzierung; d.h., dieses mit eingerechnet, haben fast 90 Prozent der Startups keinen Erfolg. Das ist absolut normal, weltweit.

Diese extrem geringen Erfolgswahrscheinlichkeiten sind leicht zu recherchieren und gehören zum absoluten Einmaleins des Basiswissens zu Startups. Das Scheitern wird als Big Deal dargestellt. Scheitern = Katerstimmung anstatt Scheitern = normal.

Weiterhin gilt im Startup Ökosystem "Lemons ripe early" - von einer Gruppe Startups die im Jahr X starten, kommen erst mal eine Menge Pleiten, kleine Verkäufe, etc. in den ersten Jahren. Die großen erfolgreichen Unternehmen brauchen in der Regel zwischen fünf und sieben Jahren und mehrere Finanzierungsrunden, bis ein großer Exit bzw. Erfolg da ist. Und - et voilà - genau das passiert auch in Berlin. Die genannten Amen, Gidsy, myPerfum, Wahwah etc. scheitern nach relativ kurzer Zeit. Aber Zalando, Soundcloud, 6Wunderkinder, Research Gate, Wooga, Sociomantic, GetYourGuide, etc. entwickeln sich immer besser auf dem Weg zum Weltmarktführer in ihren jeweiligen Bereichen.

Selbst die "Gescheiterten" sind aber dann die erfolgreichen Unternehmer von morgen; sie haben quasi den ersten Kurs an der Unternehmeruniversität absolviert und sind jetzt einen Schritt schlauer und besser. Genau solche Leute brauchen wir. Das gehört zu einem gesunden und wachsenden Startup Ökosystem.

Für den Leser wäre es sicherlich spannend gewesen an der Stelle zu analysieren, ob in Berlin mehr / weniger / kleiner / größer gescheitert wird als anderswo. Aber das bleibt ungeklärt.

WiWO-Artikel zu einzelnen Beispielen gescheitert Startups:

"Niebelschütz rauschte mit MyParfum in die Pleite."

"Gidsy, 2011 von dem Niederländer Edial Dekker gegründet, scheint in den Tiefen des Internets versunken zu sein."

"Nicht viel besser erging es Amen."

"Der neue Eigentümer Senzari stellte den vermeintlichen Hoffnungsträger WahWah.fm im vergangenen Jahr ein."

"Erste größere Pleiten schrecken die Branche auf."

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Welche größeren Pleiten denn? Wer wurde / ist erschreckt?

Als Daumenregel gilt: Mit weniger als 5 Millionen Euro finanziert zu sein und dann 'pleite' zu gehen ist noch im grünen Bereich. Richtig weh tut es, wenn ein Startup signifikant zweistellige Millionenbeträge eingesammelt hat und dann scheitert. Amen, Gidsy Wahwah, etc. waren nur mit wenigen Millionen finanziert und haben es am Ende nicht geschafft. Das ist überhaupt kein Problem und absolut normal. Amen und Gidsy gelang sogar ein "acqui-hire", also ein kleiner Exit, weil alleine das Team von großem Marktwert war. Dies ist auch im Valley gang und gäbe.

Die Tatsache, dass so viel Geld wie noch nie aus USA und UK - aber auch aus Deutschland - nach Berlin fliesst, ist ein guter Beleg dafür, dass es kein so großer Schreck gewesen sein kann.

Aber noch mal: welche größeren Pleiten gab es denn, bei denen z.B. namhafte Investoren viel Geld verloren hätten? Wer ist aufgeschreckt und verändert sein Verhalten?

Hier wird leider kein Beispiel genannt. Nicht, dass es keine größeren Pleiten geben wird (gehört auch dazu), aber im Moment sind sie noch verdammt schwierig zu finden. Auch aufgeschreckte (professionelle) Investoren sucht man vergebens.

WiWO-Artikel zum Thema Geschäftsmodell:

"Grund für die Kurskorrektur sind die teilweise fragwürdigen Geschäftsmodelle der jungen Entrepreneure."

