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Kinder verdienen Aufmerksamkeit, nicht den Tod!

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
CHILD ABUSE
Justin Paget via Getty Images
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Drei Kinder sterben in Deutschland jede Woche durch die Hand von Erwachsenen - besagt die vergangene Woche ver├Âffentlichte Statistik des Bundeskriminalamtes. Der Tod kommt nicht selten durch die Hand der Personen, die eigentlich daf├╝r verantwortlich sind, dass die Kinder gut aufwachsen: ihre Eltern. ├ťber die Dunkelziffer mag man gar nicht spekulieren. F├Ąlle bleiben unentdeckt oder werden nicht angezeigt, da die pers├Ânliche N├Ąhe von Opfer und T├Ąter oft gro├č ist.

Ein Teil der F├Ąlle ist auf Vernachl├Ąssigung und Fahrl├Ąssigkeit zur├╝ckzuf├╝hren. Aber es gibt eben auch die Erwachsenen, die vors├Ątzlich misshandeln, qu├Ąlen und t├Âten. Als Gesellschaft m├╝ssen wir der Wahrheit ins Auge blicken, so weh es auch tut. Ja, einige Erwachsene machen so etwas. Statistisch gesehen kennt jeder von uns mindestens eine Person, die ein Kind misshandelt.

Gesetzliche Reaktionspflicht für Ärzte

M├Âglicherweise ein Nachbar, eine Freundin, der eigene Partner. F├╝r die Pr├╝gler und M├Ârder ist das Strafrecht da. Damit sie diesem zugef├╝hrt werden k├Ânnen, brauchen wir als Gesellschaft offene Augen. Daf├╝r, dass die Kinder in unserem Land sicher und beh├╝tet gro├č werden, tragen wir alle eine Mitverantwortung - gemeinsam als Gesellschaft.

Gesetzlich k├Ânnen wir aber auch etwas tun. Ich pl├Ądiere f├╝r die Einf├╝hrung einer gesetzlichen Reaktionspflicht f├╝r ├ärzte, die entsprechende Verdachtsmomente f├╝r eine Kindesmisshandlung feststellen. Derzeitige Rechtslage ist lediglich die Entbindung von der Schweigepflicht in solchen F├Ąllen. Die ├ärzte k├Ânnen dann melden, m├╝ssen aber nicht. Ausdr├╝cklich fordere ich hier keine Meldepflicht an die Polizei. Eine Information an das Jugendamt oder die ├ťberweisung an einen Facharzt oder eine Klinik mit Kinderschutz-Ambulanz sollte aber verpflichtend sein.

Dort, wo in Familien ├ťberforderung herrscht, wo Eltern m├Âglicherweise nicht so auf ihre Kinder achten, wie sie es sollten, muss der Staat Unterst├╝tzung leisten. Pr├Ąvention vor Vernachl├Ąssigung ist hier das Schlagwort. Wir m├╝ssen fr├╝hzeitig in die Familien investieren, um Kinder rechtzeitig aufzufangen und Eltern Hilfe zu geben, wo sie sie brauchen.

Dabei geht es nicht nur um k├Ârperliche Vernachl├Ąssigung. Auch Eltern, die aus verschiedensten Gr├╝nden nicht in der Lage sind, ihren Kindern notwendige Grundkompetenzen, wie z.B. Fein- und Grobmotorik, Sprachkompetenz oder gesunde Ern├Ąhrung zu vermitteln, brauchen Unterst├╝tzung. Das Ziel: gleiche Startchancen f├╝r alle Kinder.

Verpflichtende Untersuchungen

Wege gibt es viele. Ein guter Ansatzpunkt sind die Fr├╝herkennungsuntersuchungen (die so genannten U-Untersuchungen). Etwa 3% der Kinder in Deutschland werden derzeit von ihren Eltern gar nicht zu diesen so wichtigen gesundheitlichen und motorischen Tests beim Arzt vorgestellt. Was wie eine verschwindend geringe Zahl klingt, betrifft in Wirklichkeit ungef├Ąhr 20.000 Kinder. Weitere 16% der Kinder nehmen nur einen Teil der Untersuchungen wahr.

