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Wie das Silicon Valley die Arbeitswelt revolutioniert

08/07/2015 13:30 CEST | Aktualisiert 08/07/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Befreit vom Chef, dafür anderen Zwängen ausgeliefert: Die neue Arbeitswelt

Ganz nebenbei revolutioniert das Silicon Valley die Arbeitswelt. Unsere Arbeit wird zum allzeit und weltweit verfügbaren Produkt. Künftig steuern Plattformen, was wir wann und wie für wen tun.

Eine Chance? Ja. Wir können freier werden. Doch wir zahlen dafür mit Unsicherheit. 4,44 Dollar in der Stunde - das ist ihr Preis. Marie R. wohnt in Pangasinan auf den Philippinen und ist Clickworkerin. Sie gehört zur digitalen Avantgarde. Zu den Millionen Menschen, die heute schon nicht mehr für einen festen Arbeitgeber arbeiten, sondern ihre Leistungen auf Internet-Plattformen zu Markte tragen.

Schafft das Internet wirklich Geld, Banken, Einzelhandel, Zeitungen, Bücher und Verkehrsampeln ab? Wird das Auto bald zur Datensammelstelle wie das Smartphone? Müssen wir unsere Arbeitskraft künftig über einen „Marketplace" anbieten statt angestellt zu sein?

Auf diese und mehr Fragen steht Ihnen Christoph Keese im Gespräch mit Sebastian Matthes und Christian Deilmann am 8. Juli, um 19.30 Uhr, Rede und Antwort.

Hier gehts zum Livestream.

Zu den Hochqualifizierten, die oft für Spottpreise, manchmal sogar für Top-Löhne den Weltmarkt bedienen, davon in ihrer noch viel ärmeren Heimat aber gut leben können. Sie ist Vorbotin einer Revolution, die unsere Arbeitswelt so stark verändern wird wie einst die Dampfmaschine, der Webstuhl oder der elektrische Strom. Auch bei dieser Revolution ist das Silicon Valley wieder ein Vorreiter.

Dutzende von Start-ups wetteifern um die Führerschaft. Wie immer arbeiten sie mit allen Methoden von disruptiver Innovation: mit Minimal Viable Product, Venture Capital und Hochgeschwindigkeitsökonomie. An Plattformen für Arbeitsleistungen gibt es schon heute keinen Mangel. Etsy.com zum Beispiel macht Bastler, Heimwerker und Handarbeiter zu Profis.

Sie können ihre handgetöpferten Tassen, selbst gehäkelten Mützen und mundgeblasenen Aschenbecher einem breiten Käuferpublikum anbieten und daraus eigene Existenzen gründen. DesignCrowd vermittelt Gestaltungsaufträge. Wer ein Logo oder eine Animation braucht, lobt einen Preis aus, und Kreative aus aller Welt bewerben sich mit Entwürfen. Geld bekommt nur, wer den Wettbewerb gewinnt; alle anderen gehen 229 leer aus.

Lyft ist eine Online-Mitfahrzentrale für Privatleute, bei der normale Autofahrer sich Geld dazuverdienen können, indem sie Passagiere mitnehmen. Uber tut das Gleiche für professionelle Limousinen. Eine App bringt Fahrer und Passagiere zusammen, rechnet die Fahrt ab, schreibt Quittungen, treibt das Geld ein und verteilt den Umsatz. Algorithmen optimieren die Routen, sehen Bedürfnisse des Publikums voraus und lotsen Fahrer genau dorthin, wo wahrscheinlich die höchste Nachfrage besteht.

Noch liegt die Zukunft im Halbdunkeln

Die eindrucksvollste Plattform aber ist oDesk, auf der Marie R. sich präsentiert. Thomas Layton, der Aufsichtsratsvorsitzende von oDesk, war in Palo Alto zufälligerweise mein Nachbar. Durch ihn bin ich auf die Firma aufmerksam geworden. Layton ist Experte für skalierende Modelle. Von 2001 bis 2007 leitete er OpenTable, eine Plattform für Restaurantreservierungen: 30 000 Restaurants sind dort gebündelt; bisher wurden mehr als eine halbe Milliarde Reservierungen vermittelt. Jetzt wendet Layton die gleichen Grundsätze auf den Arbeitsmarkt an.