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Wie hätte der Artikel wohl die Unternehmer von Facebook, twitter, Instagram, Snapchat, tumblr, etc. in den sehr frühen Tagen beurteilt? Ziemlich wahrscheinlich als "Jungunternehmer mit fragwürdigem Geschäftsmodell" der "die x-te App" baut. Wie hätte wohl die WiWo Odeo vor dem Pivot (Startup-Englisch für Wechsel im Produkt und / oder Geschäftsmodell) zu twitter beurteilt, Burbn vor dem Pivot zu Instagram?

Die erfolgreichsten Startups sind leider nicht immer am Anfang als solche zu erkennen, stehen oft vor der Pleite und finden oft erst durch zig Iterationen am Produkt und Geschäftsmodell zum Erfolg. Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Auch dies scheint noch nicht beim Großteil der deutschen Wirtschaftspresse angekommen zu sein.

Auch z.B. Soundcloud wurde in der frühen Phase extrem belächelt und ist nun über 500 Millionen Euro wert. Zwar hat Berlin noch kein Startup in dem Format Facebook, twitter, tumblr - aber wieso soll ein Startup in den frühen Jahren nicht ähnlich aussehen und ein unklares Geschäftsmodelle haben? Beziehungsweise ein Geschäftsmodell, das erst mit Millionen von Nutzern funktioniert. Oder dann auch nicht....

Es gibt Startups mit Geschäftsmodellen, die von Anfang an klar sind, und solche, bei denen sich dies erst mit der Zeit und /oder sehr vielen Nutzern entwickeln muss. Das ist üblich, wird aber in dem Artikel mit keinem Wort erwähnt.

WiWo-Artikel zum Thema VC Finanzierungen:

"Die kritischere Sicht der Risikokapitalgeber hinterlässt inzwischen deutliche Spuren in Deutschlands Internet-Dorado."

"Diese Investoren pflegen einen eigenen Lebensstil mit Eliteschulen für ihre Kinder und Luxusimmobilien." (Zitat von Andreas Thümmler; welches aber nicht weiter kommentiert wird)

„Der Großteil der namhaften Risikokapitalunternehmen sitzt in den USA und London - um Berlin machen die aber weiterhin einen großen Bogen." (Zitat von Andreas Thümmler, welches aber nicht weiter kommentiert wird)

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Stimmt nicht. Tatsache ist: es fließt so viel Geld wie noch nie von namhaften US- und UK-Fonds nach Berlin. Das gleiche gilt mit anderen europäischen und auch deutschen Fonds. Allein in den letzten 12 Monaten investierten u.a. Sequoia, Union Square, Insight, IVP, Benchmark, Thrive, Tenaya, Bill Gates, etc. eine signifikante dreistellige Millionensumme in Berliner Startups. Also das A-Team der globalen VC-Szene ist in Berlin immer aktiver. Es wird also kein weiter Bogen gemacht, sondern es fließt immer mehr und immer häufiger Geld aus Großbritannien und den USA nach Berlin.

Zwar ist immer noch viel zu wenig VC-Geld verfügbar, aber das Volumen nimmt von Jahr zu Jahr rapide zu.

Die Aussage, dass Investoren deswegen aus Berlin fernbleiben, weil sie dort ihren Luxus-Lebensstil nicht ausleben können, ist sicherlich die deutlichste "soll ich weinen oder lachen"-Stelle in dem Artikel. Hier wäre ein bisschen Fact-checking ganz gut gewesen. Wichtige US- und UK-Investoren sehen das anders: man kann im Moment noch sehr gut von San Francisco, New York und London heraus in Berlin gute Investments machen. Und in Helsinki. Und in Stockholm. Und... Mit zunehmender Größe des Ökosystems und steigendem Wettbewerbsdruck unter den VCs ziehen dann möglicherweise mit der Zeit sicher auch mehr Teams vor Ort. Aber da sind wir noch nicht.

