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Warum es attraktiv ist, an Homöopathie zu glauben

24/02/2017 10:51 CET | Aktualisiert 24/02/2017 17:22 CET
BSIP/UIG via Getty Images

Journalisten, die kritisch über Homöopathie berichten, können sich oft nicht retten vor wütenden Leserbriefen.

Offensichtlich ist es so attraktiv, an die Macht der kleinen weißen Kügelchen zu glauben, dass viele sich diese Vorstellung um keinen Preis nehmen lassen wollen.

Wie verbreitet dieser Glaube ist, zeigt die bereits erwähnte Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2009: Danach war jeder vierte Deutsche ab 16 Jahren überzeugt von dem Credo: »Homöopathische Arzneimittel sind wirksam.«

Interessanterweise legen Menschen an Methoden der Alternativmedizin anscheinend viel wohlwollendere Maßstäbe an als an konventionelle Therapien.

Wofür sollen die Krankenkassen Geld ausgeben?

In einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Befragung wurden mehr als 2000 Patienten dazu interviewt, wofür Krankenkassen Geld ausgeben sollten und wofür eher nicht.

Dabei legte immerhin die Hälfte der Teilnehmer sehr strenge Kriterien an Medizin im Allgemeinen an: Behandlungen müssten nachweislich mindestens 50 von 100 Patienten nützen, zum Beispiel, indem sie Schmerzen lindern oder das Leben verlängern, damit die Kassen sie bezahlen dürften. Ein extrem hoher Wert.

Überraschenderweise schwenkte jedoch jeder zweite von diesen "strengen" Patienten um, wenn es um alternative Methoden wie Homöopathie oder traditionelle chinesische Medizin ging: Die sollten die Kassen gern bezahlen - selbst wenn die Wirksamkeit umstritten sei.

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"Alternativmedizin gilt als sanft und ungefährlich, und wenn man im Bekanntenkreis dann noch hört, dass sie jemandem geholfen hat, entwickelt eine einzige persönliche Anekdote mehr Wucht als die beste Studie oder Statistik."

"Das könnte die große Toleranz der Befragten erklären", sagt Adele Diederich, Professorin für Psychologie der Jacobs University Bremen, die das Forschungsprojekt betreut.

Homöopathie befriedigt Bedürfnisse von Patienten

Anscheinend wird Alternativmethoden sogar komplettes Versagen klaglos verziehen: Laut mehreren Studien, darunter der Bertelsmann Gesundheitsmonitor 2002, identifizieren sich Kranke mit alternativen Therapien auch dann noch, wenn der Therapieerfolg einmal ausbleibt.

Möglicherweise, weil alternative Verfahren viele andere Bedürfnisse von Patienten befriedigen, die sich darin ernst genommen und unterstützt fühlen.

Diese Einstellung der Befragten war laut Gesundheitsmonitor unter anderem bei der Homöopathie besonders ausgeprägt. Ein Grund für die Anziehungskraft der Lehre von der Macht der weißen Kügelchen ist sicher ein zutiefst menschliches Bedürfnis, einer Krankheit nicht machtlos ausgeliefert zu sein.

Wer krank ist, fühlt sich besser, wenn er das Gefühl hat, selbst etwas für seine Genesung bewirken zu können.

Die Homöopathie mit der Vorstellung, die eigenen Kräfte quasi nur von außen anzustoßen, um dem Organismus die Chance zu geben, sich selbst zu heilen, erscheint im Sinne einer aktiven Interpretation von Genesung anziehender als die Vorstellung, sich passiv einem Arzt und einer Therapie auszuliefern, ohne das Ergebnis beeinflussen zu können.

Des Weiteren basiert das Gedankengebäude der Homöopathie (bei aller Komplexität durch einige Tausend Präparate mit all ihren Arzneimittelbildern) im Grunde auf wenigen Grundsätzen von plakativem Charme, die auch von Laien verstanden werden: Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt.

Die Macht des Geheimnisvollen

Was beim Gesunden Symptome hervorruft, kuriert diese Symptome beim Kranken. Je stärker verdünnt und verschüttelt, desto wirksamer die Potenz. Wer sich auf Homöopathie einlässt, kann relativ schnell mitreden und sich mit seiner Methode identifizieren.

