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An die Neonazis neben mir in der U-Bahn

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NEONAZIS
An die Neonazis neben mir in der U-Bahn | Getty
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Es war einer dieser Momente, in denen man am ganzen Körper zittert. Vor Wut. Aus einer beklemmenden Hilflosigkeit heraus. Und aus Angst vor der eigenen Courage.

Dieser Tage wird viel geschrieben über Pegida, über Rechtsextremismus und Rassismus. Man müsse den Idioten die Stirn zeigen, es gebe keinen Platz in unserer Gesellschaft für rechte Hetzer, heißt es überall. Sätze, die ich ganz bestimmt auch schon in meinen Texten untergebracht habe.

Mein Mut hat versagt - dafür schäme ich mich

Aber am vergangenen Samstag in der U-Bahn in München hat mein Mut versagt. Und ich schäme mich dafür. Ich war mit einem Freund auf dem Rückweg von einem Fußballspiel in der Allianz-Arena. Neben uns stand eine Gruppe von etwa sechs jungen Männern, die offenbar auch gerade vom Spiel kamen und Trikots der Heimmannschaft, 1860 München, trugen.

Es war ziemlich eng in der Bahn, sodass es unmöglich war, irgendetwas zu überhören. Oder sich zu bewegen. Ich kenne das ganz gut, schon als kleiner Junge hat mich mein Vater mit ins Stadion genommen. Es war immer eng, es war immer laut. Und ich habe schon früh viele Menschen gesehen, die Außenstehende heute gefährlich verharmlosend als Feinde des Sports oder als unbelehrbare Krawallmacher bezeichnen. Dabei waren es schlicht und einfach Neonazis. Und Fußballspiele waren ihre Bühne.

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(Über 20.000 Deutsche haben einen rechtsextremen Hintergrund - ein Viertel davon sind Neonazis. NPD-Anhänger bei einer Kundgebung in Frankfurt. Quelle: Getty)

So war das damals. Ich habe das nicht hinterfragt als kleiner Junge.

Heute hinterfrage ich es. Und heute will ich mich nicht damit abfinden, dass Neonazis immer noch eine Bühne bekommen. Doch als ich am letzten Wochenende mit meinem Freund mit der U6 nach Hause fuhr, war ich ein feiger Neonazi-Dulder.

Ich habe geschwiegen, als die sechs jungen Männer mehrere Gäste-Fans aus Hamburg als "dreckige Juden" bezeichneten.

Ich habe geschwiegen, als sie die Gäste-Fans mit einem Lied "nach Auschwitz" wünschten.

Ich habe geschwiegen, als sie "SS, SA, Germania!" riefen.

Ich habe geschwiegen, als sie die anderen Bahnfahrer mit einem widerwärtigen Lied wissen ließen, dass sie gegen Frauenrechte sind.

Und ich habe geschwiegen, als sie einer dunkelhäutigen Frau beim Aussteigen hinterherriefen, dass sie ihr in den Bauch treten werden.

Ich habe geschwiegen. Genauso wie die anderen Fahrgäste. Und ich hasse mich dafür.

Wenn ich jetzt, einige Tage später, darüber nachdenke, war ich nicht nur feige. Ich habe auch mich selbst verraten, meine Ideale, meine naive Vorstellung davon, wie man stumpfem Hass begegnet.

rassismus

(Ein Anti-Rassismus-Plakat in der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf. Quelle: Getty)

Ich könnte jetzt sagen, dass mich mein Erlebnis nicht wirklich schockieren sollte. Dass es ja eigentlich zu den Statistiken passt, die die Behörden alle paar Monate veröffentlichen. Und tatsächlich lebt die rechtsextreme Szene laut Bundeskriminalamt (BKA) neu auf. Rund 22.000 Deutsche haben derzeit einen rechtsextremen Hintergrund, mehr als ein Viertel davon sind Neonazis. Einige von ihnen gehen natürlich auch ins Stadion.

Aber was sind schon Statistiken, wenn man diesem perfiden Fremdenhass im Alltag begegnet? Ich mochte das Wort Zivilcourage eigentlich nie, weil es so klingt, als müsse man einen übermenschlichen Mut aufbringen, um Rassismus zu bekämpfen.

Jetzt weiß ich: Es stimmt.

Ich habe kapituliert vor euch, Neonazis aus der Münchner U-Bahn. Ich habe euch den Raum gelassen, den ihr nicht verdient.

Ich hätte mich in Gefahr begeben müssen

Vielleicht hätte ich nicht viel bewirkt, wenn ich euch zur Rede gestellt hätte. Vielleicht hätte ich mich sogar in Gefahr begeben. Aber ich hätte es machen müssen, denn ich will nicht in einem Land leben, in dem Asylheime mit Hakenkreuzen beschmiert werden. In dem Flüchtlinge um ihr Leben fürchten müssen. In dem Homosexuelle zusammengetreten werden.

Ihr sollt wissen, dass in unserer Gesellschaft kein Platz ist für euren dumpfen Hass. Ihr sollt wissen, dass eure Mitmenschen angeekelt sind von euren Parolen - auch diejenigen, die schweigen.

Ich verspreche euch, Neonazis aus der Münchner U-Bahn, beim nächsten Mal werde ich mutiger sein.

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