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Was das Internet für Beziehungen bedeutet

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Am 14. Februar ist Valentinstag. Die Huffington Post widmet sich eine Woche lang dem Thema „Modern Love".

Was bedeutet Liebe in einer vernetzten Welt: man ist nur so verliebt wie das Facebook-Profil es zeigt? Der nächste Partner ist nur einen Wisch weg? Wir daten über Kontinente hinweg?

Was bedeutet Liebe für euch? Sendet eure Texte an blog@huffingtonpost.de.

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Das Internet hat viele unserer Gewohnheiten grundlegend verändert. Wir kaufen bei Amazon ein und bekommen so Pullover, Bücher und Katzenstreu frei Haus geliefert.

Wir haben ein Profil bei Facebook und chatten dort in Gruppen mit Menschen vom anderen Ende der Welt. Und wir schreiben 45 Nachrichten auf WhatsApp am Tag. Durchschnittlich!

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Hat das Internet aber auch die Liebe verändert? Die These, dass wir heute anders lieben ist verlockend. Aber sie ist falsch.

Wahr ist vielmehr: Es gibt - gerade in der Liebe - nichts Neues unter der Sonne.

Eine Partnerschaft zu haben, das ist für junge Menschen heute ein sehr hoher Wert. Heute hier morgen dort - das ist für sie kein erstrebenswertes Ideal. Das belegen Studien wie die bekannte Shell-Jungendstudie Mal um Mal. Veränderungen durch das Internet - Fehlanzeige.

Über 90 Prozent der Menschen wünschen sich eine Partnerschaft


Paare wollen eine exklusive Bindung. Über 90 Prozent aller Menschen wollen eine stabile Partnerschaft und sie alle wollen keine Untreue, keine „offene Ehe" und keine „Polyamorie". Wenn Menschen trotz aller Vorsätze untreu werden, dann sind es in der Regel die berühmten „Früchte aus Nachbars Garten", die so verlockend sind.

Sie flirten mit Kolleginnen und Kollegen, da also, wo sich tagtäglich Gelegenheiten ergeben. Ich habe schon von hunderten von Paaren gehört, bei denen es zu Untreue kam. Noch nie hat dafür ein Partner ein Seitensprung-Portal genötigt. Die allermeisten untreuen Partner wollen nicht untreu werden. Sie handeln nicht vorsätzlich. Veränderungen durch das Internet - Fehlanzeige.

Sind Menschen heute bindungsunwilliger geworden, als ehedem? Die Antwort lautet: Ja. Aber das hat mit dem Internet rein gar nichts zu tun. Die meisten Männer binden sich erst fest und gründen eine Familie, wenn sie finanzielle so gut gestellt sind, dass sie sich das auch leisten können. Das ist heute im Durchschnitt erst mit 32 Jahren der Fall, zwei Jahre später, als noch vor 25 Jahren.

Es steckt mehr dahinter


Was hat diese spätere Bindungsbereitschaft herbeigeführt? Die verlängerten Ausbildungszeiten in unserer Gesellschaft. Eine Wissensgesellschaft wie die unsere erfordert eine lange Ausbildung, keine Frage. Aber es ist ja mehr als das.

Auch nach einem Studium wartet ja nicht gleich die Festanstellung auf junge Menschen. Nach einem Studium kommt zunächst das Praktikum, dann der erste - befristete - Vertrag. Ich treffe viele Singles, Männer wie Frauen, die erst mit 38 oder gar mit 41 Jahren wirklich gesettled sind. Und sich dann eine Familie wünschen.

Veränderungen durch das Internet? Nein. Fehlanzeige.

Aber die Partnersuche! Da hat sich doch bestimmt eine Menge verändert. Denken viele. Und auch das ist falsch. Als sich meine Eltern kennenlernten, 1959 in der schönen Ruhrgebietsstadt Essen im „Blumenhof", da lernten sich die Hälfte der Paare im Freundeskreis kennen oder bei der Arbeit. Das ist heute noch immer so. Keine Veränderung.

Was aber machte die andere Hälfte? Sie musste dem Glück auf die Sprünge helfen. Dazu gingen sie dorthin, wo viele Singles aufeinander trafen. Damals, Ende der 50er, ging man in so einem Fall am Samstag Abend zur größten Tanzveranstaltung der Stadt.

