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Dumm ist, wer den Dank vergisst

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Mit diesem einprägsamen Satz eröffnete 1997 der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Klaus Engelhardt, seine Predigt im zentralen ökumenischen Gottesdienst zum Tag der deutschen Einheit. Zwanzig Jahre später, einen Tag nach dem Erntedankfest und wenige Stunden vor dem 3. Oktober 2017, hat der Satz nichts von seiner Prägnanz verloren: Denn wer sein Leben ohne die Perspektive der Dankbarkeit betrachtet, landet fast zwangsläufig in der Sackgasse des Verdrusses. Von diesem Verdruss - weniger über die Politik, als über das eigene Leben - ist am 24. September 2017 durch das Wahlergebnis ganz viel an die Oberfläche gespült worden, inzwischen verklärt als „Hilfeschrei", als Ausdruck von Demütigung und Entwürdigung.

Danken und Denken
Wer den Dank zum Kriterium seines Denkens macht, der tauscht nicht nur einen Buchstaben aus; er verbindet Danken mit Denken, den Rückblick auf die Widersprüchlichkeit des eigenen Lebens mit einer vernünftigen Einschätzung derselben. So kann er seine Opferrolle verlassen und zu neuem Selbstbewusstsein gelangen. Dabei wird jeder schnell spüren: Das Gegenteil von Dankbarkeit ist nicht die Undankbarkeit - es ist die Gedankenlosigkeit, die Unfähigkeit Vergangenes und Gegenwärtiges so zu reflektieren, dass daraus Kraft für zukünftiges Handeln gewonnen werden kann. Einen Grund, warum zu viele Menschen zur Gedankenlosigkeit neigen, sehe ich darin, dass sie ihre persönliche Existenz nicht mehr einordnen können in einen großen Sinnzusammenhang. Sie können das eigene Leben nicht als Geschenk betrachten, mit dem ich verantwortlich umzugehen habe und damit auch so umgehen kann. Dankbarkeit setzt Kräfte frei, das nicht zu übersehen, was ich an unverdientem Glück erfahre, und so sinnvolles Leben zu gestalten, mich dem Nächsten zuzuwenden, ihn an meiner Dankbarkeit teilhaben zu lassen. Vor allem aber bewahrt mich Dankbarkeit davor, mein Leben durch aggressive Abwertung anderer Lebensweisen, anderer Menschen aufzuwerten und das Heil in militanter Ab- und Ausgrenzung des und der Fremden zu suchen.

Kein Platz für Dankbarkeit im Weltbild der AfD
Nun ist die CDU mit dem Slogan in die Bundestagswahl gezogen: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben". Ungesagt sollte damit den Menschen suggeriert werden: Es gibt eigentlich nichts zu kritisieren; es besteht kein Anlass für Veränderung; seid dafür eurer Kanzlerin dankbar und gebt ihr die Stimme. Das aber haben viele Menschen verweigert, weil sie instinktiv gespürt haben: Hier soll eine Wohlfühlmentalität erzeugt werden, die in einem Widerspruch steht zur Lebenswirklichkeit. Ob allerdings die Stimmabgabe für die AfD ein Ausdruck dafür ist, Danken und Denken miteinander zu verbinden, muss sehr bezweifelt werden. Denn bei den Rechtspopulisten von der AfD/Pegida/Legida ist die Kategorie der Dankbarkeit ausgeschaltet. Sie wird überlagert von bewusst geschürten Ängsten vor Überfremdung. Darum legen AfD/Pegida/Legida - sie sind faktisch eine Einheit - es nur darauf an, den Menschen einzureden: Dir geht es schlecht, weil „fremde, islamistische Invasoren" dich Deiner nationalen Identität und Deiner materiellen Werte berauben. Mehr noch: Diese „Invasoren" haben sich inzwischen der „politischen Klasse" mehr oder weniger bemächtigt und sind dabei, uns das Land zu stehlen und eine „Umvolkung" zu vollziehen. Deswegen sieht ein Jörg Meuthen in seiner Heimatstadt Karlsruhe kaum noch Deutsche, und deswegen ruft ein Alexander Gauland in schneidigem Tonfall dazu auf „Wir holen uns unser Land zurück". In dieser nationalistischen Kampfrhetorik ist für Dankbarkeit kein Platz - und für Denken schon gar nicht. Denn beides würde dazu führen, das Leben, die Gesellschaft, die globalen Zusammenhänge differenziert zu betrachten und die Opferrolle zu verlassen.

Der Adressat für Dankbarkeit
Dankbarkeit hat immer einen Adressaten. Bei Christen ist dies Gott, dem ich mein Leben verdanke, der aber auch der Schöpfer des Lebens aller Menschen ist. Schon allein deswegen verbietet sich jede Form von National-, Religions-, Wirtschaftsegoismus. Der Dank lässt mich daran denken, dass ich keinen besonderen Anspruch darauf habe, dass ich morgen noch lebe. Das Besondere ist ja nicht, dass ich sterben muss; das Außergewöhnliche ist, dass ich noch lebe! Der Dank weist auch jede Form von rassistischer oder völkischer Überheblichkeit in die Schranken. So sind Danken und Denken das Paar, was frühzeitige Vergesslichkeit und intellektuelle Vergreisung, die Gedankenlosigkeit des Egoismus, und eine Dummheit abwehrt, die vergessen lassen will, dass wir alle nur Gast auf Erden sind, unstet und flüchtig. Es wäre viel gewonnen, wenn wir uns über diese Grundbedingungen der menschlichen Existenz neu verständigen können - an einem Tag, an dem wir hoffentlich dankbar und nachdenkend auf unser Land und diese Welt, vor allem auf den Nächsten blicken.