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Lasst es uns typisch deutsch machen: regulieren, kontrollieren, besteuern!

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CANNABIS
Jeff Vinnick via Getty Images
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Es gibt politische Debatten, die immer wieder geradezu zwangsläufig in einen kleinen Kulturkampf münden und bei denen eine sachliche Auseinandersetzung nur schwer möglich ist: Die Debatte um den richtigen Umgang mit Cannabis gehört für mich dazu.

Jeder Befürworter kennt mindestens eine Studie, die seine Ansicht stützt und jeder Gegner kann ebenfalls mit mindestens einer "Experten"-Meinung aufwarten, die die realen oder vermeintlichen gesundheitlichen, gesellschaftlichen, sozialen oder auch ökonomischen Schäden so groß erscheinen lässt, dass eine Legalisierung nicht verantwortbar wäre.

Schnell sind die altbekannten Argumente ausgetauscht und das politische Ritual geht schon sehr bald in die nächste Runde. Früher oder später wird aber jeder Konflikt durch eine "diplomatische" Lösung zumindest vorübergehend beendet.

Wie könnte eine solche "diplomatische" Regelung beim Thema Cannabis aussehen? Ich versuche es dieses Mal mit einem neuen Ansatz, der den konservativen und auch sozialdemokratischen Kräften in unserem Land eine Legalisierung vielleicht ein wenig wie eine Forderung aus dem eigenen Programm erscheinen lässt.

Regulieren, kontrollieren und besteuern

Lasst es uns doch einfach typisch deutsch machen: regulieren, kontrollieren und besteuern! Wie auch beim Glücksspiel, bin ich gegen sinnlose Verbote und fürs Legalisieren und Kontrollieren. Denkbar (und am wahrscheinlichsten) wäre in Deutschland eine Regelung, die die Legalisierung von Cannabis unter strengen Auflagen (Regulierung), behördlicher Aufsicht (Kontrolle) und einer kräftigen Besteuerung vorsieht.

Damit würde man sowohl den Befürwortern, als auch den bisherigen Gegnern einer Legalisierung gleichermaßen entgegenkommen: Die Befürworter bekommen ihre Legalisierung, die Gegner bekommen eine Kompensation für die vermeintlichen und realen Schäden des Kiffens.

Meine Prognose ist, dass wir in Deutschland innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Legalisierung von Cannabis bekommen werden, die über eine bloße "Straffreiheit" für den Eigenbedarf hinausgeht - allerdings werden wir uns dabei auch mit vielen "Kinderkrankheiten" und Absurditäten abfinden müssen, da der Kulturkampf auch mit einer Legalisierung nicht beendet sein, sondern stattdessen in einen Regulierungs- und Überwachungs-Wettbewerb überführt wird.

Und es sind ja in der Tat viele Fragen zu klären. Als Beispiele: Soll Cannabis (als Genussmittel!) nur in Apotheken ausgegeben werden dürfen? (Ich halte das für den falschen Ort.)

Soll die Allgemeinheit vor den Kosten "Cannabis-induzierter"-Gesundheitsschäden in der gesetzlichen Krankenversicherung geschützt werden - anders als bei Schäden, die zum Beispiel durch übertriebenen Alkohol-, Zucker- und Fettkonsum oder auch Risiko-Sport verursacht werden?

(Ich sage dazu nein.) Mit solchen Fragestellungen muss und wird man sich sowohl als Befürworter, als auch als Gegner einer Legalisierung gezwungenermaßen auseinandersetzen müssen.

Gesundheitssystem profitiert

Das Wesentliche sollte man dabei aber nicht aus dem Blickfeld verlieren: Bei der Frage der Legalisierung geht es um erwachsene Menschen und somit um mündige Bürger. "Erwachsen" ist man in Deutschland, wenn man mit 18 Jahren die Volljährigkeit erlangt.

Als volljährige Person darf ich in Deutschland ohne Erlaubnis Verträge abschließen, heiraten, mich an "jugendgefährdenden" Orten (Nachtclubs beispielsweise) aufhalten und hochprozentigen Alkohol sowie Tabakwaren kaufen, besitzen und konsumieren.

Ich darf also weitgehend frei über meinen Körper und mein Eigentum verfügen - auch wenn es mir unter Umständen schadet.

Was würde nun also in Deutschland passieren, wenn man die schwarzen und roten Freunde des Regulierens, Kontrollierens und Besteuerns von einer Cannabis-Legalisierung überzeugen würde? Ich gehe davon aus, dass man es im Alltag kaum merken würde.

Die Vorteile wären aber kolossal: Millionen Bürger würden nicht nur entkriminalisiert, sie würden auch "TÜV-geprüftes", gesünderes Zeug rauchen. Das Gesundheitssystem würde, wie der Staatshaushalt, massiv profitieren.

Die zusätzlichen Einnahmen sollten in die Drogenprävention fließen, damit aufgeklärte, mündige Bürger in Zukunft selbst entscheiden können, ob sie Alkohol trinken, Tabak rauchen oder kiffen wollen oder halt nicht.

Die Polizei und die Justiz könnten sich um wichtige Dinge kümmern und zum Beispiel Einbrecher jagen und die organisierte Kriminalität bekäme tatsächlich endlich einmal einen harten Schlag verpasst, weil ein großes Geschäftsfeld für sie mit einem Schlag wegbrechen würde. Von den vielen neuen Arbeitsplätzen fange ich jetzt erst an.

Negative Auswirkungen kann ich dagegen kaum erkennen. Würde es deutlich mehr Kiffer geben? Ich glaube es nicht. Man bekommt das Zeug ja heute eh schon an jeder Ecke. Durch die Legalisierung würden es sicherlich mehr Menschen ausprobieren.

Das wird aber womöglich dadurch ausgeglichen, dass es den Reiz des Verbotenen verlieren würde, was man in den Niederlanden beobachten kann. Also, liebe Kulturkämpfer aus den Volksparteien: Schaut Euch die großen Vorteile einmal ohne die speckigen Scheuklappen an und denkt dabei vor allem ans regulieren, kontrollieren und besteuern.

Das klingt doch eigentlich ganz nach euren Programmen. Gebt euch einen Ruck! Einen Versuch wäre es doch zumindest wert.

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