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Es ist wichtig der Jugend klarzumachen, dass der Ponyhof seine Grenzen hat

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Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Medien stellen immer öfter erstaunt fest, dass heutige Jugendliche anders ticken als Jugendliche noch vor zehn Jahren. Offenbar gibt es eine neue Generation. Diese Generation Z ist in der Arbeitswelt angekommen und versucht, ihr Umfeld so zu gestalten, wie es ihr gefällt.

Oktober 2006: Julia (23 Jahre) sitzt im Vorstellungsgespräch. Ihr Gesprächspartner beschreibt sein Unternehmen als modernen Arbeitgeber mit Vertrauensarbeitszeit, leistungsorientierter Entlohnung, fließendem Übergang zwischen Berufs- und Privatleben, sowie mit interessanten Karriereperspektiven und Auslandsentsendungen.

Julia ist begeistert und akzeptiert das Jobangebot augenblicklich, wie es die meisten Vertreter ihrer Generation machen würden.

Zehn Jahre später im Oktober 2016: Heute sitzt eine 23-jährige Emily im Vorstellungsgespräch. Alles ist identisch, nur das Ergebnis nicht: Emily bedankt sich artig mit freundlichem Lächeln, weiß aber bereits jetzt, dass sie - wie viele ihrer Altersgenossen - ein derartiges Jobangebot nicht annehmen wird.

Geprägt durch Krisen und Helikoptereltern

Was ist geschehen? Nur einige Jahre sind vergangen und plötzlich ganz andere Reaktionen? Die Antwort: Vor uns sitzt eine neue Generation. Der Ausdruck "Generation" beschreibt in der Wissenschaft eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen Normen- und Wertesystemen, die vor allem in der Jugend geprägt werden.

Julia gehört zur Generation Y, geboren nach 1980. Sie folgt dem Prinzip "Fordern und Fördern", findet Wettbewerb gut und ist bereit, für die Chance auf Karriere hart zu arbeiten.

Mehr zum Thema: Wir sind die Generation, der kein Job gut genug ist - und schuld seid ihr, liebe Chefs

Emily vertritt die Generation Z, nach 1990 geboren und heute maximal 25 Jahre alt. Emily wird geprägt durch das allgegenwärtige Smartphone, durch Finanz- und Wirtschaftskrisen, aber auch durch Helikoptereltern, die ihrem Nachwuchs ein intensives Rundum-Sorglos-Paket bieten. Hinzu kommt bei uns die Bologna-Umstellung, die zu einem verschulten und strukturierten Studium "nach Plan" führt.

Die Konsequenz: Die Generation Z ist es gewohnt, behütet und umsorgt zu werden. Sie akzeptiert klare Strukturen nicht nur: Sie will und braucht sie. Etwas überspitzt ausgedrückt ist Emily wie Pippi Langstrumpf, die ihr kleines Häuschen mit Gartenzaun liebt.

Ein internationales Phänomen

Emily kennt genug Menschen mit Berufskrankheiten, mit Burn-out und gescheiterten Beziehungen. Deshalb legt sie Wert auf Gesundheit, ausreichend Schlaf, Stressfreiheit und ein geregeltes Privatleben.

Beim Wort "Verantwortung" kann Emily nur mit den Schultern zucken, angesichts von hochrangigen Topmanagern, die Nachhaltigkeit predigen, aber das Gegenteil praktizieren und lediglich ihr Einkommen nachhaltig maximieren. Und "Vertrauensarbeitszeit" ist für Emily allenfalls Zwang zur Selbstausbeutung.

Emily sieht, wie Unternehmen Mitarbeiter freisetzen, wenn diese keine ausreichende "Wertschöpfung" mehr versprechen. Sie weiß, dass "Arbeiten im Hamsterrad" nicht zwangsläufig Karriere bedeutet.

Aus diesem Grund findet sie den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber interessant: Denn obwohl sie sich selbst emotional nicht an einen Arbeitgeber bindet und jederzeit kündigungsbereit ist, schätzt sie doch unbefristete Arbeitsverträge und Sicherheit.

Die Generation Z ist ein internationales Phänomen und dementsprechend viele Studien gibt es inzwischen. Trotzdem gibt es in Deutschland noch immer die professionellen Beschwichtiger, die keinerlei Unterschiede zwischen Generationen sehen wollen und alle als gleich einstufen.

Dieser Fehler rächt sich. Denn behandelt man Emily wie Julia, sind Probleme vorprogrammiert: So wird Emily das Jobangebot nicht annehmen oder aber ganz rasch wieder weg sein.

Ausgeprägter Realismus

Emily sucht wie die Generation zuvor Sinn in ihrer Arbeit. Auch sie ist leistungsbereit. Sie will aber klare Arbeitszeiten, verbunden mit frei wählbaren Home-Office-Tagen. Nur: Anders als Julia aus der Generation Y mit ihrem "always on" ist Emily als Vertreterin der Generation Z nach Feierabend nur in absoluten Notfällen für ihren Chef oder für Kollegen erreichbar.

Mehr zum Thema: Liebe Erwachsene, versteht es endlich: Wir sehen die Welt mit anderen Augen als ihr

Trotzdem: So richtig und wichtig viele Impulse aus der wunderbaren Welt der Emily sind, so richtig und wichtig ist es, der Generation Z klarzumachen, dass der Ponyhof seine Grenzen hat. Unternehmen müssen klar kommunizieren, wo es tatsächlich Sachzwänge gibt. So kann die medizinische Betreuung kranker Menschen nicht um 17 Uhr enden.

Internationale Unternehmen müssen in verschiedenen Zeitzonen kommunizieren. Und Handelsunternehmen brauchen auch nach 17 Uhr Verkaufspersonal und Logistikdienstleister. Die gute Nachricht: Wenn plausibel und ehrlich begründet, wird die Generation Z mit ihrem ausgeprägten Realismus auf derartige Argumentationen einsteigen.

Zombie, Zukunft, Zeitgeist

Auch im Bildungsbereich dürfen wir der Generation Z nicht immer nachgeben: Wichtig sind neben elektronischen Medien weiterhin analoge Lernformen wie Papier und Notizbuch, bewusst differenziertes Feedback und eine Didaktik, die Umgang mit Unsicherheit zulässt.

Zudem gibt es Lernstoff, den man nicht durch Plaudergruppen und Google erschließen kann, sondern besser durch gut gemachten Frontalunterricht.

Herausgefordert sind schließlich die Politiker. Allerdings gibt es mehr ältere Menschen als Vertreter der Generation Z: Wegen dieser zahlenmäßigen Schieflage vernachlässigen Politiker gerade diese Generation, auf die wir alle angewiesen sind. Umgekehrt hat aber auch die Generation Z wenig Interesse an Politik, eine nachvollziehbare, aber gefährliche Haltung: So war in Großbritannien die Generation Z klar gegen den Brexit, hat sich aber vergleichsweise wenig am Referendum beteiligt.

Egal ob man die Generation Z als "Generation Zombie" oder als "Generation Zukunft" einstuft: Wir tun gut daran, uns substanziell und professionell mit ihr als Kunde wie als Mitarbeiter zu beschäftigen. Denn eines steht fest: Die Generation Z reflektiert Zeitgeist und ist damit ansteckend.

Prof. Christian Scholz ist Autor des Buchs Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt
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Weinheim (Wiley VCH) 2014, ISBN 3527508074

Dieser Beitrag erschien zuerst auf MAZ-Online.de

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