Man ging dort in erster Linie nicht hin, um zu tanzen. Man ging dort hin, um jemanden kennenzulernen. Es ging darum, jemanden zu finden, der bereit war zu einem Date.

Ein Tanzabend, das waren gequälte Veranstaltungen, bei denen man in der Regel leer ausging. Aber wenn alles gut ging, dann hatte man nach zwei oder drei solcher Events ein Date. Eine Verabredung, wie es damals noch hieß.

Paare finden sich heute woanders


Das alles ist heute noch immer so. Wer mit 30 oder 35 heute Single ist, der geht ebenfalls da hin, wo sich Singles zusammenfinden. Zugegeben, jetzt kommt das Internet doch noch ins Spiel.

Denn bindungsbereite Singles in großer Zahl, die finden sich beim Tanzen heute nicht mehr. Aber sie finden sich - im Internet. Deshalb verliebt sich alle 11 Minuten ein Single über Parship. Oder über EliteParnter. Oder über E-Darling - und wie sie alle heißen. Weil dort so viele Singles aufeinandertreffen.

Auch das mit dem Daten ist heute so wie damals. Man ging zum Tanzen, um eine Date zu ergattern. Erst dann ging es dann ans Kennenlernen. Und zumeist war das Ergebnis negativ. Der andere passte eben nicht. Kein Unterschied zu heute.

Wir lernen uns heute also im Internet über Profile kennen. Wir lesen ganz genau, wie der andere sich und sein Leben beschreibt und entscheiden dann, ob wir ihn sympthisch genug finden, für eine erste Mail. Bis zum ersten Date müssen wir dann mit einem Foto vorlieb nehmen. Aber vom Moment des Zusammentreffens an, ist schon wieder alles so, wie ehedem.

"Nein, wir verlieben uns nicht im Internet."


Nein, wir verlieben uns nicht im Internet. Wer bitte macht den so was? Wir verlieben uns, weil die Treffen so toll sind, die Gespräche so ungezwungen und bereichernd und die Lebensziele so unglaublich ähnlich.

Wir freuen uns über das Lachen des anderen, über sein großes Interesse an uns und über seine Blicke. Noch heute schauen wir uns in die Augen, um zu erkennen, wie es um den anderen steht. Und um ihm nahe zu sein. Kein Änderung - warum auch. Die Liebe ist, wie sie ist.

Ja, die Liebe ist heute ein Kind der Freiheit geworden. Daran ist aber nicht das Internet schuld. Das ist vielmehr das Ergebnis der Scheidungsreformen, die in so gut wie allen westlichen Ländern in den 70er Jahren durchgeführt wurden. Seither ist es leichter sich scheiden zu lassen.

Fällt das Paaren deshalb leicht sich scheiden zu lassen? Gehen sie gerne auseinander, verkaufen das Haus und ziehen weiter zum Nächsten oder zur Nächsten, nur weil das Internet ihnen angeblich gleich die nächste Partnerschaft verspricht? Weit gefehlt.

Trennungen ziehen eine Schleifspur der Verwüstung nach sich und lassen noch heute jährlich Hunderttausende erschüttert, geknickt und entsetzt zurück. Wer bitte, gründet eine Familie und freut sich, wenn sie zerrissen wird? Als Paar- wie als Singleberater bekommen ich davon nichts zu sehen.

Jede Minute verliebt sich ein Single


Was ist bei alledem aber aus dem Tanzen als Ort des Kennenlernens geworden? Gibt es das noch. Aber ja, ich kann Sie beruhigen. Noch heute treffen sich Menschen zum Tanzen im „Blumenhof" in Essen. Und es finden sich auch Paare, wie der Inhaber voller Freude betont. Ein Mal im Monat gibt es dort nämlich Seniorentanz. Und da geht dann noch immer die Post ab.

Warten bis zum Seniorenalter, bis die Liebe wieder beim Tanzen kommt? Nein, das fällt den meisten Menschen denn doch viel zu schwer. Sie lernen lieber hier und jetzt kennen. Und deshalb gehen sie dahin, wo die anderen Singles sind. Ins Internet. Und deshalb verliebt sich heute jede Minuten ein Single in jemanden, den er über eine Suchbörse kennengelernt hat.

christian thiel

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