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Von Yoga, Spirit und all seinen Nebenwirkungen

21/03/2016 12:18 CET | Aktualisiert 22/03/2017 10:12 CET
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Meine erste Begegnung mit Spiritualität fand ich in einer kleinen Kiste, in der die Exfreundin meines Vaters eine merkwürdige Substanz aufbewahrte: Vibhuti.

Vibhuti sieht aus wie Zement, riecht nach Rosen und knirscht zwischen den Zähnen - und macht, abgesehen vom Rosenduft, einen nicht so hochwertigen Eindruck.

Trotzdem ist er sehr hochpreisig. Er ist nämlich den sich reibenden Händen eines Gurus entfallen. Guru Sai Baba war damals in den 90ern der letzte Schrei und verkaufte seinen Rosenstaub an alle, die daran glaubten.

Also dippten meine Teenie-Freundin und ich unsere Finger kreischend in den teuren Dreck und lachten uns dabei scheckig.

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Danach dauerte es ein paar Jahre, bis mich mit 18 meine erste Mitbewohnerin an „Energiemassagen" heranführte, die ich damals zwar bereitwillig, jedoch mit einer gewissen Skepsis über mich ergehen ließ.

Da ich an nervigen Kopfschmerzen litt, gab mir besagte Mitbewohnerin eine Massage, in der sie „Energien von mir abschöpfte".

Danach schüttelte sie sich die Hände aus, nahm eine weitere Fuhre "bad vibes" von meinen Schultern - und so ging es weiter, bis die Kopfschmerzen Leine gezogen hatten.

Nach dieser Erfahrung war ich schon etwas überzeugter, doch so richtig begann alles eine Dekade später mit der ersten Yogastunde.

Meine damalige Lehrerin hatte es nämlich wahnsinnig gut drauf, Spiritualität in den Unterricht einfließen zu lassen, ohne dass du dir vorkommst, als hätte es dich in eine Sekte verschlagen und du müsstest dich von heute an nur noch in orangefarbene Baumwollanzüge hüllen.

Ihre Herangehensweise ging über den Körper, über die Wahrnehmung von Regungen und Emotionen. Über Engegefühle. Über Raum & Weite. Über den Fluss und die Tiefe der Atmung.

Über die Qualität der Gedanken - beobachtend, nicht urteilend. Eigentlich das ganz simple Yoga 101, doch wenn du es zum ersten Mal machst, geht dir ein Licht auf. Wann hatte ich bitteschön mal meine eigene Atmung beobachtet? In den letzten 28 Jahren jedenfalls nicht.

Plötzlich war es um mich geschehen. Nicht nur wurde mein Körper flexibler und straffer, auch mein Geist wurde beweglicher und zugleich gnädiger. Ich achtete auf meine Worte, meine Gedanken, meine Sprache mir gegenüber und anderen gegenüber.

Ich übte Meditationen, Atemübungen aus dem Pranayama, Asanas aus dem Yoga. Ich hatte auf einmal das Bedürfnis, ein „guter Mensch" zu werden - was auch immer das bedeutet.

Wahrscheinlich, dass ich vorher recht erbarmungslose Gedanken mir und meinen Mitmenschen gegenüber hatte.

Auf einmal hatte es mich erwischt

Es kam, wie es kommen musste. Aus einer Stunde Yoga pro Woche wurden zwei, drei, vier. Hinzu gesellten sich Bücher, eine tägliche, spirituelle Praxis und - geboren aus dieser neu gefundenen Leidenschaft- auch mein Blog, der mir ein völlig neues Arbeiten ermöglichte.

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Man könnte behaupten, Yoga und Spiritualität haben mein Leben um 180° gedreht. Sie bedeuten Arbeit und Disziplin. Sie geben uns wunderbare Tools an die Hand, mit denen wir uns unsere kleinen Marotten anschauen können. Mit denen wir Klarheit und Freude empfinden können.

