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Krank

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Caroline Purser via Getty Images
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Gestern war in allen evangelischen Kirchen als Evangelium für den 21. Sonntag nach Trinitatis (hoffentlich) zu hören: der Abschnitt aus der Bergpredigt Jesu, in dem der berühmte Satz fällt „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar."

Später ruft Jesus seine Zuhörer/innen auf: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen ..." Er begründet das damit, dass Gott „seine Sonne aufgehen (lässt) über Böse und Gute und ... regnen (lässt) über Gerechte und Ungerechte." (Matthäus 5,38ff). Zu Beginn vieler Gottesdienste wird hoffentlich auch der Leitspruch für diese Woche verlesen worden sein, ein Wort des Apostel Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Römer 12,21) Beide Bibelstellen sind für die christliche Friedensethik konstitutiv.

Mehr noch: Es sind die Abschnitte, die den Vorrang für Gewaltlosigkeit, den Pazifismus, als vernünftige und politisch sinnvolle Handlungsmaxime begründen. Gleichzeitig sind es diese biblischen Gedanken, die den heftigen Widerspruch derer hervorrufen, die ihr Heil in Gewalt, Terror, Krieg suchen und darum die Waffenproduktion und den weltweiten Handel mit Rüstungsgütern fördern.

Ursache für Gewalt: Waffen

Am gestrigen Sonntag ließ dieser Widerspruch nicht lange auf sich warten und er entfachte sich auf besonders grausame Weise: Ein 26-jähriger Mann inszenierte unter den Besucher/innen eines Gottesdienstes in der baptistischen Kirche des kleinen texanischen Ortes Sutherland Springs ein fürchterliches Massaker. 26 Menschen fielen diesem zum Opfer, über 20 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Hinter diesem Widerspruch steht aber ein noch viel größerer: der freie Waffenhandel und -besitz in den Vereinigten Staaten. Er ist die Hauptursache für Tod bringende Amokläufe und tödliche Angriffe auf Menschen, die zumeist in keiner Beziehung zum Täter stehen. Auch der Täter von Sutherland Springs besaß ein großes Waffenarsenal.

Dieses erlaubte ihm, seiner unbändigen Wut und Aggression freien Lauf zu lassen. Es ist ziemlich klar: Der Grund für das Massaker ist nicht die Unbeherrschtheit und krankhafte Persönlichkeitsstruktur des Täters. Die Ursache für das Verbrechen sind die Waffen, die solchen Menschen frei zur Verfügung stehen.

Sie verleihen Tätern die Möglichkeit, ihre Vernichtungsabsichten in die Tat umzusetzen. Auch in Deutschland, auch in Leipzig leben Menschen, die nicht Herr über ihre Aggressionen, ihre Gewaltphantasien sind. Aber sie haben Gott sei Dank keine Waffen zur Verfügung, mit denen sie ihren krankhaften Zerstörungswillen zur schrecklichen Tat werden lassen.

Die Zahlen in den USA sprechen eine deutliche Sprache: Dort liegt die Anzahl von durch Schusswaffen getöteter Menschen pro 1 Millionen Einwohner/innen mit 30 um 15 Mal höher als in Deutschland. Auch andere Statistiken unterstreichen: der freie, unkontrollierte Waffenbesitz ist die Hauptursache dafür, dass in den USA jedes Jahr bis zu 15.000 Menschen erschossen werden.

Trump, der krankhafte Geist

Präsident Donald Trump hat sich auf seiner Japan-Reise zu dem Massaker geäußert - zunächst scheinheilig-überrascht: „Wer hätte jemals gedacht, dass so etwas passieren kann." Das sagt Trump, wohl wissend, dass es nicht das erste Massaker in diesem Jahr und in einer Kirche war.

Im Blick auf den Täter stellt er fest: „Das war ein sehr gestörtes Individuum". Auf die Frage, ob nun eine Änderung des Waffenrechts anstehe, sagte Trump: „Wir haben viele Probleme mit Geisteskranken in unserem Land, wie auch in anderen Ländern aber mit der Schusswaffenfrage hat das nichts zu tun". Eines ist richtig: Die Vereinigten Staaten haben viele Probleme mit „Geisteskranken" - und leider mehr als andere Länder.

Denn Amerika leidet unter dem krankhaften Geist des freien Waffenhandels. Das gefährlichste Virus für diese Krankheit sitzt im Weißen Haus. Schließlich tragen neben den jeweiligen Tätern Trump und alle, die der Waffenlobby erlegen sind, auch die, die meinen, gegen die Waffenlobby komme niemand an, die Hauptverantwortung für Verbrechen wie das von Las Vegas oder Sutherland Springs.

Sie alle sind Zeugen eines kranken Amerika, das derzeit seine Mitte verloren hat. Zu dieser Mitte gehörten inhaltlich auch die Grundaussagen der biblischen Botschaft - wie die aus der Bergpredigt.

Doch diese scheinen überhaupt keine Rolle mehr zu spielen. Sie sind nicht zuletzt durch die mit dem Trump-Flügel der Republikanischen Partei sympathisierenden Evangelikalen Gruppierungen in den Vereinigten Staaten einem weißen, rassistischen Menschenbild und einer religiös verbrämten nationalistischen Politik geopfert worden.

Zwei Aufgaben

Nun stehen wir vor einer zweifachen Aufgabe: uns selbst vor dem krank machenden Virus im Weißen Haus zu schützen und darauf zu hoffen, dass viele Christen in den USA „ad fontes", zurück zu den Quellen gehen und sich an Grundaussagen wie denen aus der Bergpredigt orientieren.

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