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Die Angst, keine Hebamme zu finden, hat mir die Freude über meine Schwangerschaft genommen

05/06/2017 09:05 CEST | Aktualisiert 05/06/2017 09:05 CEST
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Der Beruf der Hebamme ist in Gefahr - und das ist dramatisch, denn: Hebammen sind für gebärende Frauen unersetzlich. Sie unterstützen werdende Mütter nicht nur während der Geburt, sondern auch davor und danach. Neben der medizinischen bieten sie auch eine seelische Begleitung an, die kein Arzt in einem solchen Ausmaß leisten kann.

Denn auch nach der Geburt besucht die Hebamme Frau und Kind jeden Tag bis einmal pro Woche für die gesamte Zeit des Wochenbettes, also insgesamt sechs bis acht Wochen nach der Geburt. Sie hilft der Mutter bei Stillproblemen und achtet darauf, dass sich die Gebärmutter zurückbildet. Wenn es keine Hebammen mehr gibt, wird diese Aufgabe niemand übernehmen und Frauen werden auf sich alleine gestellt sein.

Umso schlimmer ist es, dass gerade immer mehr Hebammen ihren Job aufgeben. Der Hauptgrund: Viele von ihnen können sich die steigende Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten.

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Für freie Hebammen ist die Summe in den vergangenen Jahren von 404 Euro im Jahr 2000 auf aktuell 6247 Euro gestiegen, wie die "Berliner Zeitung" berichtet.

Die Angst von Frauen, keine Hebamme zu finden, ist deshalb enorm. Christina Osterholt ist gerade schwanger und kennt diese Angst nur zu gut. Sie hat selbst viel zu lange verzweifelt nach einer Hebamme gesucht und versteht nicht, wie Politiker vor diesem großen Problem die Augen verschließen können.

Nur vier Tage nach meinem positiven Schwangerschaftstest hat bei mir die Panik eingesetzt. Aber nicht, weil ich schwanger war, sondern weil ich ausgerechnet habe, wann ich das Kind bekommen werde: an Weihnachten 2017.

Da ich die Hebammen-Situation in Deutschland kenne, war mir sofort klar: Eine Hebamme zu finden, die an Weihnachten arbeitet, wird schwer. Dass es allerdings nahezu unmöglich ist, war mir nicht bewusst.

Meine Ängste waren berechtigt

Eigentlich sollte eine Frau sich während ihrer Schwangerschaft möglichst wenig Stress aussetzen. Ich habe schon vier Tage nach dem Schwangerschaftstest mit der Suche nach einer Hebamme begonnen. Stundenlang habe ich gesucht, mein Leben hat sich nur noch darum gedreht. Aber ich habe eine Absage nach der anderen bekommen. Ich war verzweifelt.

Normalerweise wird empfohlen, erst ab dem vierten Monat nach einer Hebamme zu suchen. Das ergibt Sinn, denn wenn man so wie ich schon im Anfangsstadium nach einer Hebamme sucht, ist die Gefahr einer Fehlgeburt noch viel zu hoch. Auch daran habe ich gedacht. Und doch war meine Angst, am Ende ohne Hebamme gebären zu müssen, größer.

Es zeigte sich, dass meine Ängste berechtigt waren. Schon nach zwei bis drei Tagen hatte ich zehn bis fünfzehn Absagen. Mit jeder Absage habe ich die Hoffnung mehr verloren. Viele haben mir geschrieben:

"Leider gehört ihr Stadtteil nicht mehr zu meinem Einzugsgebiet."

Oder: "Ich bin leider schon bis Dezember 2017 ausgebucht." - und das, obwohl ich so früh angefragt habe. Das zeigt nur noch mehr, wie verzweifelt auch andere Frauen sind.

Eine weitere typische Antwort war: "An Weihnachten arbeite ich nicht."

Ich blieb hartnäckig und gab trotz der ausweglosen Situation nicht auf.

Den Hebammen fehlt der finanzielle Anreiz

Natürlich kann ich die Hebammen einerseits auch verstehen. Den Hebammen fehlt der finanzielle Anreiz. Sie haben keinen Vorteil dadurch, an Weihnachten zu arbeiten.

Andererseits: Was sollen wir Schwangere machen? Wir bekommen nun einmal auch an Weihnachten Kinder.

Die Hebammen haben auch ein Recht auf Weihnachten, keine Frage. Doch das keine Einzige bereit zu sein schien, ihren Berufsethos vor Weihnachten zu stellen, hat mich wütend gemacht. Eine Hebamme hat sogar nur einen Kilometer von mir entfernt gewohnt. Sie hätte mit dem Fahrrad fahren können. Aber auch sie war nicht bereit.

Hinzu kommt, dass ich mich dazu entschlossen habe, nicht im Krankenhaus, sondern im Geburtshaus zu entbinden. Das heißt, dass ich direkt nach der Geburt wieder nach Hause gehe. Aber gerade dann ist es wichtig, eine Hebamme zu haben.

