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Schuldig oder nicht schuldig? Oder: Mit Mediation selbstbestimmt bleiben!

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TERROR
ard
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Haben Sie auch vor einigen Tagen in der ARD das spannende Tv-Experiment zu dem Film "Terror" gehen? Falls nicht kurz etwas zum Inhalt: Der Film handelt von einem Gerichtsverfahren √ľber einen Bundewehr-Piloten, der eine entf√ľhrte Passagiermaschine abschie√üt, um 70.000 Menschen zu retten, die sich in dem Fussballstadion befinden, auf das die Maschine zusteuert.

Noch w√§hrend des Filmes hatten die TV-Zuschauer die M√∂glichkeit, abzustimmen, ob der Pilot ihrer Ansicht nach freigesprochen werden sollte oder nicht. Das von den Zuschauern gew√ľnschte Filmende wurde dann letzendlich auch gezeigt. F√ľr die gro√üe Mehrheit der Zuschauer war der Pilot unschuldig. Nicht nur in der mit dem Film verkn√ľpften Sendung "Hart aber Fair" f√ľhrte der Film zu gro√üen Diskussionen.

Ich möchte in diesem Beitrag den Fall nicht als Juristin einschätzen. Erst heute stellte ich im Gespräch mit einem Kollegen fest, dass - wie so häufig unter Juristen - die Rechtseinschätzung zu dem Fall sehr unterschiedlich aussehen kann. Ich möchte mit diesem Beitrag ein anderes Thema ansprechen:

Beim TV-Experiment konnten die Zuschauer Richter "spielen". Sie konnten ein Urteil f√§llen, in das sie ihr Gerechtigkeitsempfinden, ihre emotionale Einsch√§tzung, ihre Lebensgeschichte und √§hnliches einflie√üen lassen konnten. Die Zuschauer konnten entscheiden, wie der Film weitergeht. Sie haben das Ergebnis gew√§hlt, das sich f√ľr sie richtig anf√ľhlte.

Im Strafrecht ist dies in der Realit√§t jedoch nicht m√∂glich. In Strafverfahren k√∂nnen wir nicht selbst entscheiden, vielmehr sind wir der Justiz und ihrem Urteil ausgeliefert. Das h√∂rt sich bedr√ľckend an und ist es in den meisten F√§llen auch!

Nun aber zu einer guten Nachricht: Nicht in allen Rechtsgebieten ist man der Justiz und ihren Entscheidungen ausgeliefert. Insbesondere im Zivilrecht hat man, soweit es sich um dispositives Recht handelt, die M√∂glichkeit zu w√§hlen: Sie m√ľssen die Entscheidung √ľber Ihre Situation nicht in die H√§nde des Gerichts legen. Wenn Sie z.B. mit Ihren Geschwistern Streit ums Erbe haben, m√ľssen Sie nicht vor Gericht gehen, auch nicht, wenn Sie mit Ihrem Nachbarn um die H√∂he seiner Hecke streiten und Sie m√ľssen auch nicht zum Richter, wenn Sie sich im Rahmen der Scheidung mit Ihrer (Ex-) Frau nicht einig sind, wer das Haus bekommen soll.

Hier haben Sie die Wahl, entweder dem Richter die Entscheidung zu √ľberlassen, oder aber mithilfe eines Mediators selbst eine Entscheidung zu treffen.

Im Gegensatz zu einem Richter gibt der Mediator keine L√∂sung vor. Auch schl√§gt er keine L√∂sung vor. Er hilft Ihnen vielmehr dabei, eine L√∂sung zu finden, die zu Ihnen und der Situation passt. Ganz strukuriert f√ľhrt er Sie und die anderen Beteiligten gemeinsam durch das Mediationsverfahren und hilft Ihnen dabei, herauszufinden, was Ihnen wichtig ist und wie eine L√∂sung aussehen kann, welche die Bed√ľrfnisse aller Beteiligten ber√ľcksichtigt. Hierbei haben Sie die Entscheidungsgewalt und sind nicht dem Urteil eines Richters ausgeliefert.

M√∂glicherweise h√∂rt sich das f√ľr Sie auf den ersten Blick anstrengend und nach Arbeit an - Es stimmt, Sie m√ľssen selbst die Initiative ergreifen und bekommen nicht -wie beim Richter- eine L√∂sung pr√§sentiert. Vielleicht verunsichert es Sie auch, dass Sie nicht wirklich wissen, was Sie im Mediationsverfahren erwartet und wie das Verfahren abl√§uft.

Aber das Gute an der Sache ist: Wie beim Tv-Experiment k√∂nnen Sie eine L√∂sung w√§hlen, hinter der Sie voll und ganz stehen und die Ihnen und Ihrem Sinn f√ľr Gerechtigkeit entspricht. In der Mediation sind Sie der Gestalter Ihrer k√ľnftigen Lebenssituation. Sie k√∂nnen entscheiden, wie es in Ihrem Streit weitergehen soll. Wer k√∂nnte in Ihrem eigenen Streit besser entscheiden als Sie? Kein Richter der Welt kann besser wissen, was gut f√ľr Sie ist als Sie selbst - Sie sind Ihr eigener Experte! Ein Richter entscheidet nach dem Gesetz, aber Sie k√∂nnen in der Mediation nach Ihren eigenen Kriterien entscheiden: Ihre Moralvorstellungen, Ihr Gerechtigkeitsempfinden, Ihre Vorgeschichte, die emotionalen Aspekte, die Ihnen wichtig sind, Ihre pers√∂nlichen Bed√ľrfnisse - all das kann mithilfe der Mediation in Ihrer L√∂sung ber√ľcksichtigt werden.

Diese Freiheit in der Mediation selbst entscheiden zu können, begeistert mich sehr! Ich bin immer wieder erstaunt, warum so viele Menschen ihr Schicksal in die Hände eines Richters geben, obwohl es diese Möglichkeit gibt!
Herzlichst,

Ihre Christina Wenz
Blog: www.mediation-wenz.de

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