BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. phil. Christoph Quarch Headshot

Der Gipfel der Ironie

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KARYATIDES
starush via Getty Images
Drucken

Der Gipfel der Ironie
Was uns die documenta 14 von Athen tatsÀchlich lernen lÀsst

Es ist der große Stolz der documenta, dass sie sich nicht damit bescheidet, Kunst zu zeigen oder auszustellen. Sie will selbst ein Kunstwerk sein, denn sie selbst hat sich der Logik der modernen Kunst verschrieben. Von daher lĂ€sst sich leicht erklĂ€ren, dass sie von jenem Geist durchdrungen ist, der die avantgardistische Kunst der Gegenwart von jeher bewegt und sich in immer neuen Varianten mitteilt: vom Geist der Ironie.

Dass Kunst, die ihres Namens wĂŒrdig ist, ironisch sei, hatte - so weit man sehen kann - als erster Friedrich Schlegel deklamiert. Mag es auch erstaunlich klingen: Kein anderer als er, der GrĂŒndervater der Romantik ist der eigentliche Initiator einer geistigen Dynamik, in deren Folge zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Avantgardismus zur alles beherrschenden Formation der Kunst geriet.

Denn all die KĂŒnstler, die sich als Avantgarde verstanden, setzten getreulich um, was Schlegel in seinen AthenĂ€ums-Fragmenten als das Programm der Ironie beschrieben hatte: den steten Wechsel aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung, das stete Negieren der eigenen Form, die fortwĂ€hrende Dekonstruktion des eigenen Werks.

Einspruch gegen die Entzauberung

Die Ironie, die Schlegel programmatisch aller progressiven Kunst in Herz und Hirn implementieren wollte und - on the long run - tatsĂ€chlich imple-mentierte, war ihm der Königsweg zur UnverstĂ€ndlichkeit. Denn unverstĂ€ndlich sollte alle Kunst sein, um die glatte OberflĂ€che zu zertrĂŒmmern, die Wissenschaft und RationalitĂ€t der Welt und allen Dingen aufgezwungen hatte.

Als Widerspruch zu dem, was Georg Foster die „Tyrannei der Vernunft" nannte, als Einwand gegen die rationale Entzauberung der Welt, ernannte Schlegel die Kunst zu jenem großen Spiel der UnverstĂ€ndlichkeit, bei dem sie sich mit jedem ihrer Werke selbst zurĂŒcknimmt und verneint.

Als großes Fest der UnverstĂ€ndlichkeit und Ironie zelebriert sich auch die documenta 14. Nichts verrĂ€t diesen Vorsatz so deutlich wie ihr Motto „Lernen von Athen". Man kann die Formulierung nur begreifen, wenn man sie als Geniestreich entfesselter Ironie deutet; ganz so, wie ihr kĂŒnstlerischer Leiter Adam Szymczyk (freilich gĂ€nzlich unironisch) zu verstehen gibt, wenn er bemerkt, „Lernen von Athen" mĂŒsse zunĂ€chst „Entlernen" heißen, „um sich der Welt unvoreingenommen nĂ€hern zu können".

Dekonstruktion des Lernens

Die Ironie, die hier zu Wort kommt, ist ein doppelte, wenn nicht dreifache: In Wahrheit geht es nicht um Lernen, sondern um das gerade Gegenteil. Es geht um Destruktion, Dekonstruktion des Lernens. Und das nun ausgerechnet „von Athen". Athen, das ist fĂŒr jeden, der ein bisschen Bildung hat, die Chiffre fĂŒr den Gegenstand des Lernens par excellence: der Dreh- und Angelpunkt dessen, was man einst humanistische Bildung nannte.

Athen, das sind Kleisthenes und Solon, die GrĂŒndervĂ€ter der Demokratie; das sind Sokrates und Platon, die GrĂŒndervĂ€ter der Philosophie; das sind Aischylos, Euripides und Sophokles, die Meister der Tragödie. Die Liste ist erweiterbar. Athen steht fĂŒr den Ursprung der abendlĂ€ndischen Kultur.

