BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Prof. Christian Scholz Headshot
Joachim Zentes Headshot

Schizophrene Wirtschaft: Nur radikales Umdenken kann uns helfen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHIZO WIRTSCHAFT
Thinkstock
Drucken

»Houston, you have a problem.«
Abwandlung des Satzes von John L. Swigert, Apollo 13

Die Wirtschaft sind wir alle. Und diese Wirtschaft ist krank, denn wir alle wollen alles: als Unternehmer günstiger als andere produzieren und Gewinn machen, als Mitarbeiter beste Arbeitsbedingungen haben und viel verdienen, als Kunde immer billiger und immer bequemer einkaufen, und zwar beste Qualität, und als Bürger die Zukunft der Kinder sichern und die Umwelt retten.

Je nachdem, in welcher Rolle wir gerade auftreten, haben wir uns angewöhnt, die anderen Rollen auszublenden beziehungsweise nur so zu tun, als ob wir sie beachten. So wie die Unternehmen, die sich zurzeit überschlagen bei der Überarbeitung ihrer Leitbilder, sich nachhaltiges Management auf die Fahnen schreiben und mit Güte-, Öko- und Biosiegeln um sich werfen. Die aber trotzdem in einer darwinistischen Welt unter Wettbewerbs- und Kostendruck nur den kurzfristigen Nutzen ins Auge fassen.

Eine »existenzielle Schizophrenie«

Unsere Gesellschaft ist geprägt durch tief greifende Verwerfungen, Widersprüche und sogar Pathologien, angesichts deren es nicht reicht, dass sich ausschließlich Unternehmen irgendwie ändern. Vielmehr ist die gesamte Gesellschaft betroffen: Unternehmen schweben nicht im luftleeren Raum. Sie sind das Ergebnis ihrer Umwelt und sie prägen die Gesellschaft.

Die gesamte Gesellschaft ist »außer Rand und Band«, das Fehlverhalten aller Akteure offenkundig. Unternehmen, Konsumenten und Mitarbeiter, aber auch Politik und Medien agieren »gespalten«, was in ökonomische und soziale Irrwege mündet. Und letztlich - aber darauf werden wir nicht näher eingehen - trifft dieses Phänomen auch die katholische Kirche: So sprach Papst Franziskus im Dezember 2014 in einer Rede vor Kardinälen, Bischöfen sowie Priestern über die Vatikanverwaltung und lokalisierte dort eine »existenzielle Schizophrenie«.

Gerade diese inneren Widersprüche prägen unsere Lebenswelt: Wir leben in einer Schizo-Wirtschaft, in der das eigene Handeln nicht den Normen entspricht, an denen man das Handeln der anderen misst oder die man selbst angeblich einhält. Dies zeigt
sich in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen. Unternehmen, Mitarbeiter, Konsumenten, Politiker und Medienschaffende gleichermaßen liefern dafür vielfältige Beispiele: Ein Schizo-Verhalten offenbart sich in unternehmerischen Widersprüchen.

In ihren Leitbildern präsentieren sich Unternehmen als nachhaltig und propagieren dies gegenüber den Kunden und anderen Stakeholdern. Immer weniger gelingt es ihnen jedoch, die komplexen Prozessketten mit zahlreichen Lieferanten, Vorlieferanten und Dienstleistern, meist über den Globus verteilt, zu kontrollieren: Ökologische und soziale Missstände in den Wertschöpfungsketten sind die Folge.

Ein Schizo-Verhalten zeigt sich auch bei Konsumenten, wenn artikuliertes und faktisches Verhalten auseinanderdriften. In demoskopischen Umfragen zeigen sich Verbraucher als sozial und ökologisch orientiert oder gar engagiert. In der realen Einkaufswelt verhalten sich die meisten aber verantwortungslos. Wir alle freuen uns beim Einkaufen über Schnäppchen, ignorieren aber allzu oft die Arbeitsbedingungen, unter denen die Produkte in Niedriglohnländern hergestellt werden; gleichzeitig fordern wir von Unternehmen sozial und ökologisch korrektes Verhalten.

Ein Schizo-Verhalten sieht man auch bei den Mitarbeitern, die sich bei der Gewinnverteilung als Teil des Unternehmens empfinden, bei der Übernahme von Verantwortung aber energisch abwinken. Gerade wenn wir uns in Richtung auf das Phänomen »Generation Z« bewegen, rücken Versorgungsansprüche immer mehr in den Mittelpunkt, während das Denken »für« das Unternehmen in den Hintergrund rückt. Auch wenn diese mentale Entkopplung durch unternehmerische Fehlentwicklungen befeuert wird, ändert es nichts am grundsätzlichen Problem.