Zwei Marktseiten, die bisher nur zufällig und punktuell zusammenfanden, können mit einem Gut handeln, das sie beide interessiert: mit menschlicher Arbeit. Modelle wie diese werden Auswirkungen auf die Gestaltung von Arbeitsverhältnissen haben, aber auch auf die Arbeit selbst. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Noch liegt die Zukunft im Halbdunkeln. Doch oDesk & Co. liefern erste Indizien, wie sie aussehen könnte.

Was Internet-Plattformen heute vor allem für freie Mitarbeiter, digitale Dienstleistungen und einfache Wertschöpfungsketten anbieten, könnte schon bald ganze Fabriken und Konzerne erfassen. Hierarchisch verfasste Organisationsformen werden dadurch in virtuelle Netzwerke verwandelt, mit unabsehbaren Folgen für die Mitarbeiter. Nach einer Studie der Universität Oxford werden 47 Prozent der heutigen Berufe in den nächsten Jahrzehnten durch Automatisierung verschwinden.

Revolution der Rückkopplungsschleifen

Die aufziehende Revolution ist eine Revolution der Rückkopplungsschleifen und Aggregation von Marktzuständen. Menschliche Arbeit wird von Algorithmen erfasst, verwaltet und optimiert wie heute die Suchergebnisse bei Google oder die Werbung bei 230 Yahoo!. Sie wird ein im Sekundentakt versteigertes Gut, nicht anders als Kameras, Handys oder Hotelbetten. Keineswegs zufällig hat sich das Silicon Valley den Arbeitsmarkt ausgesucht. Er ist der größte Markt der Welt.

Manche Ökonomen argumentieren sogar, dass es eigentlich gar keine anderen Märkte gibt als den Arbeitsmarkt, weil prinzipiell für nichts anderes Geld bezahlt wird als für Arbeit. Jeder Joghurt und jedes Auto verkörpert die in ihm geronnene Arbeit. Das verwendete Material ist seinerseits nur so viel wert wie die Arbeit, die in ihm steckt. Selbst Rohstoffe wie Öl, Eisenerz und Gold sind wertlos, solange sie ungenutzt im Boden liegen. Erst die Förderung durch menschliche Arbeit und Maschinen, die aus menschlicher Arbeit entstanden sind, erzeugt Wert. Wenn das stimmt, ist der Markt für Arbeit der Megamarkt schlechthin.

Die Mutter aller Märkte sozusagen. Da wundert es nicht, dass Unternehmer aus dem Silicon Valley angelockt werden. Shooting for the moon ist hier besonders aussichtsreich, da es viele Ineffizienzen, Limitationen und Ungerechtigkeiten zu beseitigen gibt. Widersprüche, Ungereimtheiten, Friktionen und Energieverluste - der Arbeitsmarkt wimmelt davon. Hier ist es vergleichsweise leicht, Modernisierungsdividenden zu erzielen und Netzwerkeffekte zu erzeugen. Weil es ohne Netzwerkeffekt nicht geht, wird die digitale Revolution auf dem Arbeitsmarkt nicht mit hässlicher Fratze daherkommen.

Sie ist auf unsere Mitwirkung angewiesen und wirbt daher um Sympathien. Sigmar Gabriel hat das so treffend beschrieben: »Die Macht der digitalen Revolution liegt darin, dass kein Mensch direkt gezwungen wird, mitzumachen. Vielmehr will jeder dabei sein und tut es aus freien Stücken. Die digitale Welt ist zu der Welt geworden, in der die Mehrheit lebt. Es ist also kein äußerer Feind, der mit einer Kolonisierung unserer Lebenswelt droht. Es sind die Emotionen und Identitäten des modernen Menschen selbst, die zur Debatte stehen.«

Die Revolutionäre der Arbeitswelt werden Sympathieträger sein, bis irgendwann die Nachteile neuer Monopole zutage treten. 231 Abverlangt wird uns totale Transparenz. Damit wir das nicht als Zumutung empfinden, kommt sie im Gewand des Lobs und Leistungsnachweises daher.