Das alles aber will die documenta uns entlernen machen, damit wir uns der Welt unvoreingenommen zuwenden können. Einen ironischeren Titel als „Lernen von Athen" hĂ€tte man dafĂŒr nicht finden können. Es ist die perfekte Formel fĂŒr einen ironischen Abgesang auf die westliche Kultur, die hier auf dem Altar der Unvoreingenommenheit geopfert wird.

Damit jedoch erklimmt die Ironie der documenta ihren höchsten Gipfel: Sie selbst erschafft sich einen neuen Fetisch, dem sie huldigt. So sehr ist sie voreingenommen von der Unvoreingenommenheit, dass ihre Ironie sich unversehens in ihr Gegenteil verkehrt und zum Zynismus wird.

Ein falsches Spiel

Die Ironie, die Schlegel feierte, sollte ein Spiel sein. Ein Spiel, das - wie er sagte - eine „ferne Nachbildung von dem unendlichen Spiele der Welt" sein sollte, „dem ewig sich selbst bildenden Kunstwerk". Das Spiel der Kunst, so die Pointe, stand dabei ganz im Dienste der Lebendigkeit.

Es sollte alle, die sich als KĂŒnstler und Zuschauer daran beteiligten, in einen höheren und tieferen, in einen intensiveren Zustand des Lebens versetzen, das FĂŒhlen und Empfinden freisetzen und so die Rebellion gegen die Tyrannei der Vernunft anzetteln. Die Ironie der documenta scheint jedoch die RĂŒckbindung an die Lebendigkeit der Menschen aufzugeben.

Sie steht im Dienst von nichts und niemanden - und eben darin ist zu jener zynischen Form der Ironie, von der Giambattista Vico sagte, dass sie „kraft einer Reflexion, die die Maske der Wahrheit annimmt, aus dem Falschen gebildet ist."

Dass es auch anders geht und Ironie sich nicht zum zynisch-falschen Maskenspiel verfremden muss, hĂ€tten die Macher der documenta leichthin sehen können. Es brĂ€uchte dafĂŒr nur den Mut, dem Fetisch der Unvoreinge-nommenheit abzuschwören und von Athen zu lernen. Denn in Athen wurde die Ironie erfunden.

Es war einer der Großen jener Stadt, der sie mit VirtuositĂ€t betrieb; der sie als Instrument der Wahrheit und Lebendigkeit erkannte. Von Sokrates ist hier die Rede - von jenem Sokrates, der sprichwörtlich ironisch war und dabei das erreichte, was die documenta-Macher zwar entfesseln wollen, aber letztlich nicht entfesseln können, weil ihr Zynismus sie gefangen hĂ€lt: authentische Lebendigkeit.

Philosophieren mit dem Hammer

Gewiss, auch Sokrates liebte das Maskenspiel. „Ironie und Verstellung ĂŒbt er sein ganzes Leben hindurch gegen alle Menschen und treibt mit ihnen sein Spiel", lĂ€sst Platon einen Dialogpartner ĂŒber ihn sagen. Mit Grund, denn Sokrates liebte es, den Unwissenden zu geben, um umso wirkungsvoller die liebgewonnenen Denkgewohnheiten und Voreingenommenheiten seiner Zeitgenossen zu zertrĂŒmmern.

Er war durchaus, was Nietzsche gerne fĂŒr sich reklamierte: ein Philosoph mit dem Hammer. Doch der Hammer, den er schwang, diente dazu, Erstarrtes aufzubrechen, Totes zu beleben. Der Hammer seiner Dialogkunst glich dem Stab des Moses, der aus dem toten Felsen das Wasser des Lebens sprudeln ließ.

Das ironische Maskenspiel des Sokrates stand stets im Dienst des unverstellten Lebens. Die Maske, die er dabei trug, war jedoch keine Maske, sondern - ironischer Weise - sein gÀnzlich unmaskierter Leib, - der seinen Zeitgenossen allerdings eine Maske zu sein schien, erinnerte er doch an die aus dem Maskenspiel der alten Welt bekannten Satyrn und Silene.

