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Wie uns die Kolumbianer lehren können, glücklich zu sein

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Wir Deutschen sind weltweit bekannt. Wir reisen gerne, wir sind effizient, arbeitsam, freundlich. Und wir beschweren uns gerne. Immerhin gibt es viele Gründe, für Beschwerden. Das Wetter ist zu warm. Oder zu kalt. Die letzte Gehaltserhöhung war nicht hoch genug. Der Arbeitskollege nervt. Und überhaupt macht der Job keinen Spaß. Das Internet ist mal wieder zu langsam. Die Bahn ist zu spät.

Wer hätte gedacht, dass wir Deutschen uns gerade von Kolumbien abschauen können, glücklich zu sein? Das Kolumbien, das unsere Nachrichten Jahrzehnte lang mit schlimmen Nachrichten über Mord und Todschlag versorgt hat. Längst hat dieses Land seinen schlechten Ruf abgeschüttelt. Vielmehr kann uns dieses südamerikanische Volk Einiges lehren.


Ein Pakt zum glücklich sein

Auf meiner Reise durch Kolumbien, hat mir eine Stadttour durch die einst gefährlichste Stadt der Welt, Medellín, die Augen geöffnet. „Wenn wir Kolumbianer mit unserer Geschichte glücklich sein können, dann könnt ihr das überall in der Welt." Das waren die Worte von unserem kolumbianischen Reiseführer Juan. Dabei sprach er englische, amerikanische, australische, spanische, belgische und holländische Mitreisende an. Und eben mich.

„Lasst uns einen Pakt schließen! Hier und jetzt! Wenn ihr nach Hause geht, dann nehmt das Glück mit und verbreitet es in eurer Heimat!" Mich durchzuckt es und ich bekomme eine Gänsehaut. Tränen stehen mir im Gesicht vor Rührung.


Medellín - einst die gefährlichste Stadt der Welt

Zu Zeiten von Pablo Escobar waren auf den Strassen in Medellín Morde und Tode an der Tagesordnung. So hat beispielsweise unser Reiseleiter Juan sechs seiner sieben guten Freunde aus der Jugend verloren. Zudem saß sein Onkel ein Jahr lang im fensterlosen Keller, nachdem er entführt wurde. Die Guerillas haben von seiner Familie Lösegeld erpresst und nachdem der Onkel endlich freigelassen wurde, war die Familie ihren gesamten Besitz los.

Solche Stories können viele Einheimische erzählen und es graut jedem Zuhörer (siehe auch Konrad Adenauer Stiftung).


Selektive Wahrnehmung für schöne Ereignisse

Am Ende des Tages sind die Kolumbianer ein Volk mit selektiver Erinnerung, beschreibt uns Juan. So erinnert sich der Einheimische gerne an die guten Erlebnisse, anstatt an die Schlimmen.

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Noch heute weiß Juan, was damals abging. 1990. Es ist WM und Kolumbien spielt gegen Deutschland in der Vorrunde. Damals schießt Pierre Littbarski in der 89. Minute das 1:0 für den Favoriten. Nur drei Minuten später passiert das Wunder und Freddy Rincon schießt in der 92. Minute wiederum den Ausgleich.

Jubelschreie, Feiern, Autokorsos - Kolumbien hat an dem Tag gefeiert, als wären sie Weltmeister geworden. Das, so wissen wir natürlich, wurde am Ende aber Deutschland.

Wer Kolumbien besucht, wird hier Menschen voller Lebensfreude treffen. Die Einwohner tragen ein Lächeln auf dem Gesicht, grüßen freundlich und sie feiern zahlreiche, bunte Feste.


Ein kulturübergreifendes, friedliches Miteinander

Kolumbien ist aufgrund seiner Geschichte ein Schmelztiegel von Gesellschaften und Kulturen. So trafen im 16. Jahrhundert die spanischen Eroberer auf die Ureinwohner. Neben dem Katolikentum brachten die Spanier auch afrikanische Sklaven nach Kolumbien. Ab dem 18. Jahrhundert gesellten sich zudem jüdische Auswanderer dazu (Quelle: Jüdische Allgemeine). Heute leben diese Kulturen friedlich nebeneinander, untereinander und miteinander. Was für ein Vorbild!

Kolumbien ist ein Land, das sich nicht aufgibt. Vielleicht merken das nicht viele.