Um m├Âglichst alle Kinder zu erreichen, pl├Ądiere ich daf├╝r, den Besuch eines Gro├čteils der Untersuchungen zur Pflicht zu machen - verbunden mit finanziellen Sanktionen. Wichtig ist dabei nur, sicherzustellen, dass sich aus einer eventuellen Pflicht kein staatliches Kontrollsystem ├╝ber die Eltern entwickeln kann.

Bei der Feststellung von Defiziten k├Ânnte im Dialog mit den Eltern eine entsprechende Unterst├╝tzung vereinbart werden, zum Beispiel Hilfe bei der S├Ąuglingspflege oder der Besuch eines Sprachkurses oder eines Kurses zum Thema gesunde Ern├Ąhrung.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Verantwortung bleibt bei den Eltern. Wenn n├Âtig, erhalten sie Unterst├╝tzung bei der Erf├╝llung ihrer grundgesetzlich verankerten Aufgaben. Den Familien k├Ânnen diese Hilfen schon sehr fr├╝h angeboten werden, m├Âglichen Entwicklungsverz├Âgerungen wird bestenfalls rechtzeitig begegnet.

Und auch der Staat hat etwas davon, denn meine ├ťberzeugung lautet ganz klar: die Kosten f├╝r Pr├Ąventionsma├čnahmen sind niedriger als Kosten f├╝r die Folgen nicht geleisteter Unterst├╝tzung. Oder anders ausgedr├╝ckt: Vorsorge ist besser als Nachsorge.

Die Rolle der Jugend├Ąmter

Ein wichtiger Akteur im System Kinderschutz ist nat├╝rlich das Jugendamt. Hier pl├Ądiere ich f├╝r eine Abschaffung des Tr├Ągervorbehalts. Derzeit sind die Mitarbeiter der Jugend├Ąmter auf Berichte der Tr├Ąger angewiesen, wenn sie Entscheidungen ├╝ber Unterst├╝tzung f├╝r Familien treffen m├╝ssen.

Besser w├Ąre, sie w├╝rden die Kinder selbst sehen. Auch unangek├╝ndigte Besuche der Mitarbeiter m├╝ssen m├Âglich sein, um einen umfassenden Kinderschutz zu gew├Ąhrleisten. Auch die Kommunikation zwischen Jugend├Ąmtern, zum Beispiel beim Umzug einer Familie, muss sich klar verbessern.

Nicht zuletzt ist es eigentlich eine Selbstverst├Ąndlichkeit, dass alle am System Kinderschutz beteiligten, ausreichend Expertise mitbringen, um Vernachl├Ąssigungen oder entsprechende k├Ârperliche Verletzungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Sowohl f├╝r seelische, als auch f├╝r k├Ârperliche Verletzungen ist es m├Âglich, einen klaren Kriterienkatalog zum Erkennen entsprechender Vernachl├Ąssigungen oder Misshandlungen zu erstellen.

In diesem Zusammenhang sind mir folgende Punkte wichtig: eine gesetzliche Fortbildungspflicht f├╝r Familienrichter in sozialp├Ądagogischen und psychologischen Fragen, entsprechende Fortbildungen f├╝r Mitarbeiter des Jugendamtes und der sozialen Tr├Ąger sowie die Verankerung entsprechender Inhalte in den Curricula relevanter Ausbildungs- und Studieng├Ąnge. Viele vorgeschlagene Ma├čnahmen, ein klares Ziel: Kinder in unserem Land m├╝ssen besser gesch├╝tzt werden. Daf├╝r tragen wir alle Verantwortung: Eltern, Gesellschaft und Politik.

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