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Digitale Bildung statt digitale Askese: Offener Brief an Josef Kraus

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Sehr geehrter Herr Kraus,

mit großem Bedauern habe ich Ihren Gastbeitrag im Bremer "Weser-Kurier" gelesen, in dem Sie in der Schule einen "asketischen Umgang mit digitalen Möglichkeiten" fordern.

Meines Erachtens verkennen Sie leider, dass digitale Tools, Smartphones und Tablets heute zur Lebensrealität unserer Kinder und Jugendlichen gehören. Sie finden Freunde im Netz, kommunizieren online, recherchieren für ihre Hausaufgaben.

Aber was das Wichtigste ist: Immer mehr Jobs finden sich schon heute im IT- bzw. Digitalbereich. Die Digitalisierung ist real. Und ausgerechnet aus der Schule - dort wo unsere Kinder etwas fürs Leben lernen sollen - wollen wir sie aussperren?

"Unsere Kinder dürfen keine Scheuklappen aufbekommen"

Ich finde, da sind Sie auf dem falschen Weg. Unsere Kinder dürfen keine Scheuklappen aufbekommen, sondern sollten mit offenen Augen staunend ihre Welt entdecken dürfen.

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Offline und online. Gerade weil digitale Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt schon heute ein entscheidender Faktor sind. Und sie werden immer wichtiger.

Ist es nicht Kernaufgabe der Schule, unseren Nachwuchs bestmöglich auf das spätere Leben vorzubereiten? Coden und Programmieren sind die Fremdsprachen unserer Zeit.

"Wenn wir das Netz verteufeln, werden die Kinder nicht mit uns sprechen, wenn ihnen online schlimme Dinge passieren"

Und ich sehe noch ein weiteres großes Problem: Neben allen Chancen und Möglichkeiten gibt es - wie im realen Leben auch - bestimmte Risiken im Netz. Das müssen wir nicht weg reden. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass Lehrer (ebenso wie Eltern und andere Vertrauenspersonen) kompetente Ansprechpartner für unsere Kinder und Jugendlichen sind.

Wenn wir das Netz verteufeln, werden sie nicht mit uns sprechen, wenn ihnen online schlimme Dinge passieren. Wenn sie beispielsweise gemobbt werden oder sexuell belästigt. Und das wäre fatal.

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Ich finde Ihr Statement auch deshalb besonders tragisch, weil Sie als Präsident des Lehrerverbandes als Sprachrohr der Lehrerschaft wahrgenommen werden.

Auch wenn es in der Lehreraus- und Fortbildung noch reichlich Nachholbedarf gibt, kenne ich doch viele Lehrer, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich stark engagieren, den Schülern digitale Tools für die Zukunft mitzugeben.

Lieber Herr Kraus, ich würde mich freuen, wenn Sie sich meine Worte zu Herzen nehmen. Gerne können wir uns zum Thema auch einmal persönlich austauschen.

Mit freundlichen Grüßen
Christina Schwarzer

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