Die Revolutionäre der Arbeitswelt werden Sympathieträger sein

Marie R. zum Beispiel hat ausweislich ihres Profils 3913 Stunden gearbeitet und dabei 30 Aufträge erledigt. Die durchschnittliche Kundenbewertung beträgt 4,78 von 5 Punkten. Ihr letzter Job dauerte 14 Stunden, brachte 64 Dollar und volle Punktzahl. Sie hat 15 Qualifikationstests absolviert. 67 von 100 möglichen Punkten erreichte sie im Call Center Test, 77 in der E-Mail-Formulierungs-Prüfung, 66 in englischem Wortschatz, 42 bei Excel und 22 bei WordPress.

Mit einem kurzen Werbetext preist sie ihre Qualifikationen an: »In den vergangenen zehn Jahren habe ich Erfahrungen auf vielen Gebieten erworben, darunter als Lehrerin, Agentin eines Reiseunternehmens und Trainerin für Computerhelfer. Nun freue ich mich, meine Fähigkeiten der ganzen Welt anzubieten. Ich kenne mich bestens aus mit Technologie, dem Internet, Webseiten- Management und Recherche. Gerne helfe ich Ihnen, neueste Trends zu untersuchen und Berichte darüber zu schreiben.«

Damit Marie nicht bummelt, macht oDesk sechsmal pro Stunde einen Screenshot und sendet ihn an den Auftraggeber. Passiert zu lange nichts, riskiert sie, den Auftrag zu verlieren. Also strengt sie sich an. Wenn Kunde und Auftraggeber streiten, schalten sich besonders ausgebildete oDesk-Mediatoren ein. Die Firma bucht das Honorar ab und bürgt gegenüber Marie R. für die Solvenz der Kunden. Ein in sich stimmiges System. Je mehr Qualifikationen Marie erwirbt, desto mehr Geld kann sie verdienen.

Vielleicht schafft sie es, zum Programmierer oder Marketingexperten aufzusteigen. So wie Vinitha V. aus Bombay. Sie ist Grafikdesignerin und Videoanimateurin mit einem Stundensatz von 7,78 Dollar, zwei Drittel mehr als Marie. Mal zeichnet sie einen elektronischen Lutscher für ein Videospiel, mal eine Geburtstagseinladung, mal ein Logo für eine Firma.

Oder wie Marie F. aus Los Angeles. Sie ist mit 350 Dollar pro Stunde eine der Top-Verdienerinnen. Marketing-Strategien und PowerPoint-Präsentationen sind ihr Spezialgebiet. oDesk-Chef Gary Swart hat 232 sie 2013 als eine der fünf besten Kontributoren des Netzwerks ausgezeichnet.

Die Sekundenlöhner

Die Plattform-Erfinder wissen, dass sie unseren Bedürfnissen nach Sicherheit und Anerkennung Rechnung tragen müssen, wenn sie uns zum Mitmachen bewegen wollen. Falls wir Angst, Sorge oder Misstrauen hegten, wären das hohe emotionale Kosten des Übergangs aus traditionellen Arbeitsverhältnissen in die Digitalökonomie. Große Netzwerkeffekte gibt es nur dann, wenn die Wechselkosten niedrig sind, also wird jede Arbeitsplattform, die klug beraten ist, Wohlfühlfaktoren und Streichelmechanismen ins System mit einbauen, um die Wechselkosten zu senken. Nur dann sind wir geneigt, den lieb gewonnenen Arbeitsvertrag zu kündigen und ein neues Leben als digitaler Tagelöhner zu beginnen.

Besser gesagt: als Sekundenlöhner. Noch wirken die Arbeitsbedingungen bei oDesk stabil verglichen mit dem, was die Zukunft bringen wird. Sekundenlöhner entstehen fast automatisch aus der Logik der Digitalisierung. Warum feste Preise setzen, wenn Algorithmen im Sekundentakt den besten Preis herausholen können? Präsentationsdesigner zum Beispiel können am Sonntagabend viel mehr verdienen als am Dienstagmorgen, weil erfahrungsgemäß viele Manager und Assistenten am Sonntag ihre Auftritte für die nächste Woche basteln.

Sie wollten es am Freitag erledigen, haben es nicht geschafft, brachen ins Wochenende auf und gehen die Sache nun unter Zeitdruck am Sonntag an. Sie brauchen Hilfe, folglich ist ihre Zahlungsbereitschaft jetzt am größten. Für Designer kann es sich lohnen, ihren festen Job zu kündigen und sich als Clickworker zu verdingen.