Mit denen wir plötzlich zu unterscheiden verstehen, zwischen unserem Ego, unseren Gedanken, der fiesen Stimme, die uns ab und zu den größten Blödsinn über uns und die Welt erzählt. Und der Stimme, die auf der anderen Schulter sitzt: Unserem innersten Kern, der eigentlich nur ganz hell leuchten will.

Der Liebe schenken und empfangen möchte, wie ein neugeborenes Kind. Der bedingungslos „Ja" zum Leben sagt und noch nicht eine schlechte Erfahrung verbuchen musste.

Nach Jahren der Gier nach spiritueller Erfahrung kam es, wie es kommen musste: Der Höhepunkt aller Disziplin war meine eigene Yogalehrerausbildung. Und dann, in einem Zeitraum von 12 Monaten, in denen ich selbst unterrichtete: Der tiefe Fall.

Absolute Yoga Unlust, die sich langsam, aber stetig einschlich.

Ich war überfordert mit den Yogastunden, die ich geben sollte. Ich übte selbst immer weniger. Ich hatte einen totalen Overkill an spirituellen Gesprächen.

Denn wenn du dein Leben jahrelang nach Yoga und Spirit ausrichtest, kennst du auf einmal einen Haufen Leute, die jedes Problem mit einer Chakra-Session bei ihrer Heilerin lösen wollen oder dir sofort einen Dosha-Tee aufdrängen, wenn du dich mit ihnen auf einen schnöden Kaffee treffen möchtest.

Kurzum: Die Szene ging mir auf den Pinsel. Alles, was ich darüber las, hörte sich so sekundär und aufgewärmt an. Es langweilte mich. Ich konnte die knallbunten Leggings nicht mehr sehen, auf die eine ganze Horde ambitionierter Yoginis so schwört.

Ich konnte das Geschwätz der Yogalehrer nicht mehr hören - geschweige denn mein eigenes! Ich fand mich so ungebildet und klein in diesem ganzen Kosmos von spiritueller Weisheit, dass ich mir jegliche Kompetenz und Wahrhaftigkeit komplett absprach.

So kann es nicht mehr weiter gehen!

Alles schrie nach einer Pause - und in genau diesem Moment wurde ich schwanger. Ich gab sofort meine Yogastunde ab und war, jetzt kommt's: Erleichtert.

Man mag es kaum laut sagen. Denn ich plagte mich seit geraumer Zeit mit einem sehr schlechten Gewissen, meine Asana Praxis vernachlässigt zu haben.

Nicht mehr „fleißig" genug zu sein. Und plötzlich konnte ich mit gutem Gewissen essen, was ich wollte - hatte ich doch ein sehr gefräßiges Baby im Bauch. Ich konnte Schläfchen halten, anstatt zu meditieren. Ich übte sehr, sehr langsames Yoga und ging endlich wieder selbst ins Studio.

Und das schlechte Gewissen verzog sich zum Glück auch. Ich fand eine neue, relaxte Herangehensweise an Yoga und Spirit: Eine, die genauso gnädig mit mir und meinem Körper ist, wie es im Yoga ja immer gelehrt wird.

Denn das Leben passiert immer jetzt und will stets an den derzeitigen Moment angepasst werden. Nichts, was noch vor einem Jahr galt, gilt heute. Und nichts, was heute gilt, gilt morgen.

Wenn Spirit uns eins lehrt, dann ist es, im Hier und Jetzt zu sein. Und wenn wir uns gestatten, authentisch und zufrieden vor uns hinzuleben, dann sind alle Facetten genehmigt, solange wir uns ihrer bewusst sind.

Spiritualität soll easy sein, soll Leichtigkeit transportieren und sich nicht in eine nie enden wollende To-Do-Liste verwandeln. Amen.

Christina Waschkies schreibt auf ihrem Blog "Happy Mind Magazine" über Yoga, Lifestyle, Essen und neuerdings auch über das Mutter werden.

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