Aber es gibt hier mehr Solidarität als Barbarei, mehr Vorstellungskraft als Wut und mehr Widerstand gegen den Krieg als Misstrauen gegen den Frieden.

Alfredo Witschi-Cestari, Humanitärer Koordinator der Vereinten Nation, während der Vorstellung des Nationalen Berichts zur menschlichen Entwicklung, Kolumbien - 2003 (Quelle: Online Magazin Quetzal).


Die Kolumbianer sind stolz auf Erschaffenes

In ganz Kolumbien gibt es genau eine Metro. Während sich Bogotás oder Cartagenas Strassen zur Rush Hour mit Autoschlangen füllen, fährt in Medellín die Metro durch die Stadt. Dabei fällt jedem Reisenden direkt auf, wie Blitzeblank diese Metro ist. Nirgendwo liegt Müll, nichts ist besprüht und alle achten auf diese Bahn, als wäre es ihr Privateigentum.

Die Tatsache, dass Medellín diese Metro erbaut hat, erfüllt alle Paiser mit großem Stolz. Paiser sind die hiesigen Landesbewohner. Obwohl die Stadt Jahrelang gebeutelt war, haben die Einwohner im Jahr 1995 ihre Metro eröffnet. Diese in Kolumbien einzigartige Hochbahn ist hier ein Symbol für die Kraft, gemeinsam etwas Großes zu schaffen. Keiner käme daher auf die Idee, dieses symbolträchtige Bildnis zu beschmutzen.

Der Stolz auf Geschaffenes ist uns Deutschen leider etwas abhanden gekommen.


Digitales Abschalten

Das digitale Zeitalter ist auch in Kolumbien angekommen. Nichtsdestotrotz hat man in diesem Land das Gefühl, dass es die Kolumbianer doch vermehrt schaffen, digital abzuschalten.

Menschenmassen in Zügen, die Robotermäßig in ihre Handys schauen, sind hier Fehlanzeige. Viel öfter sieht man Menschen, die sich unterhalten, anlachen und sich austauschen.


Freunde und Familie in der Vordergrund stellen

Die Kolumbianerin Paolo, die ich ich im Eco Hostel Medellín antreffe, unterstützt diese Beobachtung. „Geld wird überbewertet", sagt sie. Paola hat selbst Jahrelang als Filmproduzentin in Miami gearbeitet.

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Vor einigen Jahren ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. In Guatapé betreibt sie heute eine Farm nach dem Vorbild der Permakultur.

„Die Familie und Freunde sind so unglaublich wichtig", sagt Paola heute. Einige Jahre hat sie sich vom kapitalistischen System stressen lassen. Doch es ging immer nur um Zeit und Geld.

Heute lebt Paola mit den Besuchern ihrer Farm in ihrem Haus. Ein paar davon nehmen bei ihr Spanisch Unterricht und ein paar Gäste arbeiten bei ihr als Volunteer. Alle bleiben länger als erwartet, was wohl an der entspannten, wunderbaren, freundlichen Atmosphäre hier liegt.

Als ich bei ihr in der Hängematte liege, den Vögeln zuhöre und die Ziegen beobachte, wird es mir klar. Wir Deutschen können einiges lernen von den Kolumbianern. Wir können lernen, glücklich zu sein.


Lasst uns glücklich sein!

Also, lasst uns gemeinsam wieder zufriedener sein! Lasst uns auf die vielen positiven Aspekte in unserem Land schauen und stolz sein. Lasst uns friedlich zusammen leben und fremde Menschen freundlich aufnehmen. Auch uns Deutschen wird im Ausland so unglaublich viel Gutmütigkeit und Freundlichkeit zuteil.

Lasst uns mal wieder die Telefone ausschalten! Wann haben wir unseren Lebenspartnern zuletzt tief in die Augen geschaut? Und wann haben wir mit unseren Freunden den letzten gemütlichen Kaffee getrunken, ohne dass wir dabei auf das Telefon geschaut haben? Wie oft sagen wir unseren Mitmenschen, dass wir froh sind, dass sie da sind?

Wenn die Kolumbianer glücklich sein können, liebe Leute, dann können auch wir glücklich sein. Und wer glücklich sein noch lernen möchte, der sollte einmal nach Kolumbien reisen...

Dieser Beitrag ist zuerst bei Frau Wanderlust erschienen. Auf dem Blog gibt es weitere bunte Beiträge von meiner 4-wöchigen Reise durch das schöne Kolumbien.

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