Ein Arbeitsplatz ist für sie dann nicht mehr die feste Adresse, die sie Morgen für Morgen im Halbschlaf ansteuern, sondern eine Funktion, die sich von Sekunde zu Sekunde ändert. Einkommen ist nicht mehr das Ergebnis von Tarifverhandlungen, sondern von Echtzeit-Algorithmen, die elektronische Verträge mit Robotern auf der Gegenseite abschließen.

Arbeit wird in diesem Szenario wie an der Börse im Megahertztakt gehandelt. 233 Können wir das wollen? Das ist wahrscheinlicher, als es zunächst den Anschein hat. Die Digitalisierung hat bisher nur Werkzeuge modernisiert, bestehende Abhängigkeitsverhältnisse und Wertschöpfungsketten aber weitgehend intakt gelassen.

Die Sekretärin, die 1970 Briefe auf einer Olympia-Schreibmaschine tippte, gibt dieselben Texte heute in Word oder Outlook ein - an ihrem Status als Lohnabhängige hat sich aber seitdem wenig geändert. Vielleicht ist sie zu einer Zeitarbeitsfirma oder einem Dienstleister gewechselt, vielleicht schafft sie als freie Mitarbeiterin. Nach wie vor ist sie jedoch von einem einzigen Arbeitgeber oder einigen wenigen Kunden abhängig.

Mit ihnen darf sie es sich nicht verscherzen. Angewiesen ist sie auf persönliche Kontakte und räumliche Nähe. Über die Grenzen ihres geografischen Wirkungskreises hinaus findet sie nur selten Arbeit. Von der Preisbildung auf dem Markt, auf dem sie ihre Leistungen anbietet, bekommt sie wenig mit. Gegen Preissenkungen ist sie als Angestellte zwar abgesichert, als Freie aber gar nicht.

Von Preiserhöhungen profitiert sie kaum, da sie langfristige Verträge abschließt, besonders als Angestellte. Große Sprünge kann sie sich nicht leisten. Tariferhöhungen um einige Prozent alle paar Jahre bilden ihren Erwartungshorizont. Sozialer Aufstieg ist mit hohen Kosten und großem Risiko verbunden. Sie muss kündigen, umschulen und in einer anderen Branche neu anfangen, wenn sie sich grundlegend verändern will.

»Comfortably numb« - angenehm stumpf

Sekretärinnen werden selten Programmiererinnen oder Marketingfachleute, selbst wenn sie Talent besitzen. »Comfortably numb« - angenehm stumpf - hat Pink Floyd dieses Gefühl der bequemen, aber öden Routine genannt. Wir denken meist nicht darüber nach, dass unser Arbeitsleben ganz anders aussehen könnte: aufregender, voller Chancen, abwechslungsreicher, freier und selbstbestimmter.

Hier setzen die digitalen Arbeitsmärkte an. Sie geben sich als Liberatoren aus und sprechen den Teil in uns an, der immer schon einmal aus der Routine und den statischen Einkommensverhältnissen ausbrechen wollte. Hineingelockt in die neuen Arbeitsmärkte werden wir mit dem Geschmack von Freiheit und Aben- 234 teuer. Uns erwartet kein Zwang, sondern eine Verführung. Das macht den Wandel so unberechenbar.

Die Marketing-Kampagnen der neuen digitalen Arbeitsvermittler werden vieles versprechen: endlose Aufstiegschancen, soziale Transparenz, ständige Fortbildung und Erweiterung des Qualifikationsprofils durch viele kleine Tests statt langwieriger Studiengänge. Laufende Bereicherung der eigenen Tätigkeit. Gefühl des Gebrauchtwerdens und der Auslastung. Hohe Transparenz aller Leistungsparameter und damit die Chance, im sozialen Umfeld der Wettbewerber und Kollegen zu glänzen.

