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Das AfD-Ergebnis in Dorfchemnitz war auch ein Hilferuf

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DORFCHEMNITZ
Matthias Schumann / Reuters
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  • In Dorfchemnitz wählten bei der Bundestagswahl knapp die Hälfte AfD
  • Einen Monat nach der Wahl ist die Aufmerksamkeit der Medien verschwunden, die Probleme aber bleiben
  • Pfarrerin Christine Klement sucht nach Erklärungen und Lösungen für ihren Ort

47,4 Prozent - mit diesem Ergebnis wurde die AfD stärkste Kraft in Dorfchemnitz, einem Ort in Sachsen in der Nähe von Clausnitz, in dem ich als Pfarrerin arbeite. Das Ergebnis machte Dorfchemnitz deutschlandweit bekannt.

So viele Journalisten kamen nach der Wahl hierher, dass sich einige Einwohner sogar belästigt fühlten. Sie spürten, dass das Interesse zwar in den Tagen nach der Wahl groß ist, sich aber schon bald kaum mehr jemand für sie interessieren würde.

Ein Monat später sind die Reporter tatsächlich verschwunden, die Probleme allerdings geblieben. Vermutlich haben sie sich sogar noch verschärft, weil sich einige Leute nun als Buhmann der Nation fühlen.

Ich bekomme das auch zu spüren. Wo auch immer ich nach der Wahl war - immer fragen mich die Leute nach dem Ergebnis bei der Bundestagswahl.

Ich habe Erklärungen gefunden

Sie fragen, wie es denn zu den 47,4 Prozent kommen konnte. Ob ich dort überhaupt noch leben kann? Und was in dem Ort schiefläuft, sodass die AfD so stark werden konnte. Ehrlicherweise habe ich darauf auch noch keine abschließende Antwort.

Aber ich habe mich in dem vergangenen Monat intensiv damit beschäftigt. Ich bin auf Spurensuche gegangen, habe mich mit den Leuten hier unterhalten - und Erklärungen gefunden.

Ich wohne noch relativ frisch hier und habe mir deswegen einen frischen Blick auf den Ort bewahrt. Gleichzeitig bin ich als Pfarrerin in Dorfchemnitz tief verwurzelt. Die Leute kommen zu meinen Gottesdiensten, sind im Kirchenchor, außerdem tausche ich mich regelmäßig mit dem Bürgermeister aus. Das hat bei meiner Spurensuche sehr geholfen.

Die Schließung der Schule hat eine große Wunde hinterlassen

Am Abend nach der Wahl traf sich zum Beispiel der Chor. Ich habe in die Runde gefragt: Meine Güte, wie konnte das passieren? Die kaputten Straßen, sagte eine Chor-Sängerin. Die geschlossene Schule, sagte eine andere.

Und tatsächlich hat das Schließen der Schule hier viele bewegt, was mir auf den ersten Blick gar nicht klar war. Ich habe das eher als nötige Maßnahme empfunden. Es ist eben der Lauf der Dinge, dass Einrichtungen geschlossen werden müssen, wenn die Zahl der Einwohner zurückgeht und nicht mehr so viele junge Menschen im Ort leben.

Aber für die Leute hier hatte das eine große Bedeutung. Die Schließung hat eine ganz, ganz große Wunde hinterlassen. Die Leute schimpfen auf "die da oben", die die Schule geschlossen haben. Die ein schönes, saniertes Gebäude im Herzen des Dorfes einfach dicht gemacht haben. Sie sind enttäuscht von der Politik, von der sie sich im Stich gelassen fühlen.

Mit anpacken möchten die Wenigsten hier

Ich kann das auf der einen Seite sehr gut nachvollziehen. Natürlich interessieren sich "die da oben" nicht für eine geschlossene Schule in Dorfchemnitz. Kanzlerin Merkel ist aber auch nicht die richtige, um dieses Problem zu lösen.

Das können nur wir vor Ort. Dazu müssen wir uns aufraffen, mit anpacken und die Dinge selbst in die Hand nehmen. Aber leider möchten das die wenigsten hier. Ich habe etwa mit dem Bürgermeister viele Ideen entwickelt, um aus dem alten Schulgebäude etwas neues zu machen.

Unser Lieblingsplan ist es, daraus ein Schullandheim zu machen. Das habe ich in unserem Kirchenvorstand angesprochen. Die haben alle gleich gesagt: Da machen wir nicht mit. Das koste zu viel Zeit, zu viel Geld - und zu viel Risiko.

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Das Misstrauen geht weit über die Politik hinaus

Da frage ich mich: Warum sind die Leute so lethargisch? Darin liegt vermutlich auch der Schlüssel zu dem hohen AfD-Ergebnis. Viele Menschen hier haben das Vertrauen in andere und in sich selbst verloren.

Ihr Misstrauen geht weit über die Politik hinaus. Sie misstrauen auch Ärzten, die sind "Pfuscher". Und letztlich sogar ihrem Nachbarn. Die Leute hier sind auf sich alleine gestellt. Das stelle ich mir ganz, ganz einsam vor.

Wenn die Leute sagen: Die da oben lassen uns alleine. Dann meinen sie auch: Alle lassen uns alleine. Wir sind alleine.

Eine gemeinsame Idee, die Energie gibt

Das AfD-Ergebnis war insofern auch ein Hilferuf. Und vielen Gemeinden hier in Sachsen - vermutlich auch anderswo in Deutschland - geht es genauso. Sie brauchen nicht nur Geld für die Infrastruktur.

Sie brauchen eine gemeinsame Idee, durch die sie sich wieder aufraffen können und die ihnen Energie gibt. Die AfD hat es geschafft, dieses Bedürfnis zu bedienen. Sie hat den Menschen das Gefühl gegeben, dass sie gehört werden.

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