Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Christoph Gerlinger Headshot

Nahles' Mindestlohn wäre verheerend für die aufblühende deutsche Startup-Szene

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BERLIN
Thinkstock
Drucken

Die Startup-Szene ist ein bedeutender Motor für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Allein in Berlin arbeiten mehr als 60.000 Erwerbstätige in der noch jungen digitalen Wirtschaft, die durch den Multiplikatoreffekt noch einmal geschätzte 100.000 weitere Jobs haben entstehen lassen. In keinem anderen Wirtschaftszweig steigt die Zahl der Neubeschäftigten stärker an als in der Informations- und Telekommunikationstechnologie.

Auch bei Spitzenpolitikern beider Regierungsparteien hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt. In den letzten Monaten gaben etliche von ihnen - angefangen bei Verkehrsminister Dobrindt und Superminister Gabriel über Finanzminister Schäuble bis hin zu Kanzlerin Merkel - Bekenntnisse zur Förderung der Startup-Szene und digitalen Pionieren ab.

Ein auch für Praktikanten geltender Mindestlohn von 8,50 EUR pro Stunde hätte fatale Konsequenzen für die Startup-Szene. In nahezu allen Startups sind Praktikanten für geringere Gehälter oder unter vollständigem Gehaltsverzicht tätig, und zwar für längere Zeiträume als die vorgesehene Ausnahmeregelung bei Dauer von bis zu sechs Wochen.

In jungen Internetunternehmen zum Beispiel ist die Höhe des Gehalts tatsächlich in der Regel nicht das ausschlaggebende Kriterium für die Wahl des Arbeitsplatzes. Es locken nicht-pekuniäre Faktoren wie kreative Aufgaben, flache Hierarchien, Freiheitsgrade, eine steile Lernkurve, vielzählige Gestaltungsmöglichkeiten, die Aussicht auf eine lukrative feste Anstellung mit den gleichen Kriterien und nicht zuletzt bestehende oder potenzielle Beteiligungen an den aufgebauten Unternehmen, die regelmäßig auch in Deutschland junge „Internetmillionäre" hervorbringen.

Das sind die Gründe, warum auch hochqualifizierte Hochschulabgänger freiwillig ein Praktikum bei einem Startup einer gutbezahlten Festanstellung in der herkömmlichen Wirtschaft vorziehen. So setzen sie den Fuß in die digitale Welt, die auch die Chance auf eine eigene Unternehmensgründung birgt.

Die Entscheidung für ein solches Praktikum wird fast immer mit hoher Urteilskraft bewusst und selbstbestimmt getroffen. Der Bevormundung durch die Politik sind sie in keiner Weise bedürftig. Die meist hochqualifizierten Kandidaten drohen in keiner Weise ausgebeutet zu werden, wie Ministerin Nahles wohl aus Unkenntnis unterstellt, vielmehr haben sie oft ein Jobangebot einer Strategieberatung, Anwaltskanzlei oder Investmentbank in der Tasche oder geben sogar einen dort schon angetretenen Job dafür auf.

Junge Startups verfügen auch meist gar nicht über ein Kapitalpolster, das es ihnen ermöglicht, das für die Produktentwicklung und Markteroberung benötigte Talent und Know-how sofort marktüblich zu vergüten. Das müssen sie aufgrund der genannten weichen Faktoren auch bislang nicht. Ein Mindestlohn würde also gar nicht wirken.

Gälte der vorgeschlagene Mindestlohn, könnten sie schlicht nicht so viele Personen beschäftigen und das Startup-Projekt würde gänzlich unmöglich gemacht. Oft zahlen sich selbst die Gründer und Geschäftsführer anfänglich kein Gehalt oder nur eine sehr geringe Vergütung zum Bestreiten der Lebenshaltungskosten, welche auch angesichts des anfallenden Arbeitsaufkommens von weit über 40 Stunden pro Woche unter 8,50 EUR pro Stunde liegt. Lediglich studienbegleitende Praktika mit einer Dauer von sechs Wochen vom Mindestlohn auszunehmen, würde der Startup-Szene nicht helfen. Eine solche Ausnahme als wirksam zu betrachten, ist völlig realitätsfremd.

Geschäftsführer und Praktika bis sechs Monate Dauer sollten vom Mindestlohn ausgenommen werden, die Ausnahme sollte nicht davon abhängig sein, ob es sich um ein studienbegleitendes Praktikum handelt und außerdem sollten Beteiligungen und Optionen zum Erwerb von Unternehmensanteilen auf geeignete Weise in die Berechnung der Stundenvergütung miteinbezogen werden.

Mit der Einführung des Mindestlohns ohne solche Ausnahmen und Gestaltungen würde man der deutschen Wirtschaft und den deutschen Beschäftigten also einen Bärendienst erweisen. Der noch nicht als stabile Unternehmen etablierte Teil der Startup-Szene würden sich umgehend ins Ausland verabschieden und Neugründungen würden nicht mehr hierzulande stattfinden. Die Politik würde so aus vermeintlich edlen Motiven die Chancen auf die nachhaltige Ansiedlung von auch global relevanten Innovationen, auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und individuellen Vermögen der Gründer wie auch auf zusätzliche Steuereinnahmen, mithin auf zusätzlichen Wohlstand, verspielen.

Sollten sich die politischen Fürsprecher der Startup-Szene, die Minister Dobrindt, Gabriel, Schäuble und Kanzlerin Merkel, nicht entschlossen Frau Nahles' Plänen in ihrer derzeitigen Ausgestaltung entgegenstellen, würden sie ihre Bekenntnisse zur Startup-Szene nachträglich als reine Lippenbekenntnisse entlarven.

Christoph Gerlinger ist Gründer und CEO der German Startups Group Berlin AG, einem jungen Berliner Venture Capital-Anbieter. Zuvor hat er selbst zwei Startups gegründet, bis zur Größe von rund 200 Mitarbeitern aufgebaut und an die Börse geführt.