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Selbst in Berlin-Hohenschönhausen geht die Angst vor steigenden Mieten um

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BERLIN
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Die Mieten in deutschen Städten sind in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Selbst Viertel an den Stadträndern bleiben davon nicht verschont - wie Hohenschönhausen in Berlin. Der Stadtteil gehört zu den ärmsten in Berlin.

Die Angst vor steigenden Mieten - sie geht auch in Berlin-Hohenschönhausen um.

Immer mehr Menschen fürchten, dass ihre Wohnungen unbezahlbar werden. Und schon eine kleine Erhöhung könnte die Mieter zum Wegzug oder gar in die Obdachlosigkeit zwingen. Damit droht dem Viertel der Exodus.

Ich bin Vorsitzende des Vereins für ambulante Versorgung im Ortsteil Hohenschönhausen Nord. Zu uns kommen Schuldner, Alleinerziehende, Wohnungslose, Rentner und viele, viele mehr, die unsere Hilfe brauchen oder hier einfach einen Kaffee trinken und mit ihren Kindern spielen wollen.

Wohnungen hier waren begehrt

Unser Verein sitzt in einer Plattenbausiedlungen in Berlin-Hohenschönhausen, die kurz vor dem Ende der DDR errichtet wurde. Damals war das hier ein Vorzeigeprojekt für Berlin. Die Planer wollten Akademiker, Arbeiter, Familien, Rentner, Reiche und Arme unter einem Dach vereinen.

Die Wohnungen waren groß und neu - und dementsprechend begehrt. Wer hier hinzog, hatte es geschafft.

Nach der Wende veränderte sich vieles. Es leben immer noch viele Menschen hier, die damals herzogen - aber viele sind auch weggezogen. Durch die niedrigen Mieten hat der Ortsteil nach der Wende vor allem Niedrigverdiener angezogen. Menschen, für die die steigenden Mieten in der Innenstadt einfach viel zu teuer wurden.

Mehr zum Thema: Stadtteil der Extreme: Warum die HuffPost diese Woche aus Berlin-Hohenschönhausen berichtet

Etwa fünf Euro zahlt man hier pro Quadratmeter. So günstig kann man fast nirgends in Berlin wohnen. Die Platte mag zwar einige abschrecken, aber die Häuser sind saniert und gut in Schuss. Rundherum gibt es viel Natur. Unser Viertel ist sauber und gut an die öffentlichen Verkehrsmittel angebunden. Hier lässt es sich gut leben.

Die größte Sorge sind die steigenden Mieten

Aber die Menschen haben auch Probleme und Sorgen. Ich rede mit ihnen quasi tagtäglich darüber. Und ihre größte Sorge sind gerade die steigenden Mieten. Sie stellen sich die Frage: Wo sollen sie hin, wenn es schon hier unbezahlbar wird?

Manche können schon jetzt ihre Miete nicht mehr zahlen, weil sie sich zum Beispiel verschuldet haben oder das Gehalt zum Leben nicht reicht. So ernst ist die Lage.

Das Problem ist, dass es Hohenschönhausen vergleichsweise wenige Arbeitsplätze gibt. Wer hier wohnt, arbeitet meist woanders oder gar nicht. Wenn das Jobcenter zahlt, sind höhere Mieten nicht sofort ein Problem. Wenn nicht, sieht es anders aus.

Mehr zum Thema: Ein Münchner lebte im Zug, weil er sich die Miete nicht leisten konnte - jetzt

Besonders schwierig haben es Alleinerziehende, im Zweifel auch noch mit einem oder mehreren Kindern. Für sie reicht es finanziell hinten und vorne nicht. Da können 50 Cent mehr pro Quadratmeter schon existenzvernichtend sein oder ihr Leben spürbar verschlechtern.

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Die größte Sorge sind die steigenden Mieten

Es trifft also die, die sowieso schon schwer oder nicht mehr über die Runden kommen.

Wenn Familien und Kinder mit Existenzängsten groß werden müssen, dürfen wir uns damit nicht abfinden.

So etwas hinterlässt Spuren und ein Gefühl der Ohnmacht. Das führt etwa dazu, dass Menschen nicht zur Wahl gehen oder Populisten wählen. Bei der Berlin-Wahl ging jeder Zweite gar nicht zur Wahl.

Und ein bekennender Rechtsextremer holte für die AfD das Direktmandat in unserem Viertel. So etwas schockiert mich.

Und deswegen müssen wir Wege finden, den Betroffenen zu helfen. So hoffe ich, dass die Stadt endlich damit beginnt, die steigenden Mieten zu bekämpfen.

Der Plan, 300.000 neue Wohnungen zu bauen, könnte die Lage erheblich entspannen. Die Frage für mich ist nur: Kommen sie rechtzeitig?

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

Die HuffPost berichtet eine Woche aus Berlin-Hohenschönhausen. Hier findet ihr die bereits erschienen Beiträge:

Stadtteil der Extreme: Warum die HuffPost diese Woche aus Berlin-Hohenschönhausen berichtet

"Hier droht der Exodus": Wie ein Viertel in Berlin-Hohenschönhausen vor steigenden Mieten warnt

Tatort Plattenbau: Ein Polizist zeigt uns die wahren Probleme in Berlin-Hohenschönhausen

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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