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An alle rücksichtslosen Raser

03/09/2015 17:27 CEST | Aktualisiert 03/09/2016 11:12 CEST
ullstein bild via Getty Images

Im Mai 2014 zogen wir an in einen beschaulichen Ort am wunderschönen Inn und könnten hier eigentlich die wunderschöne Landschaft und ländliche Idylle genießen. Eigentlich! Wäre da nicht der Weg zum Büro, der es erfordert, täglich 2 x 30 km auf der B12 zu fahren.

„Achtung Unfallhäufung - gefährliche Kurve"

Als wir diese Strecke das erste Mal fuhren, fiel mir ein Schild „Achtung Unfallhäufung - gefährliche Kurve" ins Auge. Gefährliche Kurve? Unfallhäufung? Sehen konnte ich nur eine langgezogene Kurve, eine vorwiegend gerade verlaufende Strecke.

Nachvollziehbar war der Hinweis für mich damals nicht. Das sollte sich schnell ändern, sehr schnell. Ich musste feststellen, dass sich hier an manchen Tagen offensichtlich alle rasenden Vollidioten Bayerns ein Stelldichein geben. Die Kurve ist nicht gefährlich, die Raser machen sie erst dazu.

Bald stellte sich bei uns ein junger Bauer vor, der jeden Samstag frische Eier, selbstgemachten Käse und auch Brot direkt vom Bauernhof an unsere Haustür liefert. Toller Service, wir sind total begeistert.

Samstag vor Muttertag

Am Samstag vor Muttertag wartete ich vergeblich auf die frischen Eier. In diesem Jahr mussten wir Muttertag ohne Mamas Lieblingskuchen feiern. Der junge Bauer kam nicht. Nun, ein bisschen stinkig war ich schon.

Allerdings nur bis ich den traurigen Grund für sein Ausbleiben erfuhr. Ein Raser hatte wieder einmal Überholverbot und Geschwindigkeitsbegrenzung missachtend, einen verheerenden Verkehrsunfall verursacht. Wie so oft, war der Leidtragende nicht der Verursacher, sondern das unschuldige Opfer. In diesem Fall unser sympathischer Bauer.

Es folgten mehrere Operationen und Klinikaufenthalte. Noch heute, nach über einem Jahr, geht er an Krücken und darf sich wieder auf eine Operation „freuen". Ob er jemals wieder ganz gesund werden wird, steht in den Sternen.

Jämmerlicher Feigling!

Und der Raser? Er hat es bis heute nicht für nötig gehalten, sich persönlich bei seinem Opfer für das Leid, das er verursacht hat, zu entschuldigen. Pfui Teufel, was für ein jämmerlicher Feigling!

Leider kein trauriger Einzelfall auf der B12, dieser „Todesstrecke", wie ich sie nenne. Dass hier nicht noch mehr passiert, ist der vorausschauenden Fahrweise der anderen Autofahrer zu verdanken.

Eines schönen Sommertages „durfte" ich zwischen Hohenlinden und Maitenbeth selbst erleben, was es bedeutet die zweifelhafte Bekanntschaft mit einem Mitglied der „Raserfraktion" zu machen.

An diesem Tag sollte sich die Entscheidung, mit meinem FIAT 500 immer am äußersten rechten Fahrbahnrand zu fahren, als goldrichtig erweisen. Ach ja, dass ich nicht vergesse es zu erwähnen, auf dieser Strecke ist absolutes Überholverbot und Tempo 70 vorgeschrieben.

Höllengeräusch

Aufgrund der enormen Hitze hatte ich beide Seitenfenster herunter gekurbelt, hörte Radio und freute mich, wie alle anderen, aufs Wochenende. Von einer Sekunde zur anderen zerriss mir von links ein wahnsinniges Höllengeräusch fast das Trommelfell.

Gefühlt blieb mein Herz auf der Stelle stehen. Gleichzeitig realisierte ich ein entgegenkommendes Fahrzeug mit hektisch aufgeblendeten Scheinwerfern. Das war´s dann wohl für mich auf dieser Erde, war der Gedanke, der mir wie ein greller Blitz durch den Kopf schoss.

Gott sei Dank war mein Schutzengel da anderer Meinung und ließ diesen Kelch an mir vorüber gehen. Zwei Sekunden später, durch einen Lastwagen ausgebremst, war das niedrige rote Höllengefährt gezwungen vorerst zu bremsen. Ich nutzte die Gelegenheit aufzuholen und mir die Autonummer des Münchner Lamborghini, vielleicht auch Ferrari, zu notieren.

Anzeigen?

So genau kenne ich mich mit Autos nicht aus, mir war nur klar, dass der Fahrer nicht alle Tassen im Schrank haben konnte. Lange ließ sich dieser Irre von dem LKW nicht aufhalten und setzte seine Fahrt, Geschwindigkeitsbegrenzung und Überholverbot weiterhin missachtend, fort.

Zuhause angekommen, immer noch mit pochendem Herzen, hatte ich beschlossen, etwas zu unternehmen. Das erste Mal in meinem Leben zog ich in Betracht jemanden anzuzeigen und holte mir telefonisch Rat beim nächsten Polizeirevier. Der nette Polizist verstand zwar meine Verärgerung, konnte mir aber trotzdem keine Hoffnung auf Erfolg machen.

Offensichtlich muss in Deutschland erst etwas passieren, damit die Polizei tätig werden kann. Ohne Zeugen und ohne den irren Fahrer beschreiben und identifizieren zu können, ist es aussichtslos ihn zu belangen. Den Weg zum Polizeirevier konnte ich mir somit sparen.

Ob es wohl Sinn macht, sich auf dieser Plattform an die Vernunft der Raser zu wenden?

An alle Raser dieser Welt,

es ist traurig genug, dass Ihr eine "Schwanzverlängerung" auf vier Rädern nötig habt um Euch bestätigt zu fühlen. Ihr solltet zur Kenntnis nehmen, dass Euch das nicht davon entbindet Euch an Verkehrsregeln, die sehr wohl begründet sind, halten zu müssen und Verantwortung für andere Verkehrsteilnehmer zu übernehmen.

Sorry, aber wenn ich Euch auf der B12 sehe, dann stelle ich mir vor, Euch ein paar km weiter um einen an der Straße stehenden Baum gewickelt zu sehen. Mitleid? Fehlanzeige! Nein, denn dann hätte es einmal den richtigen erwischt und nicht ein unschuldiges Opfer, das sich auf seinen wohlverdienten Feierabend im Kreise seiner Lieben freut und dessen Leben von Euch Rasern viel zu früh beendet wird.

Stolze 60

Es hat ein paar Jahrzehnte gedauert, zu lernen ein zufriedenes, glückliches und erfülltes Leben zu führen. 2016 werde ich stolze 60, hab einen Job, der mir Spaß macht und einen Mann, mit dem ich in ein paar Jahren die Rente, wenn möglich bei bester Gesundheit, ERLEBEN möchte.

Ganz bestimmt habe ich keine gesteigerte Lust darauf, in der letzten Sekunde meines Lebens die grellen Schweinwerfer eines irren Rasers zu sehen, fürchterlich laute, quietschende Reifen zu hören oder den Gestank von verbranntem Asphalt zu riechen.

In diesem Sinne bitte ich um mehr Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer und wünsche ALLEN eine allzeit gute Fahrt!

Lesenswert:

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Video: Autobahndrängler: BMW-Fahrer bremst Raser immer wieder aus - mit unerwarteten Folgen

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