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Wir mussten nie für die EU kämpfen, deswegen ist das Bündnis vielen jungen Menschen egal

05/04/2017 16:14 CEST | Aktualisiert 02/06/2017 10:30 CEST
TommL via Getty Images

Das erste Mal, als ich mich bewusst Europäerin genannt habe, war ich auf Reisen. Damals kam ich mit vielen Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten in Berührung.

Wenn mich jemand aus der Heimat fragt, wo ich herkomme, dann benenne ich die Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Für Menschen aus anderen Teilen Deutschlands bin ich plötzlich Rheinländerin. Fragt mich jemand aus Italien, bin ich Deutsche.

Spreche ich mit jemandem aus Amerika, Australien oder Afrika, bin ich Europäerin. So viel zur geographischen Einordnung - einleuchtend, unzweideutig.

Doch wie steht es um das Projekt „Europäische Union"? Als die EU vor ziemlich genau 60 Jahren zu dem wurde, was sie heute ist, war ich noch nicht auf der Welt.

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Nicht einmal meine Eltern, und möglicherweise auch Du nicht, liebe Leserin und lieber Leser. Doch genau in diesen 60 Jahren hat sich extrem viel getan auf diesem Kontinent.

Meine Generation ist mit all den Privilegien, die die EU uns beschert, aufgewachsen. Als wir kamen, war alles schon getan. Der Frieden zwischen den europäischen Nachbarländern war gestiftet. Der Binnenmarkt versorgte uns schon als Kinder mit günstigen Orangen aus Spanien und schicken Möbeln aus Schweden.

Das Erfolgsprojekt Erasmus gibt es schon lange. Heute können wir unsere ersten selbstständigen Schritte als junge Erwachsene beim Auslandssemester in Südfrankreich und den Bergen Sloweniens machen.

Nach unserer Ausbildung können wir zum Arbeiten nach Italien, Irland oder Dänemark gehen. Alles ohne Reisepass, ohne Stress, ja, mittlerweile sogar ohne Roaming-Gebühren. Alles ganz easy.

Wir sind die Nesthäkchen

Wir sind damit aufgewachsen. Und weil wir das Vorher-Nachher-Bild nicht kennen, sind viele dieser Errungenschaften für uns zwar in der Theorie einleuchtende, aber in der Praxis eher abstrakte Vorstellungen.

So wie man im Sommer vergisst, wie es sich anfühlt, im Winter zu frieren. Oder wie man sich vollgegessen nach einer schweren Mahlzeit nicht vorstellen kann, jemals wieder Hunger zu haben. So sind wir, wenn es um Europa geht, die verwöhnten kleinen Geschwister.

Wir sind die Nesthäkchen, die sich, anders als die älteren Geschwister, nichts von alledem erkämpfen mussten, was sie tagtäglich genießen.

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Klar, heute haben wir andere Probleme als früher - die negativen Folgen der Globalisierung, der Klimawandel, die Flucht und Vertreibung von Millionen von Menschen.

Das sind ganz ernsthafte Probleme, für die wir Lösungen finden müssen. Es ist aber Quatsch zu glauben, dass wir auch nur irgendetwas davon alleine stemmen könnten.

Die Welt hat sich verändert. Und heute gibt es in Europa nur noch zwei Sorten von Ländern: Die kleinen Länder und jene, die zwar klein sind, aber fälschlicherweise immer noch annehmen, sie wären groß.

Fakt ist: In der heutigen globalisierten Welt haben wir einzeln und für sich genommen schon lange kein Gewicht mehr.

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Um bei dem anfangs gewählten Bild zu bleiben: Wir sind eine Familie. Egal ob es um Studenten geht, die kulturelle Barrieren überwinden, indem sie gemeinsam studieren, feiern und lernen.

Oder Forscher, die grenzübergreifend an neuen Erfindungen arbeiten, oder Comedy Late Night-Shows, die gemeinsam wahnsinnig witzige Projekte aus dem Boden stampfen.

Hat unsere Familie Macken, Fehler, Widersprüchlichkeiten, an denen wir arbeiten müssen? Aber sicher, welche hat das nicht. Und trotzdem sind wir genau das: Eine große europäische Familie, die zusammen besser dran ist, als alleine.

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Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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