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Das Fach Wirtschaft muss an deutschen Schulen dringend ausgebaut werden

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WIRTSCHAFT SCHULE STEUERN
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Der Tweet eines Mädchens hat eine hitzige Diskussion ausgelöst: Bereiten deutsche Schulen ihre Schüler auf das Leben vor? Oder lehren sie daran vorbei? Ein Schulfach, das intensiv Wirtschaftsthemen behandelt, könnte einige Probleme lösen. Doch die Idee hat viele Kritiker. Prof. Dr. Christoph Lütge erklärt, warum die Gegenargumente erstaunlich rückständig sind.


Änderungen an Lehrplänen sind im deutschen Schulsystem immer schwierig und ein langwieriger Prozess. Doch die gegenwärtigen Bestrebungen, das Fach Wirtschaft deutlich stärker als bisher als eigenständiges Fach bundesweit zu verankern, sind unabdingbar. Viele Jahrzehnte lang wurde das Thema Wirtschaft in den meisten Bundesländern nicht nur stiefmütterlich behandelt - nein, es kam praktisch nicht vor. Wenn doch, wurde allenfalls Fundamentalkritik im Rahmen von Fächern wie Sozialkunde oder Gemeinschaftskunde vermittelt.

Das Thema Wirtschaft kommt in der Schule viel zu kurz

Dass diese Situation in Zeiten der Globalisierung und der globalen Wirtschaft einfach nicht mehr reicht, war schon seit längerem deutlich: Bereits vor etwa 15 Jahren startete die Bertelsmann-Stiftung das Projekt „Wirtschaft in die Schule".

Das Bundeswirtschaftsministerium fördert seit 2007 die Initiative „Unternehmergeist in die Schulen". Das IW Köln stellte 2011 in einer Studie fest, dass die Inhalte wirtschaftswissenschaftlicher Schulbücher oft nicht mehr dem Stand entsprechen. Und aktuell beklagte sich die 17-jährige Schülerin Naina in Twitter-Beiträgen - nicht nur über mangelnde Praxisnähe, sondern - gerade auch darüber, dass das Thema Wirtschaft in der Schule viel zu kurz kommt.

Gegenargumente erstaunlich rückständig

Kritiker von Wirtschaftsthemen halten jedoch weiterhin dagegen. Gerade aktuell lehnt Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften, in einem Gastbeitrag auf ZEITonline ein eigenständiges Fach Wirtschaft in der Schule vehement ab.

Das allein wäre noch nicht erstaunlich, erstaunlich rückständig sind aber zumindest einige der Argumente, die Engartner ins Feld führt:

  • Das Unterrichtsfach Wirtschaft diene nur den Interessen der Wirtschaft, nicht der Allgemeinbildung, und versorge die Schulen mit „selektiven, tendenziösen und manipulativen Unterrichtsmaterialien".
  • Das Unterrichtsfach Wirtschaft verbilde „ökonomistisch" und fördere die Sichtweise, alles unter Effizienzkriterien und Kosten-Nutzen-Kalkulationen zu betrachten. Gerade nach der Finanzkrise seien aber marktkritische Positionen zu stärken.
  • Das Unterrichtsfach Wirtschaftsfach blende u.a. kulturelle und institutionelle Eigenheiten und Rahmenbedingungen von Staaten und Regionen aus.

Die ersten zwei Punkte bedienen die ältesten Ängste der Kapitalismuskritik. Ich halte dagegen: Es geht bei einem Fach Wirtschaft sehr wohl um Allgemeinbildung.

Wirtschaft gehört sehr wohl zur Allgemeinbildung

Wie Wettbewerb und Preismechanismen funktionieren, wie Finanzmärkte (zumindest in sehr groben Grundzügen) funktionieren, wie Unternehmen aufgebaut sind, wie unser Steuer- und Abgabensystem verfasst ist, das gehört sehr wohl zur Allgemeinbildung.

Gerade in einer Zeit, in der die globalisierte Wirtschaft wesentlicher Motor unseres Wohlstands und unserer guten Position in der Welt ist. Und das sind eben nicht nur Effizienzgesichtspunkte, sondern auch ethische:

Erstens leistet eine funktionierende Marktwirtschaft mit Wettbewerb vieles, was allen nützt, was ethisch wünschenswert ist:
Dazu gehören nicht nur Arbeitsplätze, sondern innovative und kostengünstige Produkte, Steuern und Abgaben u.a. durch diese Leistungen der Marktwirtschaft konnte nicht nur im Westen, sondern mittlerweile in vielen Regionen der Erde der Lebensstandard in historisch unvergleichlicher Weise deutlich angehoben werden. Das muss ebenfalls im Fach Wirtschaft vermittelt werden.

Zweitens ist es in vielen Bereichen gelungen, ökologische und Nachhaltigkeitsaspekte in die Ökonomie zu integrieren, gerade weil sie für Unternehmen profitabel sind.
Themen wie Corporate Social Responsibility sind mittlerweile in vielen Groß- und mittelständischen Unternehmen in die Unternehmensstrategien und in das Kerngeschäft integriert. Business ist nicht mehr einfach Business, sondern soziale (Menschenrechte etwa) und ökologische Aspekte müssen systematisch berücksichtigt werden. Auch das gehört zum Thema Wirtschaft.

Der dritte Punkt schließlich ist zutreffend - nur rennt Engartner damit bei vielen offene Türen ein.
In einem Schulfach Wirtschaft ginge es und geht es selbstverständlich nicht nur darum, allgemeine mathematische Grundlagen abstrakter ökonomischer Modelle zu unterrichten.

Zum Markt gehören immer auch seine Rahmenbedingungen. Erst dieser Ordnungsrahmen sichert die ethischen Leistungen von Markt und Wettbewerb - und das stellen die modernen ökonomischen Theorien (etwa Institutionen- und Konstitutionenökonomik) auch systematisch in Rechnung.

Sie sind aber nach wie vor ökonomische Theorien. Ihre ökonomische Logik muss im Rahmen eines eigenständigen Fachs, von in Ökonomie ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden.

Wir sollten das Schulfach Wirtschaft auf moderner Ökonomik aufgebaut lehren - und es nicht zugunsten anderer vernachlässigen. Das wäre ein Verrat an den ökonomischen und ethischen Grundlagen unserer Gesellschaft.

Prof. Dr. Christoph Lütge ist Professor für Wirtschaftsethik an der TU München. Kürzlich erschien von ihm „Ethik des Wettbewerbs", Beck 2014.


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