In seinem Gastmahl lĂ€sst Platon (auch ein Athener) den Alkibiades (einen Athener) den Sokrates wie folgt beschreiben: „Ich behaupte nĂ€mlich, dass er ganz Ă€hnlich jenen Silenen sei, welche man in den WerkstĂ€tten der Bildhauer findet, wenn man sie aber nach beiden Seiten hin auseinandernimmt, dann zeigt es sich, dass sie Götterbilder einschließen." Womit gesagt ist, dass das Maskenspiel des Sokrates in Wahrheit gar nichts anderes ist, als Dienst der Götter: und zwar jener griechischen Götter, die nichts anderes sind als zu höchster IntensitĂ€t verdichtete Lebendigkeit.

Der Gott der Maske

Dabei ist klar, in wessen Dienst die Ironie des Sokrates gestellt ist: Sie steht im Dienst des Gottes der Maske, des Gottes, dem ein jeder Silen zugehörte: Dionysos, der Gott des Rausches, der in Trunkenheit und Wahnsinn seine Wahrheit offenbart. Wozu vorzĂŒglich passt, dass Alkibiades sein wahres, demaskierendes Bild des Sokrates im Vollrausch vortrĂ€gt:

Das echte, ungetrĂŒbte Leben - so die Wahrheit des Dionysos - bedarf zuweilen der rauschhaften ZertrĂŒmmerung der falschen Ordnung: der Ordnungen, die zwar dem Leben StabilitĂ€t, Sicherheit, Behaglichkeit und Wohlstand geben, dafĂŒr jedoch den Preis echter, leibhaftiger Lebendigkeit fordern.

Leben zu entfesseln, ist das Werk der wahren Ironie, die niemals zynisch ist. Die echte Ironie ist spielerisch, nicht ernst oder moralisch. Sie will nichts anderes als nur das Leben: und zwar das Leben so, wie es nun einmal ist: in sich gebrochen, widersprĂŒchlich, tragisch. Womit wir endlich da sind, wo es fĂŒr die Menschen der Moderne am meisten von Athen zu lernen gĂ€be: bei der attischen Tragödie.

Sie ist das großartigste VermĂ€chtnis des alten Athen; und das, was der Welt von heute am meisten fehlt. Denn die Tragödie war gĂ€nzlich unironisch - und zeigte doch das echte, unverstellte Leben ohne irgendetwas zu verklĂ€ren oder zu beschönigen.
Tragödie statt Ironie

Die Tragödie fĂŒhrte den Athenern die VergĂ€nglichkeit vor Augen. Sie ĂŒber-fĂŒhrte alle Selbstsicherheit und Hybris der LĂŒge. Sie durchkreuzte den Zynismus. Denn ihre Botschaft war erschĂŒtternd: Leben heißt Sterben. Leben ist paradox, widersprĂŒchlich. Leben ist aus Leid und GlĂŒck gemischt. Und gerade darin ist es heilig. Und eben diese Heiligkeit verbĂŒrgt der Dionysos.

Die Tragödie der Athener reichte tiefer als jede Ironie. Denn ihr Spiel genĂŒgte jenem Anspruch, den Schlegel an die Kunst erhob: eine „ferne Nachbildung von dem unendlichen Spiele der Welt" zu sein. Das Spiel der Kunst muss tragisch sein, weil die Welt lebendig, und die Lebendigkeit selbst tragisch ist.

Das aber weigert sich der Mensch der Gegenwart zu akzeptieren. So flĂŒchtet er sich in Zynismus - eine Ironie, die den Dienst an der Lebendigkeit quittiert hat, weil sie keine Götter mehr zu offenbaren wagt. Und eben das ist die Tragödie der Kunst der Gegenwart.

Man kann von ihr nichts Besseres bekunden. Es ist kein Zufall, dass die documenta als wichtigste Kunstschau in diesem Jahr am Orte der Tragödie begonnen hat: in Athen, von dem sich immerhin doch dieses lernen lÀsst: Die Feier der Ironie gerÀt der Gegenwartskunst selbst zur Tragödie - und eben darin liegt das eigentliche, wenn auch unbeabsichtigte Verdienst der documenta 14. Dionysos ist wieder da.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂŒr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.