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Alleinerziehende Mutter: Ich schaffe das nicht, Frau Merkel

10/10/2016 17:04 CEST | Aktualisiert 11/10/2017 11:12 CEST
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Ich bin alleinerziehend und selbstständig. Und ich bin heute sehr, sehr müde. Die Müdigkeit ist so groß, dass sie für Wut nicht mehr ausreicht. Es ist dicke, schwere Verzweiflung.

Was ist passiert? Nichts weiter, ich war nur 4 Tage mit den Kindern verreist, auf einem Familienfest in Norddeutschland. Wir fahren fast nie weg, schon gar nicht über Nacht, weil sich das nicht gut mit der Selbstständigkeit und meinen Kindern verträgt.

Die Selbstständigkeit ist jung und war nicht ganz freiwillig: Ich wurde mit 45 entlassen, als ich schon alleinerziehend war, aus betrieblichen Gründen, und danach wollte mich leider keiner mehr fest einstellen.

Dabei habe ich immer so gerne im Büro gearbeitet, ich brauche Kollegen und das Gefühl, gemeinsam an etwas zu arbeiten. Aber Frauen mit Kindern haben es sowieso schwer auf dem Arbeitsmarkt, Frauen über 45 auch, und als Alleinerziehende könnte ich 50 Tage pro Jahr wegen kranker Kinder fehlen, das tut sich kein Personalchef an. Ich verstehe das sogar. Denn die Kinder sind wirklich dauernd krank.

"Ich ziehe drei Rentenzahler von morgen groß"

Vorhin erst musste ich die Jüngste schon am Mittag von der Schule abholen, weil ihr schlecht war. Dabei hätte sie heute einen Ganztags-Schultag gehabt, aber Pustekuchen, sie ist nun zuhause. 4 Stunden konnte ich heute früh arbeiten. Das ist verdammt wenig.

Ich komme auf keinen grünen Zweig, es ist ein Wunder, dass ich mich inzwischen aus dem Wohngeldbezug herausgearbeitet habe, dass wir keine Sozialleistungen mehr beziehen, und dass ich finanziell über die Runden komme, 4 Jahre nach Gründung der Selbstständigkeit.

Ständig sind Ferien, immer ist irgendwas, Leute mit Kindern kennen das, aber ich mache alles alleine, immer, seit 6 1/2 Jahren, nie bleibt Zeit für mich, der Haushalt dreckt trotzdem ein, ich hole immer neue Zettel mit Terminen und Änderungen aus den Schulranzen der Kinder, gehe zu Elternabenden, kümmere mich um alles, vergesse Dinge, und lasse mich dafür schief anschauen. Keiner tröstet mich oder nimmt mich in den Arm, und "Du machst das gut" höre ich höchstens von Fremden auf twitter, die mir Mut zusprechen.

Ich hab's so satt. Frau Merkel, ich ziehe hier drei Rentenzahler von morgen groß. Und ich werde in Altersarmut leben, wie die meisten Alleinerziehenden auch, wie viele Mütter, die nur in Teilzeit oder gar nicht gearbeitet haben, und wie sehr ich mich auch bemühe, ich verdiene nie genügend Geld, um noch etwas Zeit übrig zu haben.

"Ich schultere alles alleine"

Fahre ich ein Mal im Jahr 4 Tage weg, wie gerade erst, wankt mein brüchiges Gefüge rund um die Arbeit und den Haushalt so sehr, dass mit einem Anruf aus der Schule, dass ein Kind krank sei, bei mir der Wunsch wach wird, alles hinzuschmeißen, zu sagen "ich packe das nicht", mich alleine um drei Kinder zu kümmern und zu arbeiten, nie frei zu haben, keinen bezahlten Urlaub, keine bezahlten Krankheitstage, keine Pause, keine Ferien, es geht einfach nicht.

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Denn der Kindsvater wird in Deutschland nicht gezwungen, sich um seine Kinder zu kümmern (hier steht Vater, weil 90% der Alleinerziehenden Frauen sind), egal, was das Familiengericht sagt, es klingt so gut, der Vater habe "das Recht und die Pflicht" für seine Kinder Sorge zu tragen - faktisch ist das eine Floskel, die nichts bedeutet.

Die Alleinerziehende kann den Vater der Kinder nicht zwingen, sich zu kümmern, auch nicht per Gerichtsurteil (Ich habe es versucht). So einfach ist das. Er kann weit wegziehen, im Gegensatz zu mir, die ich das Aufenthaltsbestimmungsrecht habe, ich aber darf mit den Kindern nur mit seiner Einwilligung den Wohnort wechseln.

Und wenn ich mich nicht um die Kinder kümmere, tut es keiner. Ich schultere alles alleine. Für heute bin ich platt. Und arbeite nicht, obwohl ich das sollte. Ich streike. Ich schaffe das nämlich gerade nicht mehr, Frau Merkel.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf mama-arbeitet.

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