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Wir sind die Generation, für die Dating und Sex nur noch Dienstleistungen sind

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DATING ONLINE FLIRT
Martinns via Getty Images
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„Können wir heute überhaupt noch leben, "wie wir sind"? Oder gibt es wegen der allgegenwärtigen Digitalisierung nicht dermaßen viele Role Models, Ablenkungen, Verwirrungen, dass wir gar nicht mehr zur Besinnung kommen?

Das klingt mir aber arg nach einer kulturpessimistischen Sicht auf die Dinge! Gehören Sie auch zu denjenigen, die glauben, durch die "modernen Zeiten" und vor allem durch "das böse Internet" sei nun endgültig der Untergang des Abendlandes gekommen?

Man komme nicht mehr "zu sich selbst" und werde ständig vom "Wesentlichen" abgelenkt? Ich hoffe doch nicht. Denn "moderne Zeiten" haben schon immer geherrscht - an jedem Tag, in jedem Jahr, in jedem Jahrzehnt, in jedem Jahrhundert.

Und das "Wesentliche" an oder in uns existiert nicht ohne Interaktion mit einer beständig sich wandelnden Umwelt. Und das ist weder schlecht noch gut. Es ist einfach, wie es ist. Mir geht es hier vor allem darum, einen aktuellen Teil dieser stetigen Veränderungen zu beschreiben: die Auswirkungen des Internets auf die Lebensbereiche Liebe, Sexualität und Partnerschaft.

Wenn wir uns die Veränderungen durch das Internet ansehen, müssen wir tatsächlich nicht bloß eine informations- und kommunikationstechnologische, sondern auch eine soziokulturelle Revolution beschreiben.

Schon das monodirektionale Web 1.0 hat viele bahnbrechende Veränderungen mit sich gebracht. Nie zuvor war in unserer Kulturgeschichte so viel Information und Wissen so unbeschränkt und dezentral für so viele Menschen zugänglich und verfügbar wie durch die Verbreitung des Internets Ende des 20. Jahrhunderts.

Wir können jederzeit chatten oder skypen

Um wie viel größer aber sind die Veränderungen durch das interaktive Web 2.0 und die Breitband-Datenverbindungen seit Beginn des 21. Jahrhunderts! Heute haben alle Menschen mit Internetanschluss die Möglichkeit, zu jeder Zeit auf das aktuelle Weltwissen in multimedialer Form zuzugreifen, selbst Inhalte ins Netz einzuspeisen, mit anderen in Kontakt zu treten, Gleichgesinnte zu finden, mit ihnen zu chatten oder zu skypen, kurz: multimedial zu kommunizieren und zu interagieren.

All diese Entwicklungen haben natürlich ganz viel hinsichtlich der Frage verändert, wie Menschen miteinander, mit sich selbst und mit ihrer Sexualität umgehen. Und zwar hinsichtlich so vieler Punkte, dass ich sie wirklich nur kursorisch aufzählen kann.

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Fangen wir bei den offensichtlichsten Veränderungen an, denen der beziehungsinternen Kommunikation. Was geschah früher, wenn der Partner abwesend war? Sagen wir, er oder sie war im Urlaub oder auf einer Dienstreise. Da herrschte in der Regel Funkstille. Und ich spreche hier nicht vom 19. Jahrhundert, sondern von den 1990ern.

Wenn die Liebe groß war, rief man sich abends vielleicht aus einer stickigen oder zugigen Telefonzelle an. Oder schrieb sich Briefe. Mit der Hand! Die teuren Telefonate rissen Lücken ins Reisebudget, die Zustellung eines Briefes dauerte Tage.

Beiden Kommunikationsformen war gemeinsam, dass Sender und Empfänger letztlich asynchron blieben, manchmal kamen die Briefe sogar erst an, nachdem der Verfasser oder die Verfasserin schon wieder nach Hause zurückgekehrt war. Der Effekt dieser Ungleichzeitigkeit? Das authentische Gefühl, dass der andere weg war. Sehnsucht. Hoffnung. Sorge. Freude auf seine oder ihre Wiederkehr.

