Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Christoph Marx  Headshot

Politischer Journalismus im Nachkriegsberlin: Erik Reger und Rudolf Herrnstadt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
2016-10-17-1476709704-3213289-covervorschlagPolitischePresseMarx.jpg
Kalter Krieg der journalistischen Köpfe im interalliierten Machtkampf im Berlin der Nachkriegszeit. Eine Leseprobe aus dem neuen Buch "Politische Presse im Nachkriegsberlin 1945-1953".

Der Kalte Krieg im Nachkriegsberlin war eine Hochzeit des politischen Journalismus. Unter alliierter Kontrolle entstanden zahlreiche Zeitun­gen und Zeitschriften, die Aufbruch, Orientierung und Demokratie versprachen. Im „Zeitungsparadies Berlin" kämpften Journalisten mit allen Regeln der Kunst um die Gesinnung der Bevölkerung. Ob Zwangsvereinigung, Berlin-Blockade oder 17. Juni 1953: Immer wieder avancierten die Presseorgane zu publizistischen Waffen im interalliierten Kampf um die Machtverteilung in Berlin.


Um was geht: Vergleichende Studie über publizistischen Kalten Krieg in Berlin

In der vorliegenden Untersuchung beschreibt und analysiert der Historiker und Publizist Christoph Marx anschaulich die besondere Nachkriegsentwicklung der Berliner Presselandschaft an­hand der wichtigsten Zeitungen und Medienmacher. Redaktionelle Be­sonderheiten werden genauso wie alliierte Pressestrategien herausge­arbeitet. Im Zentrum stehen der amerikanisch lizenzierte „Tagesspiegel" und die sowjetisch lizenzierte „Berliner Zeitung". Anhand tagespoliti­scher Auseinandersetzungen stellt Marx exemplarisch dar, mit welchen Mitteln die Zeitungen für ihre Ziele kämpften. Dabei nimmt er auch die bedeutendsten Journalisten auf beiden Seiten in einer politischen Doppelbiografie in den gemeinsamen Blick: Erik Reger, Kopf des „Tages­spiegel", und Rudolf Herrnstadt, Herr eines kommunistischen Presse­konzerns in Ost-Berlin. Es wird deutlich, dass beide als intellektuelle Ide­alisten trotz ihrer ideologischen Feindschaft einander durchaus glichen. Eine jeweils bemerkenswerte Symbiose von Geist und Macht - die nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 aus ganz unterschiedlichen Gründen ein abruptes Ende fand.

Eine vielschichtige Studie, die durch die innovative Verzahnung von struktureller und biografischer Analyse für Historiker, Publizisten und Politologen gleichermaßen interessant ist, und nicht zuletzt ein span­nender Rückblick auf eine Zeit, als politischer Journalismus pädagogi­sche Ansprüche und Weltpolitik begleitete, wenn nicht sogar mit­schrieb.

Rezension

Das Blog Historisches Sachbuch hat das Buch besprochen

Leseproben

- Im Tagesspiegel wurde am 14. Oktober unter dem Titel "Erik Reger und die USA: Stellen Sie sich das bitte in Deutschland vor" eine Leseprobe veröffentlicht.

- weitere Leseprobe aus der Schlussbetrachtung (S.207/208):

"Die erste Hochphase des Kalten Kriegs nach 1946 endete 1953, als nach Stalins Tod in der Sowjetunion ein erstes „Tauwetter" einsetzte, der Korea‐Krieg endete und die McCarthy‐Hysterie in den USA allmählich am Abklingen war. In der Vier‐Mächte‐Stadt Berlin trug diese politisch‐ideologische Auseinandersetzung, die wesentlich von der Beseitigung des jeweils Anderen ausging, besonders dramatische Züge.

Das Ringen um die Macht in der ehemaligen Reichshauptstadt, das 1948/9 und 1953 eskalierte, bestimmte auch die Agenda von Erik Reger und Rudolf Herrnstadt, den Berliner Hauptprotagonisten an der publizistischen Front. Beide stammten nicht aus Berlin. Reger stammte aus einem rheinischen Bergarbeitermilieu, Herrnstadt einem jüdischen, liberal‐großbürgerlichen Milieu in Schlesien. Beide kämpften mit allem, was Journalisten in die Waagschale werfen können, für die Durchsetzung des Liberalismus bzw. Kommunismus: mit Bildung, Informationen, mit Spott, Beleidigung, Argumenten und Scheinargumenten.

Während Reger erst durch die Umstände ein Zeitungsmann wurde, lernte Herrnstadt das journalistische Handwerk von der Pike auf bei dem liberalen Wolffschen BT. Mit aller Kraft und unter Ausbeutung ihrer Gesundheit bauten Reger und Herrnstadt ihre publizistischen Bastione auf. Regers Tagesspiegel avancierte zum bildungsbürgerlichen Forum in Berlin und zum Werbeprodukt einer liberalen Demokratie, das wie im Fall der verfolgten Sozialdemokraten im Jahr 1946 bereit war, im Bedarfsfall öffentlich für liberal‐demokratische Werte einzutreten und damit auch Politik zu machen.

Für Erik Reger war seine Publizistik immer auch angewandte Pädagogik. Als einer der ersten Journalisten der Nachkriegszeit durfte Reger in die USA reisen. Nach dem Ende der Berlin‐Blockade bis zu seinem Tod 1954 galt er als bester Vermittler der neuen deutsch‐amerikanischen Freundschaft in Berlin, als Publizist und Persönlichkeit im gesellschaftlichen Leben.

Wie Reger stieg auch sein östliches Pendant Rudolf Herrnstadt hoch in der gesellschaftlichen Hierarchie auf. Und wie Reger mit seinen Ansichten nicht selten seine Bewunderer und Freunde irritierte, war auch Herrnstadt sein eigener geistiger Herr, ein denkender Mensch, der im Rahmen der marxistisch‐leninistischen Denkkategorien unbeirrt die Verwirklichung der ethischen Werte der kommunistischen Vision einforderte. Herrnstadt war seit 1950 auch hoher Parteifunktionär, was aber auf seine publizistische Arbeit nur wenig Auswirkung hatte, denn eine Trennung zwischen Presse und Politik gab es im kommunistischen Verständnis nicht.

Als Chef eines kommunistischen Pressekonzerns und der Parteizeitung nach 1950 setzte Herrnstadt mit gezielten Artikeln immer wieder politische Reizpunkte auch innerhalb der Partei. Trotz aller ideologischen Parteilichkeit verlangte er von seinen Mitarbeitern in erster Linie Qualität und Können. Keiner in der kommunistischen Kaderriege schrieb besser."

Das Buch

width=
Das gesamte Buch  ist ab sofort im Buchhandel für 29, 90 € erhältlich (E-Book-Version folgt in wenigen Wochen):
über amazon
über den lokalen Buchhändler
über den Verlag