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"Sie sind doch nur faul" - wie mich das Arbeitsamt trotz meiner Behinderung einfach auf die Straße gesetzt hat

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Als im Jahr 2005 die Grundsicherungsleistungen des Staates - Arbeitslosengeld 2 und Sozialhilfe - zusammen gelegt wurden, war ich schon 52 Jahre alt und auf Grund einer angeborenen Muskelschwäche auf einen Rollator angewiesen.

Unterhalt erhielt ich damals von meinem Ex-Mann. Auch einen Schlafplatz in seiner Wohnung hatte er mir gewährt, nachdem ich nach einem jahrelangem Aufenthalt aus Nordirland zurückgekehrt war.

Meine Beiträge zur Krankenversicherung konnte er nicht zahlen - ich auch nicht. Also ging ich zum Jobcenter und beantragte Alg 2. Um es kurz zu machen, mein Antrag wurde abgelehnt, weil mein Ex-Mann nicht kooperierte.

Sie sind also FAUL!

Da ich bei ihm wohnte, hätte er seine Einkünfte offenlegen müssen. Das wollte er nicht. Um überhaupt krankenversichert zu werden, musste ich ausziehen.

Nach dem Auszug aus der Wohnung meines Ex-Mannes stellte ich meinen Antrag erneut. Dieses Mal wurde er bewilligt. Gleich darauf folgte die Einladung meines Arbeitsvermittlers zu einem Gespräch.

"Was haben Sie bisher gemacht?" , fragte er. Ich antwortete: "Ich habe in Großbritannien gearbeitet als Haushaltshilfe, Zimmermädchen, Büglerin, als Bürokraft, als Nachhilfelehrerin für Deutsch und zum Schluss selbstständig im Im- und Export."

"Das interessiert mich alles nicht!" , wischte der Arbeitsvermittler meine Ausführungen vom Tisch. "Ich will wissen, wo Sie in Deutschland gearbeitet haben!"

Meine knappe Antwort lautete: "Nirgendwo."

Mein Sachbearbeiter zog hörbar die Luft ein: "Sie sind also FAUL" , stellte er fest.

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Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen - hier sind ihre Geschichten

Vor meinem inneren Auge zogen die vielen erfolglosen Jahre vorüber, in denen ich mich bei allen Firmen im 30-km-Umkreis beworben hatte. Aber die Personalleiter hatten nur gesehen, dass ich nicht richtig laufen konnte und damit war für sie die Sache klar.

Die Miete konnte ich nicht bezahlen

Ich war nicht zu gebrauchen. Punkt. Oft genug wurde ich bei diesen Gelegenheiten gedemütigt und lächerlich gemacht. Diese Verletzungen saßen tief, aber noch mehr traf mich der Vorwurf des Arbeitsvermittlers, ich sei faul. Geäußert von einer Person, die mich gerade einmal 10 Minuten lang kannte.

Ich stand auf und ging zum Fenster. "Haben Sie gesehen, wie viel Müll und Laub auf der Straße liegt?" , fragte ich ihn. "Geben Sie mir einen großen Müllsack und eine Kehrschaufel und ich räume auf der Stelle auf."

"Wie wollen Sie das denn machen? Sie können ja nicht mal laufen ohne das Ding da." Er zeigte auf meinen Rollator. Vermutlich hatte er auch Angst, von der Öffentlichkeit kritisiert zu werden, wenn er mich zum Müllsammeln auf die Straße schickte. Dabei wäre das für mich eine Möglichkeit gewesen, ein paar Euro dazu zu verdienen. Ich hätte es jedenfalls gemacht und auch gekonnt.

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Weiter geht's! Andere Stadt, anderes Jobcenter.

Auch hier wurde mein Antrag angenommen. Allerdings ließ man sich mit der Bearbeitung zwei volle Monate lang Zeit. Das Essen konnte ich mir von irgendwoher noch besorgen, aber die Miete konnte ich während dieser Zeit nicht bezahlen.

Ich war nicht mehr arbeitsfähig

Es kam, wie es kommen musste. Nachdem er zwei Monate lang keine Miete von mir erhalten hatte, drohte mein Vermieter mit der Räumungsklage. Tief besorgt trat ich dem Jobcenter so lange auf die Füße, bis das Geld auf meinem Konto war und leitete den Mietanteil sofort an meinen Vermieter weiter. Puh, noch mal Glück gehabt!

Inzwischen war ich 56 Jahre alt und das Jobcenter befasste sich mit der Frage, ob ich überhaupt noch arbeitsfähig wäre und falls ja, für wie viele Stunden täglich. Also wurde ich zum Amtsarzt geschickt. Es musste schon der fünfte oder sechste Besuch beim Amtsarzt gewesen sein und nicht einer hat mich als "Arbeitsfähig" befunden.

Nach eingehender Untersuchung schlug er dem Jobcenter vor, ich könnte ja in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen tätig sein - halbtags, von Montag bis Freitag.

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Ich kannte diese Werkstätten. Vor vielen Jahren hatte ich im Zuge einer Weiterbildung ein Praktikum in einer solchen Werkstatt absolviert. Die Leute arbeiteten dort den ganzen Tag lang in trostlosen, dunklen Hallen, in einer noch trostloseren Umgebung.

Die ausgezahlten Löhne waren lächerlich gering und reelle Chancen, aus dieser Umgebung je wieder herauszukommen, gab es nicht. Das was ich dort gesehen hatte, hat mir nicht gefallen.

Aber nun gut - nicht alle Werkstätten waren gleich und zum vereinbarten Zeitpunkt fand ich zum Besichtigungstermin in Siegburg ein. Die Werkstattleitung, die mich auf diesem Rundgang begleitete, schlug vor, dass ich in der Datenverarbeitung arbeiten könnte, während ich nach Gründen suchte, um das Ganze zu torpedieren.

Wenig später sollte ich meine Rente beantragen

Als ich die Werkstattleitung fragte, wie viel Geld der Staat an Zuschüssen würde zahlen müssen, damit ich dort arbeiten könnte, hatte ich meinen Grund.

Denn nie und nimmer würde das Jobcenter Tausende Euro monatlich für eine alte Frau verschenken, für nichts und wieder nichts. Ich sollte Recht behalten, denn wenig später erhielt ich vom Jobcenter die Anordnung, ich solle meine Rente beantragen.

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Inzwischen bin ich 64 Jahre alt. Ich beziehe zwei Mini-Renten, eine deutsche EU-Rente, die sich aus Beiträgen zusammensetzt, die das Jobcenter für mich an die Rentenkasse abgeführt hat und einer britischen Altersrente, die ich mir selbst erarbeitet habe.

Aufgestockt wird das Ganze vom Sozialamt.

Kostenlosen Lesestoff von Christine Singh gibt es hier und hier.

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So ist die Situation von Hartz-IV-Empfängern in Deutschland:

Die Summe der Sanktionen, die die deutschen Jobcenter in den vergangenen zehn Jahren verhängt und nicht ausgezahlt haben, beträgt 1,9 Milliarden Euro.

Sanktionen werden normalerweise wegen zwei Verstößen verhängt: gegen die sogenannten Verhaltenspflichten und gegen die Melde- und Mitwirkungspflichten.

im Jahr 2016 gab es im Jahresdurchschnitt rund 134.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die von mindestens einer Sanktion betroffen waren.

Kritisiert wird in diesem Zusammenhang vor allem, dass Sanktionen gegen das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum verstoßen würden.

Lesenswert:

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