Darüber hinaus befriedigt Homöopathie wohl gerade in unserer durchtechnisierten Welt eine tief verwurzelte Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen, Übersinnlichen, nach einer unsichtbaren Macht, in deren Wirkungskreis man sich aufgehoben fühlt.

Samuel Hahnemann erhob in seinem Hauptwerk die geistartige "Lebenskraft" zum höheren Prinzip, das dem Menschen sozusagen das Leben einhaucht. Eine Vorstellung, die einer religiösen oder spirituellen Bewegung oder der von Magie deutlich nähersteht als einem Medizinkonzept.

Mehr zum Thema: Der tragische Tod eines Babys in den USA zeigt, wie gefährlich homöopathische Mittel sein können

Auch der Neurologe und Psychiater Roland Schiffter vermutet unter anderem im Mystischen der Lehre Hahnemanns eine hohe Attraktivität:

"Die immer noch weltweite magische Anziehungskraft der Homöopathie, dieser durchaus weiterhin vorwissenschaftlichen Medizin, mag einerseits mit einem ubiquitären Bedürfnis der Menschen nach Magie erklärt sein, andererseits aber auch mit der Tatsache zu tun haben, dass die modernen Ärzte die subjektiven, menschlichen, psychischen und sozialen Bedürfnisse der Kranken nicht mehr befriedigen können."

"Zeit und Möglichkeiten für das ausführliche ärztliche Gespräch stehen nicht mehr zur Verfügung ", schreibt der ehemalige Chefarzt der Neurologie im Berliner Vivantes WenckebachKlinikum."

Ein romantisches Grundbedürfnis

Schiffter befasst sich seit vielen Jahren mit Medizingeschichte in der Epoche der Romantik, in der auch Samuel Hahnemann lebte und wirkte.

Im ausklingenden 18. und frühen 19. Jahrhundert stand man dem Übersinnlichen in Form von alternativen Heilslehren, vermeintlichen Wunderheilern und sogar Geistererscheinungen durchaus offen gegenüber. Heilbäder, Heilwässer oder Therapien mit der geheimnisvollen Kraft von Magneten kamen in Mode.

Schiffter zufolge stehen Homöopathie und andere Medizinkonzepte dieser Zeit im Zusammenhang mit einem Grundbedürfnis der Romantik, "das Menschsein mit Krankheit und Gesundheit in komplexen großen Zusammenhängen von Kosmos, Erde und Lebenswelt, also in kosmischen, ökologischen, biologischen, psychologischen und sozialen Bezügen zu sehen."

"Es musste ein großes lebensweltliches System her, das alles menschliche Sosein erklärte und der alt gewordenen, trockenen, rein rationalen Aufklärung alternativ gegenübergestellt werden konnte."

Mehr zum Thema: "Homöopathie kann lebensgefährlich sein": Hier rechnet ein Medizinprofessor mit der Alternativmedizin ab

Ein Bedürfnis, das auch heute noch (oder wieder) weitverbreitet sein dürfte und vielleicht die hohe Akzeptanz alternativer Medizin als scheinbare Ergänzung oder Alternative zur "trockenen, rein rationalen" Medizin erklärt.

Die Homöopathie von heute schafft es allerdings nicht nur, die Sehnsüchte nach dem Mystischen und Sanften zu bedienen, sondern auch, sich in Anpassung an ein Gesundheitssystem, in dem allenthalben nach Forschung und dem belegbaren Nutzen von Therapien gerufen wird, mit der Aura harter Wissenschaftlichkeit zu umgeben:

Sie beansprucht das Vokabular und die Methoden der evidenzbasierten, an Daten orientierten Medizin und kann damit auch bei wissenschaftlich vorgebildeten Patienten punkten.

Im Grunde aber versucht Homöopathie, mit irdischer Wissenschaft etwas zu untermauern, was sie im Grunde längst für überirdisch erklärt hat. Ein Ansatz, der uns ähnlich unfruchtbar erscheint wie der Versuch, Gott mit den Mitteln der Physik auf den Leib zu rücken.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen von Dr. Christian Weymayr und Nicole Heißmann.

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