Sichtbare Leistung und sichtbares Lob. Beliebig viel Urlaub und freie Tage, ohne sich abmelden oder jemanden fragen zu müssen. Totale geografische Unabhängigkeit. Problemlose Verlagerung des Lebensmittelpunktes in wärmere Klimazonen. Abwesenheit unterdrückender Machtstrukturen und terrorisierender Chefs. Hohes Selbstwertgefühl durch völligen Wegfall von Hauspolitik, Intrigen, Klatsch, Tratsch, Neid, Missgunst und Mobbing. Erweiterung der Feedbackchancen durch Abkopplung von einem einzelnen Arbeitgeber.

Mehr Rückmeldung - jedem Verriss steht potenziell ein überschwängliches Lob gegenüber. Was sie nicht erwähnen werden, sind die Nachteile: Man kommt nicht mehr täglich mit Kollegen zusammen, die man mag und die einem als Ersatzfamilie ans Herz gewachsen sind. Man kann vereinsamen. Man kennt die Leute nicht persönlich, mit denen man an Projekten arbeitet. Doch auch diese Hindernisse wird die neue Industrie angehen. Schon heute boomen Co-Working Spaces in den Großstädten.

Dort ist man von Gleichgesinnten umgeben und kann gleich zwei sozial reichhaltige Bindungen eingehen: mit den Arbeitsnachbarn und den Arbeitskollegen - beides wird nicht mehr zwingend deckungsgleich sein. Auch gegen die Hauptkritik an Plattformen wird sich die neue Branche zur Wehr setzen: die unsicheren und stark schwankenden Einkünfte. Letztlich ist auch dieses Problem mit Algorithmen lösbar.

Finanzielle Sicherheit ist lediglich eine Funktion der Finanzmathematik

Finanzielle Sicherheit ist lediglich eine Funktion der Finanzmathematik. Wer mehr Sicherheit möchte, kann sie gegen einen etwas niedri- 235 geren Stundenlohn erwerben. Vermutlich werden sogar Flatrate- Einkommen für Freie entstehen. In der Sekunde des Abschlusses kauft die Plattform dann einen Kontrakt auf dem Futures Markt ein, um das wohlkalkulierte Risiko an Dritte weiterzureichen.

Schon heute bemüht sich oDesk um die Verringerung des Risikos seiner Kontributoren. Neuerdings gibt es eine plattformeigene Krankenversicherung. Das baut auf. Neben Plattformen, die für alle offen sind, werden Angebote ausschließlich für Geschäftskunden entstehen. Sie optimieren die Arbeitsmärkte innerhalb von Großkonzernen wie Volkswagen oder Siemens und verkoppeln sie mit Kunden und Lieferanten.

In diesen hochkomplexen Zusammenhängen können Algorithmen richtig zeigen, was in ihnen steckt. Sie bilden Millionen von Rückkopplungsschleifen, die Wirklichkeit beobachten, auswerten und dann wieder beeinflussen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Kybernetik wird zur Leitwissenschaft einer neuen industriellen Revolution. In den 1950er-Jahren war Kybernetik eine Modewissenschaft, vor allem wegen ihrer philosophischen, leicht esoterischen Anteile. Begründer Norbert Wiener (1894 - 1964), ein amerikanischer Mathematiker, hat sie selbst »Existenzialismus ohne schlechte Laune genannt«.

Existenzialismus ohne schlechte Laune

Erschienen ist die Theorie als Buch erstmals 1948, Martin Heidegger sagte: »Eine kybernetische Zukunftsforschung verrechnet die Informationen über das, was als Planbares auf den Menschen zukommt.« Zwischenzeitlich war sie von präziseren mathematischen Strömungen überholt worden, doch nun erlebt sie in eine Renaissance - nicht als Formelsammlung, sondern als Deutungsmodell des Internet.

Was heute geschieht, erfüllt in weiten Teilen die Tatbestände, die Wiener untersucht hatte. »Kybernetik ist die Wissenschaft der Kontrolle und Kommunikation in Lebewesen und Maschinen«, hat er gesagt. Es geht um die »Vorhersage des Unvorhersehbaren« mithilfe des flüchtigen Guts Information, das »weder Materie noch Energie« ist.

Damit meint Wiener die Rückkopplung zwischen Messergebnissen und Manipulation. 236 Wiener, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und früh ein mathematisches Wunderkind, beschäftigte sich zeitlebens mit komplexen Systemen, die sich nicht-linear entwickeln und daher kaum zu prognostizieren sind. Durch den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg begab er sich in die Dienste des Pentagon und half Großbritannien bei der theoretischen Optimierung seiner Luftabwehr.

