BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Christine Headshot

Warum es für mich so schwer ist, mit meinen Kindern unter einem Dach zu leben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JUNGS KINDER
Christine
Drucken

Das Zusammensein mit anderen Menschen ist für mich so eine Sache. Auf der einen Seite liebe ich die gemeinsame Zeit des Austauschs, der tiefsinnigen (oder manchmal auch einfach banalen) Gespräche und das Erleben von verschiedenen Persönlichkeiten, Ansichten und Temperamenten.

Auf der anderen Seite ist genau das auch ein Punkt, der mich immer wieder die Einsamkeit aufsuchen lässt: Ich umgebe mich nämlich gerne mit Gleichgesinnten; Menschen, die ähnlich wie ich ticken und sich etwa auf meinem ruhigen Energielevel befinden.

Bin ich zu oft oder zu lange unter Leuten, die ständig unter Strom stehen, neben der Arbeit noch zwölf Hobbys betreiben und vor allem am liebsten über sich selbst reden und sonst niemanden zu Wort kommen lassen, brauche ich eine Pause. Ich kann besser drei Tage am Stück alleine sein, als dreißig Minuten der Knie-Operations-Geschichte der Nachbarin lauschen.

Mehr zum Thema: Was ich allen hochsensiblen Müttern sagen möchte

Genau aus diesem Grund steht für mich auch der Spruch: „My home is my castle" - Mein Zuhause ist mein Schloss. Hier regiere ich, seit ich das erste Mal aus dem Elternhaus ausgezogen bin. Zusammenleben mit anderen Menschen? Vielleicht sogar eine kostengünstige Studenten-WG, in der sich außer mir Niemand an den Putzplan hält? Nichts für mich hochsensible!

Mit meinem Mann kann ich zusammenleben

Die einzige Ausnahme war und ist mein Partner. Mit meinem Mann kann ich zusammenleben, also auch die gemeinsame Wohnung teilen. Mit niemandem sonst würde das gehen. Ich kenne viele liebe Menschen, mit denen ich aber nicht zusammenleben könnte.

Ich muss mit der Person, die mit mir lebt, im gleichen Takt gehen, auf der gleichen Wellenlänge schwingen, das gleiche Energieniveau haben. So wie mein Mann das tut.

In meiner Umgebung mag ich es ruhig. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich es gerne ordentlich und aufgeräumt um mich herum habe und meine Einrichtung hauptsächlich in weiß gehalten ist.

Weiß drückt für mich Klarheit und Struktur aus und ist ein Ruhepol für meine Augen, wenn es um mich herum mal wieder chaotisch wird. Denn das ist es, seit ich Mutter bin, fast ununterbrochen.

Familie kann man sich nicht aussuchen

Den Partner sucht man sich aus. Die Familie nicht. Das gilt auch für die eigenen Kinder.
Darüber habe ich vor dem Kinderkriegen natürlich nicht nachgedacht. Nicht nur, dass ich früher noch nichts von meiner überdurchschnittlich, sensitiven Seite wusste.

Ich hätte mir (selbst wenn!) auch nicht im Geringsten ausmalen können, wie sehr mich die natürliche nervöse Unruhe, die Kinder nun mal verströmen, in meiner Lebensqualität einschränken würde.

Meine Kinder sind eine große Herausforderung für meine Hochsensibilität und meinen Sinn nach Gleichklang. Sie sind selbst im ausgeglichenen Zustand viel schneller, temperamentvoller, lauter, wilder, als ich.

Entsprechend spiegeln ihre Kinderzimmer, ihre Schnelllebigkeit und ihre Action im Kopf: Das Spielzeug liegt nach dem Spielen nicht wieder hübsch arrangiert in Regalen und Schränken, sondern vor allem auf dem Fußboden oder im Bett. Aufräumen? Nichts für meine kleinen Jungs.

Mehr zum Thema: Wie wir das Leben unserer Kinder zerstören, ohne es zu merken

Das tägliche, gemeinsame Aufräumen haben wir längst abgeschafft

Nach dem Aufstehen sieht es ja doch wieder so aus wie am Abend zuvor. Selbst viele gut durchdachte und hübsch arrangierte Stauräume in Form von Betttaschen, Garderoben und sonstigen sorgfältig ausgesuchten Aufbewahrungsmitteln helfen nicht gegen das Chaos an.

Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird abgenommen, auf den Boden geworfen und danach nie wieder aufgehoben. Bücher, Überraschungseier-Inhalte, selbst die Poster an der Wand finden ihren Platz abgerissen, zwischen Legobausteinen, Flusen und Kuscheltieren auf dem Teppich.

Für meine hochsensible Seele ein Jammer (und für die bockige Putzfrau in mir ein Grund, die Zimmer der kleinen Chaoten nur jedes zweite Mal mitzusaugen).

Und dann denke ich zurück an meine eigene Kindheit, erinnere mich an den verstörten Blick meiner Mutter, wenn sie mal wieder mit raufenden Haaren unserem Kinderzimmer den Rücken gekehrt hat, ganz vorsichtig, im Slalom um das Durcheinander herum, nur, um kurze Zeit später mit unzähligen Müllsäcken bewaffnet wieder hineinzustapfen und einen großen Aufräumnachmittag einzuläuten.

Vier Stunden entrümpeln und reinemachen für zwei Stunden Ordnung. Die Rechnung ging auf. Damals wie heute.

Meine arme Mutter. Immerhin bin ich heute so schlau und dokumentiere meine errungenen Siege (oder das, was ich zwei Stunden dafür halten darf) mit der Kamera - damit der Mann abends wenigstens sieht, was ich den ganzen Tag so getrieben habe. Die Zimmer der Kinder verraten es längst nicht mehr.

Manchmal wünsche ich, meine Söhne würden außerhalb wohnen

Manchmal wünschte ich mir, meine Söhne könnten irgendwo außerhalb wohnen, wo ihre Unordnung und auch ihr unruhiges Wesen nicht vierundzwanzig Stunden am Tag zur Zerreißprobe für mich werden.

Dann könnten sie mich an Tagen mit guter Laune im Gepäck gerne besuchen, auch gerne ihren ganzen Krams zum Spielen mitbringen, aber abends dann gerne auch wieder mitnehmen. Unruhe, Sprunghaftigkeit und wippende Füße müssten allerdings vor der Tür bleiben. Die dürften sie dann später wieder draußen einsammeln und ungehindert ausleben.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Natürlich möchte ich meine Söhne nicht ernsthaft ausquartieren. Ich möchte sie nah um mich herum wissen, sie beschützen und ihnen familiäre Geborgenheit vermitteln. Aber das Chaotische, Laute, Temperamentvolle würde ich gerne ausquartieren.

Es ist der Wunsch einer sehr sensiblen Seite in mir, die es (inzwischen) gerne ruhig, geordnet und übersichtlich mag. Und es ist vor allem ein nicht zu unterschätzender Aspekt beim Thema Kinderwunsch, über den man sich im Vorfeld (wie mal wieder so vieles als hochsensibler Kinderloser) keine Gedanken macht!

Nicht, dass ich mich deswegen gegen Kinder entschieden hätte, weiß Gott nicht!

Wann ziehen meine Kinder aus?

„Wann ziehen die Kinder aus?" ist deshalb vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffen eine der meist geäußerten rhetorischen Fragen zwischen mir und meinem Mann, wenn wir uns abends erschöpft auf die Couch fallen lassen, nicht ohne vorher noch einmal quiekend aufgesprungen zu sein, weil uns noch irgendein verirrtes Kleinteil aus dem Kinderzimmer in den Allerwertesten gepiekt hatte.

Ja. Irgendwann ziehen meine Kinder aus. Bis dahin werde ich das Chaos in ihrem Zimmer so gut es geht nicht beachten, unter dem Deckmantel „Jedem so wie er sich wohl fühlt und entfalten möchte" einordnen und ihnen in allen anderen Räumen der Wohnung vorleben, wie viel Spaß Ordnung machen kann.

Nur bei den wippelnden Füßen, dem unruhigen Gerutsche auf den Stühlen und den nervtötenden Fragen à la „Was machen wir jetzt?" - da wird es für mich weiterhin schwer werden mit dem Ignorieren.

My home is my castle. Irgendwann wieder.

Der Beitrag erschien zuerst auf Pusteblumen für Mama.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.