Ich verspüre keine Freude mehr

Vor allem arbeiten die Hebammen nicht immer. Jede von ihnen nimmt nur etwa vier bis fünf Frauen im Monat. Das Unfaire: Die meisten Hebammen nehmen einfach die Frauen, die zu Beginn des Monats entbinden, damit sie dann den restlichen Monat frei haben.

Frauen, die ihr Kind erst Ende des Monats bekommen, so wie ich - und dann auch noch an Weihnachten - haben es also doppelt schwer. Ich hatte großes Glück und habe nun, endlich, durch Zufall eine Hebamme gefunden, die zugesagt hat, an Weihnachten zu arbeiten.

Aber ich verspüre keine Erleichterung mehr und auch keine Freude. Dazu war meine Verzweiflung einfach zu groß. Und an der Situation wird sich nichts ändern. Was sollen die anderen Frauen machen, die keine Hebamme finden? Wer hilft ihnen?

Es gibt keine Anlaufstelle für diese Frauen. Zwar gibt es einen Hebammenverband, aber der ist eigentlich nur für die Hebammen, nicht für die Frauen, die nach einer Hebamme suchen.

Die Politiker müssen endlich eingreifen

Hier muss deshalb dringend die Politik aktiv werden. Ich verstehe es einfach nicht, wie die Politiker angesichts dieser großen Problematik nur zuschauen können. Die Gesetzeslage muss sich dringend ändern.

Die Politiker müssten beispielsweise die Haftpflicht neu strukturieren. Denn derzeit ist es so, dass die Krankenkassen, wenn etwas wie ein Behandlungsfehler passiert, die Fehler bei den Ärzten oder Hebammen suchen. Denen werden dann die Kosten für die Behandlung in Rechnung gestellt. Auch das dürfte viele Hebammen abschrecken.

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Die Politiker müssen die Versicherungsprämien für Hebammen runtersetzen, weil diese zu hoch sind. Die Hebammen können sie sich einfach nicht mehr leisten. Während alles um sie herum mit den Jahren immer teurer wird, erhöht sich ihre Bezahlung außerdem nur um etwa 50 Cent alle paar Jahre, wie mir eine Hebamme erzählt hat.

Die Bezahlung der Krankenkasse ist sehr schlecht für die verantwortungsvolle Arbeit, die von den Hebammen geleistet wird. Dadurch stirbt der Beruf langsam aber sicher aus. Und niemand tut etwas dagegen.

Von Politikern bekam ich keine Antwort

Ich konnte mir das nicht länger ansehen und bin selbst aktiv geworden. Ich habe Gesundheitsminister Hermann Gröhe und auch unserem Bürgermeister, Olaf Scholz, persönlich einen Brief geschrieben, in dem ich ihnen die Problematik geschildert habe. Ich habe bis heute keine Antwort bekommen. Aber ich gebe nicht auf, werde weiter dran bleiben und nachhaken.

Sicher könnten auch die Hebammen mehr für ihren Beruf kämpfen. Es würde sich zum Beispiel anbieten, ein einziges großes Portal für alle Hebammen zu gründen. Derzeit sind sie auf vielen kleinen Portalen verteilt. Das ist unübersichtlich und wenig hilfreich.

Ich finde auch, dass Hebammen mobiler sein müssten. Wenn Frauen wirklich gar keine Hebamme finden, gibt es Notfall-Hebammen, zu denen man fahren kann. Aber ganz ehrlich: Im Wochenbett sollen Frauen liegen. Es ist nicht dafür gedacht, dass sie sich ins Taxi setzen und zu einer Hebamme fahren. Diese sollte zu ihnen kommen, nicht umgekehrt.

Ich habe allen Hebammen erzählt, vor welchem Problem ich stehe. Sie waren zwar alle verständnisvoll, aber letztendlich konnte mir niemand helfen.

Wir brauchen keinen Arzt, sondern eine Hebamme

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es, dass Politiker sagen: Wir setzen uns dafür ein, dass der Beruf der Hebamme nicht ausstirbt. Wir möchten, das Hebammen weiterhin so arbeiten können wie bislang.

Ich erzähle meine Geschichte zum Wohl unserer Kinder, die natürlich geboren werden wollen.

Werdende Mütter brauchen kompetente Hebammen, die Frauen sowohl bei Hausgeburten, bei Geburtshausgeburten oder bei der Geburt im Krankenhaus eine Beleghebamme ermöglichen - und keine Operationssäle, die nur an Kaiserschnittraten interessiert sind.

Denn es ist Quatsch, dass Ärzte den Beruf einer Hebamme übernehmen können. Wir brauchen keine Schmerzmittel und kein Krankenhaus, sondern jemanden, der uns hilft, unser Kind auf die Welt zu bringen.

Der Text wurde von Amelie Graen aufgezeichnet

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(lk)