Heute ist das vorbei. Ich will nicht sagen, dass es heute keine Sehnsucht mehr gibt, das wäre natürlich Unsinn. Aber heute können wir jederzeit flott mal eine SMS oder E-Mail schreiben. Oder wir sprechen gleich per Internetvideotelefonie miteinander und sehen uns dabei. Das war noch vor wenigen Jahren Science-Fiction!

Wir sind via Smartphone nonstop mobil online

Per Smartphone können wir uns Messenger-Nachrichten schicken, wir können uns gegenseitig gesprochene Botschaften, Fotos vom Strand oder Filme von der Party, auf der wir waren, zukommen lassen. Wir sind via Smartphone nonstop mobil online und stehen dadurch fortwährend in direkter Kommunikation miteinander. Egal wer sich gerade wo auf der Welt befindet.

Dazu können wir den anderen theoretisch jederzeit via GPS "tracken" - also uns satellitengestützt auf einer Landkarte anzeigen lassen, wo er sich gerade befindet. Man selbst ist also nie mehr weg, das Gegenüber ist nie weg.

"Abwesenheit" ist zu einem anachronistischen Gefühl geworden, das mittlerweile viele ängstigt. Die "Besetzung mit Gegenwart" - wie Heiner Müller den Zustand der Postmoderne genannt hat - ist total geworden. Dass das etwas mit Beziehungen macht, dass das Beziehungen verändert, daran hege ich keinen Zweifel.

Was ist aber, wenn wir keinen Partner haben? Dann haben wir durch das Internet die Möglichkeit, über soziale Netzwerke auch mit bis dato Unbekannten problemlos Kontakt herzustellen.

Wir können uns in Single- und Partnerbörsen, bei Onlinedating- oder Seitensprung-Agenturen anmelden und einen Partner/eine Partnerin suchen: schnell, zuverlässig, gerne auch anonym oder unter Pseudonym. Dadurch haben wir Zugang zu einem ungekannt großen Pool an potenziellen Kontaktpersonen.

Auf diversen Plattformen können wir zudem über alles Mögliche, auch über unsere erotischen Belange diskutieren: Keine Vorliebe, die nicht durch ein Forum oder eine Newsgroup im Internet repräsentiert wäre...

Es gibt eine weltweite Community

Konnte man als Stiefel- oder Strumpffetischist in den 1970er-Jahren in seinem Heimatdorf noch denken, man sei auf dieser Welt der einzige Mensch mit seltsamen Vorlieben, kann man heute über das Netz rasch feststellen: Ich bin nicht nur nicht allein, es gibt eine weltweite Community!

Heutzutage muss man auch keine soziale Beschämung mehr riskieren, wenn man, wie früher, eine "Peepshow" besucht, das geht jetzt auch von zu Hause aus. Für unsere jüngeren Leser vielleicht eine Erklärung dazu: Es gab eine Zeit, und die ist nicht besonders lange her, da standen Männer in schlecht durchlüfteten, düsteren Ladenlokalen vor einer grauen Plastikjalousie und warfen Geldstücke in einen Münzschlitz.

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Daraufhin fuhr das Plastikrollo aufreizend langsam nach oben, und zum Vorschein kam: tará - eine nackte Frau! Die lag auf einer runden Minibühne, die sich langsam drehte, und rekelte sich in lasziver Art und Weise zu Unterhaltungsmusik.

Rundherum standen bis zu zwei Dutzend Männer, schauten für eine D-Mark pro Minute durch ihr Guckfenster auf diese nackte Frau und entnahmen nach einer gewissen Zeit aus dafür bereitgestellten Spendern Zellstofftücher, um das Ergebnis ihres Betrachtens aufzufangen ... Solche Peepshows und analog funktionierende Pornokabinen sind die Dinosaurier der Sexualwirtschaft.

Heute haben wir Strip-on-Demand

Was haben wir heute? "Strip-on-Demand". Via Livechat kann ich online mit einer Stripperin, die in Wladiwostok in ihrem Appartement liegt, in Echtzeit kommunizieren. Ich überweise Geld auf das Konto der Dame, sie sieht, dass es angekommen ist, und dann gehe ich mit ihr in eine "Private Show" und schreibe oder sage ihr, was ich sehen will.