Klaus Hommels kritisiert zu recht das komplexe deutsche Steuersystem und die Tatsache, dass einige Berliner Startups mittlerweile US Inc oder UK Ltd sind. Dies kann eine Finanzierung einfacher machen. Doch sowohl Sequoia (USA) und Atomico (UK) haben bei 6Wunderkinder und Union Square (USA) bei THE Football App direkt in eine deutsche GmbH investiert. Hier wäre es interessant zu erfahren, welche steuerlichen / rechtlichen Problematiken genau herrschen - wieso mal direkt investiert wird und manchmal nicht.

Bekanntes deutsches Wirtschaftsblatt = Qualitätsjournalismus?

Um ein paar Missverständnisse aufzuklären:

  • Team Europe wird als "Company Builder" detailliert durch die Mangel genommen, aber die enormen Erfolge von anderen Company Buildern wie Project A (Einstieg Axel Springer z.B.) und Rocket Internet finden so gut wie keine Erwähnung
  • Selbst Team Europe hat mit Brands4Friends, Delivery Hero, Mr.Spex und einigen anderen sehr große Erfolge erzielt - wieso wird dies nicht ins Verhältnis mit den eher unbedeutenden Misserfolgen gesetzt?
  • Es wird im Wesentlichen über sehr kleine Pleiten mit keinerlei Relevanz / Auswirkung für das Ökosystem seitenlang geschrieben. Dass mit Unternehmen wie z.B. Sociomantic, Get Your Guide, The Football App, Hitfox, Auctionata, Delivery Hero und vielen anderen das gesamte Ökosystem in der gleichen Zeit enorm zugelegt hat (d.h. viele neue erfolgreiche Startups sich zu den üblichen Verdächtigen hinzugesellen) und die wenigen eher irrelevanten Ausfälle massiv überkompensiert hat, wird nicht erwähnt
  • Es werden lediglich Klaus Hommels und Kolja Hebenstreit als relevante Teilnehmer im Berliner Ökosystem befragt. Kein CEO einer der größeren Startups, kein VC aus USA oder UK, etc.

Seltsam ist auch eine Tabelle von "Kandidaten" - wofür ist nicht ganz klar. Anzunehmen ist, dass es sich zumindest um eine Liste von Startups handeln soll. Möglicherweise Kandidaten für den großen Exit? Allerdings wurden einige (immerhin ein Drittel) der aufgeführten Unternehmen teilweise schon vor mehreren Jahren von Großkonzernen übernommen (KaufDa, Plista, Idealo, Runtastic und Mehrheitlich auch Trivago - in der Tabelle von mir mit "Exit" markiert) also keine Startups mehr sind.

Screenshot aus dem Artikel (Die roten "Exit" Markierungen sind von mir hinzugefügt worden):

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I rest my case. Evtl. ein Fall von...

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Man wird mir sicher als ein in Berlin lebender Kapitalgeber unterstellen, dass der Artikel bei mir einen Verteidigungsreflex ausgelöst hat. Aber wer meinen Blog oder andere Beiträge von mir liest ("Will the real Berlin please stand up") - wird feststellen, dass ich nicht gerade zur plumpen Jubeltruppe gehöre.

Ich begrüße jede Berichterstattung, auch die kritische. Solange sie gut recherchiert ist und um eine objektive Berichterstattung bemüht ist. Aber bitte keine "cheap shots" und boulevardesken Sensationsstories.

Es ist einfach sub-ideal, wenn ein führendes deutsches Wirtschaftsblatt - das einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung von Unternehmern in Deutschland hat - aus meiner Sicht einseitig und wenig fundiert über deutsche Startups berichtet. In einem Land, in dem alle Dax30-Unternehmen weniger Wert sind als eine Handvoll relativ junger amerikanischer Technologieunternehmen (ehemalige sog. "Startups").

Diese Art der Berichterstattung schürt unnötig Misstrauen in die aufstrebende Startupszene. Ein Teufelskreis und Gift für die dringend benötigte Unternehmerkultur im Land.

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