Es galt, ein schwieriges mathematisches Problem zu lösen: Peilt eine Kanone den Bomber direkt an, geht der Schuss daneben, weil sich das Flugzeug während der Reise des Geschosses weiterbewegt. Also muss der Kanonier vor den Bomber zielen - aber wie weit? Wiener schrieb: »Es war außerordentlich wichtig, das Geschoss nicht auf das Ziel abzuschießen, sondern so, dass Geschoss und Ziel im Raum zu einem späteren Zeitpunkt zusammentreffen. Wir mussten deshalb eine Methode finden, die zukünftige Position des Flugzeugs vorherzusagen.«

Besonders unter den erschwerten Bedingungen, dass der Pilot seinen Kurs änderte und zickzack flog, sobald er die erste Granate explodieren sah. Jeder Schuss hatte Einfluss auf den Kurs, und jede Kursänderung Einfluss auf den nächsten Schuss. Eine komplizierte Wechselwirkung. Wieners Kybernetik schuf die Voraussetzungen, sie mathematisch in den Griff zu bekommen.

Sie beruhte auf einer engen Verbindung zwischen Beobachten und Ausführen, zwischen vergangenen Erfahrungen und aktuellen Messergebnissen, verarbeitet durch frühe Computer, auf denen Differentialgleichungen gelöst und Prognosemodelle berechnet wurden. Weil Rauch in den Geschütztürmen die Sicht vernebelte, nahmen die Beobachter in einem zweiten Turm Platz. Diese Zwillingstürme symbolisierten den Grundgedanken der Kybernetik: Messen und Ausführen direkt nebeneinander und in enger Kommunikation verbunden.

Ungeahnte Möglichkeiten

Mit der überwältigenden Zahl von Sensoren, die heute zur Verfügung stehen, und der Leistungsfähigkeit, mit der das Internet den Austausch zwischen ihnen organisiert, eröffnen sich der modernen Kybernetik ungeahnte Möglichkeiten. Wie überrascht Norbert Wiener davon sein würde, können wir an einem Satz ermessen, den er 1948 in der Erstausgabe seiner 237 Kybernetik schrieb. In dem Text stand: »Es gibt die Frage, ob es möglich ist, eine Schach spielende Maschine zu konstruieren, und ob diese Fähigkeit eine wesentliche Differenz zwischen den Möglichkeiten der Maschine und des Geistes darstellt.«

Heute laufen Schachprogramme auf nahezu jedem Telefon in der Hosentasche und schlagen normal begabte Menschen um Längen.

Innerhalb von nur 66 Jahren hat die Technik einen Stand erreicht, die selbst die Vorstellungskraft eines Visionärs wie Norbert Wiener hoffnungslos überfordert hätte. Smartphones liefern laufend Daten über den Aufenthaltsort ihres Besitzers, seine Ziele, Absichten und Pläne. Autos, Lastwagen, Motorräder, Fahrräder und Flugzeuge melden Position, Richtung, Geschwindigkeit, Verkehrsfluss und Klima.

In Fabriken messen Sensoren Durchfluss, Warenbestand, Verarbeitungszustand und Qualität. Schon bald trägt jedes Produkt seinen eigenen Code. Kühlschränke, Milchflaschen, Kaffeemaschinen und Zahnbürsten werden zu Agenten im Netz der Dinge. An der elektrischen Zahnbürste wird künftig ein Knopf sein, der blau leuchtet, wenn die Zahnpasta leer oder die Bürste verbraucht ist. Drückt man ihn, bringt Amazon eine Stunde später Nachschub.

Frank Schirrmacher hat sich das wenige Tage vor seinem Tod in einem Interview ausgedacht, und er hatte recht. Werbung tritt bald an Stellen auf, wo wir sie heute noch nicht kennen: direkt an den Produkten, die ihren eigenen Erschöpfungsgrad kennen. Einkaufen heißt dann, eine Fingergeste auf der alten Milchflasche im Kühlschrank auszuführen. Streicheln mit einem Finger für einen neuen Liter, mit dreien für drei. Die Rückkopplung der Verbrauchsinformation in den Produktionsprozess wird gewaltige Effizienzsteigerungen auslösen, deren Ausmaße heute noch gar nicht absehbar sind.

