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Ich brauche kein Mitleid, weil ich Sachen alleine unternehme

19/02/2016 16:30 CET | Aktualisiert 19/02/2017 11:12 CET
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Neulich habe ich mit ein paar Freunden über Reisepläne gesprochen. Eine von ihnen sagte, sie würde so gerne nach Lyon reisen, fügte aber hinzu: "Aber ich brauche unbedingt noch jemanden, der mitkommt - Ich werde da nicht alleine hinfahren. Niemand will das."

Am Nachmittag desselben Tages bin ich zum Mittagessen mit einer Freundin in ein Café gegangen. Wir sahen einen Bekannten von uns an einem Tisch sitzen und alleine essen. Also sagte meine Freundin: "Ach, er ist ganz alleine. Vielleicht sollten wir 'Hallo' sagen. Niemand sollte alleine essen müssen. Das ist so traurig."

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Diese Aussagen stießen in meinem Kopf ein paar Gedanken an, die schon vormals des öfteren ins Rollen gekommen waren:

Warum ist es noch immer sozial unverzeihlich, wenn man etwas alleine macht? Und warum wird immer angenommen, dass niemand gerne Sachen alleine macht?

Ich kann verstehen, wo diese Meinungen herkommen. Als Menschen sind wir nunmal sozial. Wir sind darauf ausgelegt, uns mit anderen Menschen zu umgeben und in Gemeinschaft aufzublühen. Es ist nur natürlich, dass wir unsere Erfahrungen mit anderen teilen möchten. Sozialisieren und Konversieren ist unsere Art, um Freundschaften aufzubauen und uns letztlich gegenseitig helfen, zu wachsen.

Trotzdem verblüfft es mich, dass die Idee, etwas alleine zu machen so bizarr zu sein scheint. Natürlich - nach unseren gesellschaftlichen Normen gelten Aktivitäten wie ins Kino gehen oder essen gehen als etwas, das man mit anderen Menschen gemeinsam macht. Aber wenn ich jemanden sehe, der alleine etwas unternimmt, macht das diese Person in meinen Augen nicht einsam. Ich nehme auch nicht an, dass die Person keine Freunde hat. (Okay, manchmal, wenn ich etwas alleine unternehme, fühle ich mich ein bisschen einsam, weil ich vielleicht keinen meiner Freunde dazu animieren konnte, mitzukommen ... aber das heißt nicht, dass ich bemitleidenswert bin.)

Ich glaube aber vor allem, dass es unser aller Recht ist, nicht in der Stimmung für Gesellschaft zu sein oder jemanden während einer Unternehmung zu bespaßen.

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Ist es wirklich so absurd, dass jemand beschließt, einen Abend alleine zu verbringen und alleine essen geht? Heutzutage leben wir in einer Welt, in der wir ständig abgelenkt werden, von Bildschirmen in allen Formen und Größen, die uns mit verschiedenen Reizen bombardieren.

Außerdem müssen wir aber auch noch die normale, alltägliche Kommunikation von Mensch zu Mensch bewältigen. Das ist anstrengend - für introvertierte Menschen genauso wie für extrovertierte. Wir brauchen alle ein bisschen Zeit für uns selbst.

Zeit, die ich alleine verbringe, ist Zeit, die ich mit meinen Gedanken in einer Welt voller Ablenkungen verbringe.

Aber wer sagt eigentlich, dass diese Zeit unbedingt zu Hause verbracht werden muss? Und zwar in Form eines hosenlosen Sonntags mit Netflix und Pizza?

Warum ist es vollkommen akzeptabel, das alleine zu tun, nicht aber etwas alleine in der Stadt zu unternehmen? Zeit, die ich mit mir alleine verbringe, ist Zeit, die ich mit meinen Gedanken in einer Welt voller Ablenkungen verbringe. Wenn ich alleine bin, habe ich die Zeit, mich mit Gedanken zu beschäftigen, für die ich bisher noch keine Zeit hatte. Oder auch, um an nichts zu denken und einfach den Moment zu genießen.

Ich nehme an, das ist eine weitere Erklärung dafür, warum wir es stigmatisiert haben, Dinge alleine zu tun. Wir neigen dazu, unsere eigenen Tendenzen auf andere Menschen zu projizieren - vor allem in Situationen, die wir negativ betrachten. Und ich finde, dass die Menschen mit der größten Aversion gegen das Alleinsein - die das furchtbar unangenehm finden und fast angeekelt wirken - selbst diejenigen sind, die am allerschlechtesten alleine mit sich selbst sein können. Warum das so ist, kann ich nicht sagen, aber sie scheinen in ihrem Leben von einer Ablenkung in die nächste zu gleiten - von einem Bildschirm zum nächsten.

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Mit den eigenen Gedanken alleine zu sein ist trotzdem eine der besten Erfahrungen für die Seele.

Das ist eines der größten Vergnügen, die ich in meinem Alleinsein finde. Ein weiteres ist natürlich die Freiheit, sich nach niemandem richten zu müssen. Du kannst eine ganze Stunde lang Klamotten anprobieren (das passiert mir recht häufig ...), ohne den Druck, dass jemand auf dich wartet. Du musst dich auch nicht im Museum beeilen, weil sich deine Begleitung langweilt. Wenn ich trödeln möchte, habe ich dafür alle Zeit der Welt.

Aber alleine verreisen? Wird das nicht etwas einsam?

Doch, schon -- Ich müsste lügen, wenn ich behaupte, es wäre nicht so. Eine der größten Freuden am Reisen ist, sich in der großartigen Geschichte eines Ortes oder seiner Schönheit zu entspannen und manchmal ertappe ich mich durchaus dabei, wie ich mir wünschen würde, doch einen Freund oder zumindest ein bisschen Gesellschaft zu haben. Der sieht, was ich sehe, isst, was ich esse und mit dem ich die Erlebnisse teilen könnte.

"Wenn du etwas wirklich tun willst, warum sollte dich die Idee, es alleine zu tun, davon abhalten? "

Das bringt mich zu folgendem Punkt: Trotz alledem lasse ich mich durch diese Faktoren nicht davon abhalten, das zu tun, was ich tun möchte und du solltest das auch nicht. Wenn du etwas wirklich tun willst, warum sollte dich die Idee, es alleine zu tun, davon abhalten? Letztlich geht es nur darum, wie du zu dieser Sache oder diesem Ziel stehst.

Es geht hier nicht darum, Menschen bloßzustellen, die nicht gerne alleine sind oder zu behaupten, diese Menschen hätten keine Tiefe. Jedem das Seine.

Aber die Belohnung liegt letztlich darin, etwas zu tun und wenn du das wirklich willst, dann mach es.

Reise nach Lyon. Geh zu dem Underground Music Event, für den sich keiner der Freunde interessiert. Genieße ein gutes Abendessen. Und all diese Leute, von denen du denkst, sie würden dich verurteilen ... wahrscheinlich tun sie es, weil wir das eben so machen, aber was hat das schon für eine Bedeutung im Großen und Ganzen?

Sachen alleine zu unternehmen verliert mit der Zeit den unsicheren Beigeschmack und stärkt dein Selbstbewusstsein. Es braucht ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und alleine die Tatsache, dass du es versuchst, sollte dich stolz machen. Und wenn ich abfällige Blicke ernte, weil ich meinen Nachtisch wie Steven Glansberg esse, nunja, dann ist das eben so.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich bei Medium. Lest mehr von Christina auf ihrer Medium Seite.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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