Jetzt kann man natürlich einwenden: Ist es nicht egal, ob all das über den Bildschirm flimmert und per Onlinebanking läuft oder im Bahnhofsviertel stattfindet, wo man Münzen in einen Schlitz wirft? Ich würde sagen: Nein, ist es nicht.

Beide Formen verbindet zwar, dass sowohl der Besuch einer halbseidenen Show im Bahnhofsviertel als auch das Betrachten einer Onlinestripperin aus Wladiwostok sexualwirtschaftliche Unterhaltungsangebote sind, die mit einer Realbegegnung ungefähr so viel zu tun haben wie das Klingeln des Postboten mit Jack Nicholson.

Doch es gibt einen Unterschied, und der ist nicht unwesentlich. Er besteht darin, dass man heute seine Wohnung für all das nicht mehr verlassen muss! Man muss sich nicht mehr nachts in dunklen Ecken herumdrücken, die man sonst eher gemieden hätte.

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Man gerät nicht mehr so schnell in unangenehme Situationen, sondern ist aus alldem mit einem Mausklick wieder draußen, man muss kein Wort sprechen, muss gar nichts von sich preisgeben, bleibt unsichtbar und anonym. Diese Anonymität führt nicht nur dazu, dass Männer, denen der Besuch einer Peepshow oder Pornokabine früher peinlich gewesen wäre, heute solche Angebote eher nutzen.

Sie bedeutet auch, dass Frauen, die sich früher ungern anderthalb Meter entfernt von Dutzenden masturbierender Männer auf einen plüschbeschlagenen Drehteller gelegt hätten, heute durchaus bereit sind, solche Dienstleistungen von zu Hause aus anzubieten. Nicht zuletzt deshalb, weil sie das so erwirtschaftete Geld behalten können - und es keinem Sexshopbetreiber abtreten müssen.

All das, womit wir es auf dem riesigen Feld des Internetsex zu tun haben, ist keine Frage des "Was", sondern eine Frage des "Wie". Vieles von dem, was wir da finden, gab es natürlich schon vor dem Internet. Was sich geändert hat, ist die Distributionsstruktur und die damit einhergehende Vereinfachung.

Durch das Internet potenzieren sich Möglichkeiten

Technik greift Prozesse auf und macht sie effizienter. Durch das Internet potenzieren sich Möglichkeiten, und wenn wir uns die Geschäftszahlen der Sexualwirtschaft anschauen, können wir sehen: Es potenzieren sich durch die Technologie auch die Nutzer- und Anbieterzahlen.

Damit aber nimmt auch die Bedeutung zu, die eine Gesellschaft solchen Geschehnissen gibt. Wenn Strip-on-Demand als reguläres Produkt bewirtschaftet wird, wird es auch für größere Bevölkerungsteile denkbar; es löst sich von dem Ruch des Verpönten. Es wird zu einem Dienstleistungsprodukt wie andere "Dinge" auch.

Nehmen Sie zwei Beispiele aus einem ganz anderen Bereich: Noch vor wenigen Jahren wäre es für gesunde, durchschnittliche Mitteleuropäer eher undenkbar gewesen, sich Nahrungsmittel nach Hause liefern zu lassen. Heute? "Ich muss doch meine Wasserkästen nicht in den vierten Stock schleppen, die kann ich mir doch liefern lassen!"

Oder: "Ich putz doch meine Wohnung nicht selber, das lass ich mir machen!" Solche mittlerweile im Mainstream angekommenen Haltungen gegenüber Dienstleistungen wären noch vor wenigen Jahren dekadent und snobistisch gewesen! Heute sind der Lieferservice und die Haushaltshilfe etwas ganz "Normales".

