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Die moderne Erziehung treibt Kinder in die Drogensucht

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YOUTH DRUGS
Andrea Zanchi via Getty Images
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Vor 14 Jahren habe ich mein Leben grundlegend geändert. Ich musste es tun, ich sah keinen anderen Ausweg. Damals war ich von verschiedenen Drogen abhängig und bin immer wieder heftig abgestürzt.

Als junger Mensch steckt man das noch weg, aber als ich Dreißig wurde, sagte ich mir das erste Mal: "Das bringt doch alles nichts, so geht's nicht weiter".

Menschen die von der Polizei zu oft als hilflose Personen aufgefunden werden oder häufig in psychatrischen Anstalten landen, bekommen einen gesetzlichen Vormund.

Als man mir androhte, mich zu entmündigen, hat es endlich Klick gemacht. Es dauerte trotzdem noch fünf lange Jahre, bis ich mein Leben wieder lebenswert nennen konnte.

Mein Leben als Kneipenkind

Wahrscheinlich fragen sich normale Menschen wie es überhaupt soweit kommen kann. Ich zum Beispiel war ein Kneipenkind und kam recht früh in den Kontakt mit Alkohol. Mit neun Jahren hab ich das erste Mal Bier getrunken.

Mit Elf bin ich ständig von zu Hause weggerannt. So bin ich in Kreise gekommen, in denen konsumiert wurde. Mit der Zeit habe ich extrem viel vertragen und hatte daher auch keine Hemmungen andere Sachen auszuprobieren.

Die zwei Faktoren, die eine potentielle Sucht am stärksten beeinflussen sind eine hohe Toleranzgrenze und der Zeitpunkt des ersten Konsums.

Normale Menschen trinken einen über den Durst und leiden dann an einem furchtbaren Kater. Die haben da so schnell keinen Bock mehr drauf. Süchtige vertragen einfach viel mehr.

Kinder verlieren früh die Distanz zu Pillen

Außerdem gilt: Umso früher man beginnt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man abhängig wird.

In der modernen Erziehung führt man Kinder immer früher an Medikamente heran. Zum Beispiel Ritalin oder Psychopharmaka.

Das sind meines Erachtens alles Einstiegsdrogen. Kinder verlieren früh die Distanz zu Pillen. Die Hemmschwelle sinkt.

Das bestätigt auch der Altersdurchschnitt bei Suchtkranken. Während die Gruppe der 25-40-Jährigen kleiner wird, steigt die Anzahl der jungen und alten Menschen immer weiter an.

"Damals war alles gar nicht so schlecht"

Wenn man wie ich mit Suchtmitteln aufhört, egal ob es Alkohol oder Opiate sind, dann kämpft man zu Beginn mit den klassischen Entzugssymptomen. Das ist als ob man eine richtig miese Erkältung hat, ein Krankheitsgefühl eben.

Nach einigen Monaten fühlt man sich dann plötzlich sehr gesund und glaubt man kann alles wieder auf die Reihe bekommen. Die Gefühle spielen völlig verrückt.

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Die Vergangenheit sieht plötzlich gar nicht mehr so finster aus und dann denkt man sich: „Damals war eigentlich alles gar nicht so schlecht". So kommt es zu Rückfällen. Jeder muss einige Male auf die Schnauze fallen, bis man wirklich versteht, dass man professionelle Hilfe braucht.

Nüchtern zu bleiben ist ein einziger Kampf


Auf einen Rückfall folgt die nächste Entgiftung. Nüchtern zu bleiben ist in dieser Zeit ein einziger Kampf. Ein entspannter Rausch ist überhaupt nicht mehr möglich, man kennt nur noch das Extrem.

Mich aufnehmen zu lassen war eine rationale Entscheidung. Ich hab alles an Geld zusammen gekratzt das ich noch hatte. Dann bin ich nach Frankfurt gefahren und habe es in einer Nacht auf den Kopf gehauen.

Mein nächstes Ziel war die Einrichtung in der ich heute selbst als Mitarbeiter arbeite: Die Fleckenbühler. Das ist eine Selbsthilfegemeinschaft in der aktuell um die 200 Menschen leben.

Damals hätte ich es wohl nicht für möglich gehalten, dass ich später mal ein Teil der Organisation sein würde.

Kein Bock auf das spießbürgerliche Leben

Als ich die Einrichtung das erste Mal verließ, war ich noch hoch motiviert. Am Anfang bin ich auch nüchtern geblieben. Das erste Jahr schaffen die meisten Leute ganz gut hinter sich zu bringen. Auch ich fing an, mir wieder ein normales Leben aufzubauen.

Nachdem man eine Wohnung gefunden hat, kauft man sich dann ein Auto oder gönnt sich einen schönen Urlaub. Vielleicht findet man sogar eine neue Freundin. Und dann?

Vielen Menschen fällt dann auf, dass sie nicht nur ein Suchtproblem, sondern auch ein Lebensproblem haben. Die haben einfach kein Bock auf das bürgerliche Standardleben. Mich hat das auch nie richtig befriedigt.

Auf einmal melden sich die Drogen zurück und die ganzen schönen Erinnerungen kommen wieder hoch. Abrupt wird das normale Leben unwichtig und das ganze Spiel geht wieder von vorne los.

Christoph Feist ist seit mehreren Jahren für die Fleckenbühler tätig. Die eigentlichen Experten für ein Problem sind dort die Betroffenen selbst. Sie kennen die schwierigen Lebenssituationen aus eigener Erfahrung. Und sie sind bestens vertraut mit den Möglichkeiten der Problemlösung.

Deshalb setzen die Fleckenbühler konsequent auf Selbsthilfe. Sie gehen davon aus, dass Süchtige nicht hilflos krank sind. Jeder Betroffene ist in der Lage, sich die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen, um ein nüchternes und zufriedenes Leben zu führen.

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