Autoreifen melden ihren Abrieb an Continental und GoodYear, die damit just in time produzieren können, und an Werkstätten, die rechtzeitig zum Reifenwechsel einladen und Sonderangebote unterbreiten. Das Internet der Dinge macht es möglich: Die Milch im Kühlschrank meldet sich selbsttätig bei einen Server, der daraus die 238 aggregierte Nachfrage der Region für die nächsten 48 Stunden ermittelt. Die Milchhöfe im Einzugsgebiet produzieren passgenau auf diese Menge. Weil die Milchgabe der Kühe nicht beliebig variierbar ist, lässt sich der Überschuss bestimmen, noch bevor die Tiere gemolken werden. Auf diese Menge bieten Käsereien in virtuellen Auktionen.

Ihre Mitarbeiter erfahren per Smartphone, dass sie heute einen halben Tag frei haben, weil es sich nicht gelohnt hat, frische Milch zu kaufen, dafür bitte morgen zwei Stunden länger erscheinen mögen, weil dann billigere Milch ankommt. Der Algorithmus der Käserei errechnet diesen Plan in Kenntnis der Regalmengen von Supermärkten, der Vorräte in den Kühlschränken der Konsumenten und der Bestände bei den Großhändlern.

Das System regelt ständig automatisch nach. Mit jedem Tag wird die Vorhersage genauer. Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage führen zu Sonderangeboten oder Sonderschichten. Beide Signale kommen direkt bei der richtigen Zielgruppe an. Der Produktionsüberschuss löst Rabatt-Aktionen auf den Bildschirmen der Kühlschränke aus, der Warenmangel führt zur freundlichen Einladung an Mitarbeiter, früher zur Schicht zu erscheinen, im Tausch gegen einen Bonus und einen halben Tag Zusatzurlaub im August.

Der Mitarbeiter drückt auf Ja oder Nein. Keine der beiden Antworten überrascht den Algorithmus, er hat die Reaktion vorausgeahnt und die Einladung an die richtige Zahl von Empfängern geschickt - Absagequote schon mit einberechnet. Auch in Zukunft werden Firmen Mitarbeiter fest an sich binden wollen. Loyalität ist ein Erfolgsfaktor.

Ständig für die besten Leute bieten zu müssen, ist gefährlich

Ständig für die besten Leute bieten zu müssen, ist gefährlich. Wenn sie ausgebucht sind, geht die Firma leer aus. Auch wird es immer einen Kern von festen Mitarbeitern geben müssen, die ihr Berufsleben fest mit einer Firma verbinden. Ohne sie wüsste das Unternehmen nicht, wohin es steuert und welche Arbeitskräfte es auf Plattformen anheuern soll. Zweifellos bleibt auch ein Teil der Jobs an einen Ort gebunden.

Manuelle Produktion verlangt körperliche Anwesenheit. Dennoch werden sich die Gewichte weiter verschieben: Die Peripherie der Firmen wird größer, der feste Kern kleiner. Der Anteil 239 manueller Arbeit nimmt ab, der virtuelle Anteil zu. Sigmar Gabriel hat in der FAZ vor den Folgen dieses Trends gewarnt: »Wir müssen eine Ordnung der Arbeit formulieren, in der die Clickworker nicht zu den rechtlosen Tagelöhnern der digitalen Moderne werden.«

Kybernetische Systeme zeigen unseren Marktwert in Echtzeit an. Wenn der Marktwert unter unseren Bedürfnissen liegt, werden wir die Hilfe der Politik einfordern. Wenn er aber darüber liegt, geraten wir in Versuchung, uns auf das Spiel einzulassen. Die meisten von uns werden nicht die Ersten sein wollen, aber auch nicht die Letzten.

Vermutlich entstehen Kombinationsmodelle: Teilzeit bei einem festen Arbeitgeber, der Rest auf einer Plattform. So kann man experimentieren. Wenn Plattformen sich bewähren, gewinnen sie an Bedeutung.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt

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ISBN: 978-3-8135-0556-6

Knaus

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