Was ich damit sagen will: Immer wenn etwas zu dem Produkt einer Branche wird, wird es denkbar, machbar - und konsumierbar. Das Gleiche gilt für die Onlinesexualwirtschaft, den sexuellen Pizzaservice des 21. Jahrhunderts: Das Internet hat dafür gesorgt, dass es Mainstream ist, sich sexuelle Unterhaltungsangebote und Dienstleistung nach Hause liefern zu lassen, online, on demand, ohne dass man selbst einen Fuß vor die Tür zu setzen braucht.

Sex als leicht erhältliches Produkt für alle

Und das bezieht sich nicht nur darauf, dass man nun seine Schaulust an einer Dame oder einem Herrn aus Wladiwostok leichter befriedigen kann. Selbst Bordelle kann man mittlerweile, bevor man sie besucht, durch einen virtuellen Rundgang besichtigen, kann sich Videos der dort arbeitenden Frauen ansehen, in denen ihre Vorzüge und Angebote angepriesen werden, kann mit ihnen live chatten oder via Bildtelefon vorab in Kontakt treten.

Man klärt im Vorlauf, wen und was man möchte, und muss sich nun bei einem realen Besuch nicht mehr mit den Peinlichkeiten von "Damenwahl" und Preisverhandlungen für das gewünschte Repertoire sexueller Praktiken herumschlagen.

Man kann vorab im Onlineshop per Onlinebanking bezahlen, bekommt seinen Puff-Voucher per E-Mail zugeschickt, kann ihn sich zu Hause selber ausdrucken und muss ihn vor Ort nur noch einlösen. Alles ist bereits geklärt und verhandelt, jeder weiß genau, wer und was auf ihn zukommt. Kein Raum mehr für Überraschungen, Unwägbarkeiten und Beschämungen. Die Hürden sind herabgesetzt, alles ist effizienter geworden."

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Vom Himmel auf Erden" von Dr. Christoph Joseph Ahlers, das im Januar als Taschenbuch erschienen ist.

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1. Auflage
Taschenbuchausgabe Februar 2017
Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Copyright © der Originalausgabe 2015
by Wilhelm Goldmann Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,
unter Verwendung von Motiven von © FinePic®, München
DF · Herstellung: Str.
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN: 978-3-442-15908-6
www.goldmann-verlag.de

Das Buch

Was bedeutet Sexualität für uns? Geht es wirklich vor allem um ­Erotik, Lust und Leidenschaft? Oder eigentlich um Fortpflanzung, Kinderkriegen und Familiegründen? Oder geht es um etwas noch ganz anderes? Der Klinische Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers sieht Sex als intimste Form von Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht. Als intensivste Möglichkeit, wechselseitig Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Verbundenheit und Intimität zu erfüllen. In dieser Kommunikationsfunktion sieht Ahlers den einzigen Grund, warum wir Menschen noch Paare bilden. Eben nicht in der Erregung. Denn die können wir auch ohne Beziehung oder mit uns selbst erleben oder als Dienstleistung erwerben. Und Kinder werden mittler­weile auch im Labor gemacht ...
Denken Sie Sex neu - als intimste Form der Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht!
Im Gespräch mit dem Journalisten Michael Lissek und der Lektorin Antje Korsmeier gibt Ahlers einen umfassenden Überblick über das gesamte Spektrum sexueller Phänomenen, von alltäglichen Banali­täten über verstörende Extreme bis hin zu größten Glücksmomenten.
Der Autor
Dr. Christoph Joseph Ahlers ist Sexualwissenschaftler und Klinischer Sexualpsychologe. Seit zwanzig Jahren hat er an der Berliner Charité und in seiner eigenen Praxis für Paarberatung und Sexual­therapie hunderte Einzelpersonen und Paare untersucht, beraten und behandelt. Er ist Gastwissenschaftler und Lehrbeauftragter für Sexual­wissenschaft, Lehrtherapeut und Supervisor für Klinische Sexualpsychologie sowie Autor zahlreicher wissenschaftlicher und medialer Publikationen.
Für "Vom Himmel auf Erden" arbeitete er zusammen mit dem Journalisten und Interviewprofi Dr. Michael Lissek und der Lektorin Dr. Antje Korsmeier.

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