Ein Schizo-Verhalten gibt es ganz besonders bei Medienvertretern und Politikern. Denn Verantwortungslosigkeit und Vertrauensverluste kennzeichnen Politik und Medien, obwohl gerade sie für Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen stehen wollen: Beide befinden sich in heftigem Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Zustimmung. Aus diesem Grund geht es zwangsläufig weniger um langfristig stabile und kontinuierliche Arbeit, sondern dominant um kurzfristigen Erfolg.

Danach zählt für Politiker mehr die Frage, ob etwas politisch vermittelbar ist, und weniger das Nachdenken etwa über ökologische Nachhaltigkeit. Die groteske Manifestation dieser Systempathologie findet sich in den fast täglich über den Fernseher flimmernden Talkshows, in denen die ewig gleichen Journalisten mit den ewig gleichen Politikern die ewig gleichen Themen in der ewig gleichen Form diskutieren - wofür sich verblüffenderweise sogar immer wieder Zuschauer finden.

Zusammengefasst: Auf Unternehmensebene offenbaren sich Schizo-Situationen in Form von Systempathologien als Marktradikalitäten, Fehlanreize und mangelnde Transparenz, auf der Konsumentenebene als übersteigerte Selbstsucht und auf der Mitarbeiterebene als zunehmende Entkopplung. Diese Systempathologien sind nicht nur schwer aufzubrechen, sie werden von Medien und Politik noch verstärkt.

Ein radikales Umdenken aller Wirtschaftsakteure ist gefragt

Dies alles ist der Anstoß für uns, sich mit diesen Fragen in einer neuen, ganzheitlichen Art auseinanderzusetzen und Lösungsansätze dazu aufzuzeigen, wie Unternehmen und die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit künftig nicht mehr »außer Kontrolle« geraten.

Unser Ansatz stellt zunächst eine systemkritische Analyse dar, die Widersprüchlichkeit und Gespaltenheit aller wesentlichen Akteure einschließt. Wir zeigen auf, wie sich dieses Schizo-Verhalten in Konzepten und Handlungen niederschlägt, welche Schizo-Situationen und -Konstellationen sich ergeben und zu welchen dramatischen Konsequenzen dies führt.

Verwurzelt in den Grundfesten der sozialen Marktwirtschaft, zeigen wir aber auch Wege zu einer weiterentwickelten sozialen Marktwirtschaft auf, die sich ihrer ökologischen Verantwortung bewusst ist und im Sinne des ganzheitlichen Anspruchs der Nachhaltigkeit globale Gültigkeit einfordert.

Ein radikales Umdenken aller Wirtschaftsakteure ist gefragt. Unternehmer, egal ob sie produzieren oder verkaufen, müssen die Kontrolle oder Steuerung des gesamten Wertschöpfungsprozesses verantworten, von Anfang bis Ende, von den Rohstoffen bis zur Entsorgung, um so die ökologische und soziale Qualität der Prozesse zu garantieren. Konsumenten müssen erkennen, dass letztlich sie das eigentliche Regulativ in einer Marktwirtschaft sind, denn ihr Konsumverhalten steuert die Wertschöpfungsprozesse.

Mitarbeiter sind weniger natürliche Gegenspieler von Unternehmen und Führungskräften; sie sind vielmehr Teil des Unternehmens und gemeinschaftlich dafür verantwortlich. Politiker sind nicht die zentralen Figuren unseres Lebens, auch wenn die Nachrichtensendungen sich mehr mit Politikern als mit Unternehmen, Konsumenten und Mitarbeitern befassen; hier ist Allmachtsfantasie durch Dienstleistungsmentalität zu ersetzen.

Und schließlich müssen die Medienvertreter wieder klar zwischen Berichten und Kommentieren unterscheiden, also darauf verzichten, ihre individuelle Lebensphilosophie und das Geschäftsmodell ihres Mediums als universelle Handlungsmaxime zu begreifen.

Ausgangspunkt ist dabei nicht ein moralisierendes Aufzeigen von Missständen und Anklagen von Unternehmen, sondern das Aufzeigen von Wegen, die im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes, der sowohl ökonomische, soziale als auch ökologische Sicht-
weisen integriert, zu Situationen führen, die allen Beteiligten, den Kapitalgebern, den betroffenen Menschen und auch der Umwelt, zu spürbarem Nutzen verhelfen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Schizo-Wirtschaft:
2015-05-13-1431511204-9634972-SchizoWirtschaftCover.jpg
Campus


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Arbeitslosigkeit, BIP, Schulden: Europa im Krisencheck: Diese Länder erholen sich - und diese stürzen ab

Hier geht es zurück zur Startseite