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Nolans Dunkirk oder Die Kunst zu überleben

29/07/2017 00:47 CEST | Aktualisiert 29/07/2017 10:25 CEST

Auch in seinem neuesten Kino-Epos um den britischen Weltkriegsmythos Dünkirchen zeigt sich Christopher Nolan als Pep Guardiola des zeitgenössischen Hollywood-Kinos. Wieder gelingt ihm die Versöhnung von Massenkino und Kunst. Die Kunst besteht hierbei vor allem darin, einen gleichermaßen naturalistischen wie intimen Blick auf den Krieg zu liefern, ohne sich in Kriegsporno-Blutorgien zu verlieren.


Im Gegensatz zu Deutschland kann in Großbritannien vermutlich jedes Schulkind mit dem Begriff Dünkirchen etwas anfangen: als Ort der recht wundersamen Errettung fast des gesamten britischen Britischen Expeditionskorps vor der fast sicheren Vernichtung durch die Wehrmacht. Eingekesselt von deutschen Soldaten sind zwischen dem 26. Mai bis zum 4. Juni 1940 340.000 Soldaten, davon etwa 110.000 Franzosen, von der nordfranzösischen Küste auf Schiffen aller Art, auf Kriegsschiffen und auch Schiffkuttern, nach England gebracht worden. Eine logistische Meisterleistung, die auch auf einem bemerkenswerten Solidarakt der britischen Zivilgesellschaft mit dem Militär beruht, und gleichzeitig ein militärisches Desaster, das in der britische Öffentlichkeit erfolgreich als „Wunder von Dünkirchen" vermarktet wurde und heute als vielleicht notwendige Bedingung für die spätere erfolgreiche Abwehr der Insel gilt.

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Trailer Dunkirk

Die dauernde Gegenwart des Todes

Der britische Film-Guru Christopher Nolan, inzwischen so etwas wie ein Pep Guardiola des Blockbuster-Kinos , eigentlich ein cineastischer Spezialist für Science-Fiction-Fantasien (Inception, Interstellar), hat sich nun diesen patriotischen Geschichtsstoff vorgenommen, bei dem sich auch leicht zeitgenössische Brexit-Analogien reinlesen lassen (Flucht vorm Kontinent!). Herausgekommen ist, kaum verwunderlich, ein sehr eigensinniger, atmosphärisch dichter, perfekt geschnittener Kriegsfilm auf verschiedenen Zeitebenen. Ein Kriegsfilm, der den Kinobesucher die dauernde Gegenwart des Todes fast physisch spüren lässt, der aber alles andere als ein Kriegsporno ist.

Ineinander verschachtelte Perspektiven in brillanter Optik

In betörenden Bildern ( einfach brillant: Kameramann Hoyte van Hoytema), die kinematografisch irgendwo zwischen „Der englische Patient", „Titanic" und „Soldat James Ryan" zu verorten sind, lasst Nolan den Zuschauer unmittelbar in das Kriegsgeschehen  eintauchen, ohne sich dabei  voyeuristisch wie andere Kriegsfilme in blutige Gemetzel zu verlieren.

Nolan gelingt ein besonders persönlicher, fast intimer Blick auf verschiedene einzelne Soldatenschicksale, die das zentrale, letztendlich tierische Handlungsmotiv in jeden Krieg eint: unbedingt überleben zu wollen.

Wir sehen den einfachen Soldaten Tommy in seinem brutalen Überlebenskampf am Strand und auf dem Schiff; sehen ihn in seiner tiefen Verzweiflung, unbedingt leben zu wollen, weil er jede Minute sterben könnte. Wir sehen den heldenhaften Hobbysegler Mr. Dawson, der mit seinem Kutter zahllose Soldaten rettet, dafür auch stoisch den Tod des besten Freundes seines Sohns in Kauf nimmt. Wir sehen den RAF- Pilot Farrier in seinen spektakulären Kämpfen gegen die deutschen Kampfpiloten. Dank grandioser Schauspielerleistungen wirken alle drei, meisterlich miteinander verzahnte Handlungsstränge intensiv und erzählerisch kraftvoll - jenseits aller optischen und auch akustischen Reizüberflutung.

Am Ende fehlen Worte

Am Ende herrscht betretendes Schweigen bei den Überlebenden. Die Soldaten wissen, dass sie noch einmal davongekommen sind, aber der Krieg noch lange nicht zu Ende ist. Nach dem Überleben ist vor dem nächsten möglichen Überleben. Die letzte Einstellung zeigt Tommy, der zutiefst traurig ist. Es ist noch lange nicht vorbei.

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