BLOG

Darum sind Eltern noch viel kaputter, als sie sein sollten

29/03/2016 13:40 CEST | Aktualisiert 29/03/2016 13:41 CEST
Noel Hendrickson via Getty Images

Anfangs verstehen Menschen, dass es ein gewisses Maß an Erschöpfung mit sich bringt, ein neues Leben in die Welt zu setzen. Sie fragen junge Eltern, ob das Baby durchschläft, als wäre das die magische Lösung, um sich wie ein funktionierendes, menschliches Wesen zu fühlen.

Aber alle Eltern wissen, dass das nicht so ist. Ich bin mir recht sicher, dass es eine wissenschaftliche Tatsache ist, dass sich Eltern einfach nie wieder wie funktionierende menschliche Wesen fühlen.

Oder vielleicht ändert sich auch einfach die Bedeutung von "funktionierend", sodass es einfach in keinster Weise mehr etwas mit "ausgeruht" zu tun hat. Und zwar aus diesem Gründen:

Sie schlafen nie wieder eine ganze Nacht durch. Nie. Wieder.

Die Nacht durchschlafen bedeutet anfangs, länger als zwei oder drei Stunden am Stück zu schlafen. Sobald dein Neugeborenes diesen Punkt überschritten hat, scheinen Menschen zu vergessen, dass das noch gar nichts bedeutet.

Zuerst wachen Eltern panisch auf, weil ihr Baby sie nicht geweckt hat. Also kontrollieren sie, ob alles in Ordnung ist. Dabei schießt ihnen jede Menge Adrenalin durch den Körper und sie bereiten sich mental auf das Schlimmste vor. Sie stupsen das Baby an. Stups. Stups. Bis sie einen hörbaren Seufzer vernehmen.

Danach können sie entweder nicht wieder einschlafen, weil sie das Adrenalin wach hält oder sie können nicht weiterschlafen, weil sie ihr Baby geweckt haben. Das Baby wird größer und die Eltern wachen von Phantom-Babygeschrei auf, das nur in ihrem Kopf existiert.

Wenn sie einmal akzeptiert haben, dass ihr Kind die Nacht durchschläft und selbst durchschlafen könnten, ist das Baby mittlerweile ein Kleinkind, das mitten in der Nacht zum Bett der Eltern getapst kommt, ins Bett krabbelt, sich nass macht, alle aufweckt und schreit.

Und von dem, was ich höre, wird das auch nicht besser. Ich fürchte mich jetzt schon davor, wie es sein wird, wenn ich nachts in Panik aufwache, in Sorge, dass sich meine Teenager-Kinder einfach aus dem Haus geschlichen haben.

Und wenn sie dann im College sind, werde ich keine Nacht durchschlafen, in der Angst, dass sie bewusstlos in der Gosse liegen, weil ihnen jemand was in einen Drink gemischt hat.

Wenn die Kinder dann einen Job haben, sind die Eltern so alt, dass sich ihr Schlafrhythmus so verändert hat, dass es ihnen biologisch unmöglich ist, überhaupt zu schlafen. Ende.

Es gibt keine Auszeit.

Ich habe neulich versucht, die Telefonnummer meiner Cousine in meinem Handy zu speichern. Sie hatte mir geschrieben und ich wollte sie zu meinen Kontakten hinzufügen. Ich habe es ungefähr acht Mal versucht und dann einfach aufgegeben, weil meine Kinder die ganze Zeit um mich herumgewuselt sind und auf dem Bildschirm herum tippten.

Das ist schwer zu erklären, dass man es nicht schafft, eine Nummer im Telefon zu speichern, aber das gibt es wirklich. Außer man ist im Bad.

Manchmal freuen sich Eltern richtig darüber, wenn sie auf Toilette müssen, weil sie dann einfach mal kurz durch ihren Newsfeed scrollen können. Manchmal tun sie auch nur so als säßen sie auf dem Klo, damit sie durch ihren Newsfeed scrollen können. Außer natürlich sie sind der Elternteil, mit dem das Kind einfach ins Badezimmer mitgeht. Dann gibt es keinen Rückzugsort. Nicht einmal auf der Toilette.

Es gibt keine freien Tage.

Es gibt Millionen Wege, wie Menschen ihre Zeit verbringen und sich auspowern können, ohne Eltern zu sein. Alle sind erschöpft, daran gibt es keinen Zweifel. Trotzdem gibt es normalerweise einen Weg, ein bisschen Freizeit zu bekommen. Man nimmt sich einen Tag frei und damit ist die Sache erledigt.

Aber Eltern können das nicht. Krank werden ist das Schlimmste, denn Eltern können nicht krank werden. Also sie können schon, aber sie dürfen sich nicht so benehmen. Sie müssen auch weiterhin kochen, aufräumen, putzen und unbegrenzt Liebe schenken.

Eltern sind eigentlich immer halb krank, weil sie nie die Gelegenheit haben, sich zu erholen und wieder gesund zu werden. Wir geben unseren Kindern die Schuld daran, weil sie aus dem Kindergarten und der Schule Keime mitbringen, aber in Wahrheit sind wir selbst die Bazillenschleudern.

Ihr Kopf ist überfordert.

Eltern haben nie Ruhe. Da sind so viele "Mama, Mama, Mama"'s und "Auf Dinge zeigen" und "Was ist das"-Fragen und egal, was du antwortest, es folgt immer eine endlose Reihe von "Warum? Wieso? Wieso? Wieso?"'s. Dann sind da noch die unsäglichen Kinderlieder, die gehört werden wollen und Geschichten, die vorgelesen werden müssen und angestrengte Quengeleien, wenn sie etwas wollen, das sie nicht brauchen oder eigentlich schon längst haben.

Es gibt viele gestellte Telefon-Anrufe und Socken, die als Handpuppe mit den Kindern sprechen wollen. Und es ist ja nicht so, als wäre das alles einzeln und für sich so anstrengend, aber die Gesamtheit der Dinge ist einfach anstrengend, weil sie alle mit lauten Tönen und Geräuschen einhergehen und Antworten erfordern.

Je älter Kinder werden, desto weniger sprechen sie. Aber die Worte, die sie dann von sich geben, sind wesentlich weniger niedlich und die angesprochenen Themen wesentlich weniger angenehm zu besprechen. Die Überforderung geht nach dem Kleinkindalter nicht wieder weg.

Manchmal müssen sie bis zwei Uhr nachts wach bleiben und Serien anschauen.

Denn manchmal wollen sie einfach ein bisschen Zeit mit ihrem Partner verbringen. Und dann sitzt man eben auf einer mit Süßkram und Chips verkrusteten Couch und nippt an einem billigen Glas Wein neben seinem Partner und versucht erst gar nicht eine Unterhaltung anzufangen, sondern lässt sich nur berieseln.

Das kann fast so schön sein, wie einen Sonnenuntergang in Mexiko mit einer Margerita in der Hand zu genießen. Fast. Es ist still. Es ist entspannend. Es wirkt wie eine Verjüngungskur und tut eurer Ehe gut. Es lohnt sich, die Möglichkeit einer guten Runde Schlaf jetzt vorbeiziehen zu lassen, um nicht später in einem hässlichen Scheidungskampf zu enden und eure Kinder zu traumatisieren.

Es hat körperliche Folgen.

Ich will gar nicht damit anfangen, was eine Schwangerschaft mit deinem Körper anstellt. Ich spreche hier nur vom Elternsein. Es besteht eine stetige Angst vor einem Riss in der Hornhaut des Auges. Ab Tag 1 fliegen diese kleinen Kinderhände bedrohlich nahe vor deinen Augen herum. Für erstmal immer.

Für die ersten paar Jahre tragen Eltern ihre Kinder ständig herum. Ein Leben mit einem 17 Kilo schweren Kleinkind auf dem einen Arm und einem 10 Kilo schweren auf dem anderen Arm. Und Kinder sind nicht wie Mehlsäcke. Sie winden und sträuben und wehren sich.

Eltern kriechen über den Wohnzimmerboden und versuchen Ordnung zu halten, werden von Kindern mit Anlauf angesprungen und umgeworfen. Es ist fast unmöglich, das Elternsein zu meistern, ohne sich zumindest einmal die Hornhaut aufzukratzen und einen Bandscheibenvorfall zu haben.

All das Mutterliebe-bedingte Putzen.

Neulich war ich morgens auf dem Weg zur Arbeit zu spät dran und als ich das Baby aus seinem Bettchen hob, stellte ich fest, dass es sich in der Nacht vollgekotzt hatte. Die Haare standen ihm zu Berge und rochen nach Erbrochenem. Also badete ich sie schnell, zog sie an und setzte sie ins Auto.

Die Menge des frenetischen Putzens und Aufräumens ist unfassbar. Natürlich müssen alle Menschen Ordnung halten. Aber Eltern noch viel mehr. Das ganze Bücken, Wegräumen, Bücken, Aufwischen. Wischen. Wischen. Wischen. Spielzeug aufsammeln.

Spielzeug. Spielzeug. Spielzeug. Geschirr. Geschirr. Dreckige Wäsche. Von Körperflüssigkeiten durchtränkte Wäsche.

Zu klein gewordene Wäsche ausmisten und ersetzen. Spielzeug. Spielzeug. Kleine Teile. Erbrochenes. Spielzeug. Spielzeug. Spielzeug. Wenn Kinder größer werden, wird auch ihr Zeug größer. Also mehr Sachen, größere Sachen, und definitiv mehr Kleidung auf dem Boden.

Sorgen belasten den Körper.

Es passiert häufig, dass Eltern morgens neue Falten und graue Haare an ihrem Körper entdecken. Tiefe Furchen. Farblose Haare. Seit ich Mutter bin, wurde ich nicht mehr nach meinem Ausweis gefragt. Meine Tochter wurde aus meinem Körper geboren und ich habe umgehend dunkle Ringe unter meinen Augen bekommen. Nicht nur aus Erschöpfung, sondern auch aus Sorge.

Angst erschöpft den Körper und Eltern leben in einem nie-endenden Strom von sorgenvollen Gedanken in ihren Köpfen. Plötzlicher Kindstot. Treppen runterfallen. Reinigungsmittel verschlucken. Den Kopf an der Ecke des Couchtischs anstoßen. Sehen, wie das Kind sich BEINAHE den Kopf an der Ecke des Couchtischs anstoßen.

Gedanken darüber, ob die Kinder gehänselt werden, abends zu lange ausgehen, mit den falschen Freunden Zeit verbringen, die richtige Person heiraten ... Unsere armen kleinen Denkzellen zerbersten unter dem ganzen Stress.

Eltern sind so müde, dass sie sich manchmal einfach auf den Boden legen. Das Gesicht im Teppich vergraben. Jetzt weißt du, wieso.

P.S. Selbst wenn sie auf dem Boden liegen, sind sie dennoch glücklich. Sie sind nur zu müde, um zu lächeln.

2016-03-09-1457566880-1388325-parentsareexhausted.jpg

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

Auch auf HuffPost:

Diesen Trick werden Eltern lieben: Mit dieser Methode hören Babys innerhalb von Sekunden auf zu schreien

Lesenswert:

Gesponsert von Knappschaft